Unredliche Zahlenspiele mit dem christlichen Eheverständnis

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Angesichts stetig schrumpfender Kirchen und der Abkehr von ihren Lehren wächst bei (über-)apologetischen Christen die Versuchung, die Lage auch mal aufzuhübschen mit Daten, die einen selbst noch als Mainstream zeigen. "Idea" wartete jüngst mit einer INSA-Umfrage auf, wonach 56 Prozent der Deutschen sagen: "Eine Ehe besteht für mich aus einem Mann und einer Frau"; nur 34 Prozent stimmten explizit nicht zu. Meldet sich da die "schweigende Mehrheit" gegen das "woke" Projekt "Ehe für alle" zu Wort?
Irrtum! Die Umfrage mixt die gleichgeschlechtliche Ehe erstens mit dem Aufregerthema Polygamie zusammen, so dass man nicht weiß, was die Befragten hier hauptsächlich ausschließen wollen. Zweitens zieht das "für mich" die persönliche Lebenswirklichkeit in die Sachfrage hinein, wohlwissend dass die bei den Allermeisten heterosexuell ist. Für die Auslegung, die Deutschen hätten damit gegen die Rechtslage eine "Definition der Ehe" gegeben, bietet die mehrdeutige Frage keinen soliden Grund.
Umfragen zur Akzeptanz der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zeigen in Deutschland regelmäßig hohe Zustimmung, laut IPSOS 2025 71 Prozent, in Europa nur übertroffen von Schweden, den Niederlanden und Spanien. Weitere 10 Prozent der Deutschen votieren für eine andere Form rechtlicher Anerkennung, nur jeder Zehnte ist dagegen. Von der vermeintlichen INSA-Mehrheit für die tradierte christliche Ehedefinition keine Spur.
Nicht genug der Desillusionierung: Die trotz eingeschränkter Repräsentativität dargebotene Aufschlüsselung nach Konfession zeigt nur marginale Unterschiede im Votum von Katholiken, evangelischen Landes- oder Freikirchlern und Konfessionslosen. Die Schwarmintelligenz der Christen (sensus fidelium) sieht hier offenkundig kein originär christlich-ethisches Glaubensthema, jedenfalls nicht im Sinne naturwissenschaftlich konterkarierter Lehrprämissen. Trost beim klareren Votum der Muslime (74 Prozent) können Kreise, die gern eine "Islamisierung" beklagen, wohl kaum suchen.
Beim Umgang mit Umfragen ist es nicht anders als bei dem mit einzelnen Bibelworten: Kurzschlüssigkeit zerstört Glaubwürdigkeit. Demoskopen sollten die Wirklichkeit des Meinungsbilds erschließen, nicht verunklaren. Sonst nähren sie den Verdacht, statt der Volksmeinung die ihrer Auftraggeber zutage zu fördern.
Der Autor
Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.