Im Kloster mit Kukulle und Kapuze – nur ohne Schleier

66-jährige Nonne: "Für mich ist es das schönste Ordenskleid"

Veröffentlicht am 19.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Madeleine Spendier – Lesedauer: 

Fulda ‐ Mit Anfang 20 ist Schwester Martina Beele in den Orden der Benediktinerinnen eingetreten. Damals wurde ihr in einem feierlichen Akt das Ordensgewand überreicht. Bis heute trägt sie es gerne und aus Überzeugung. Doch vor ein paar Jahren hat sie sich gemeinsam mit ihren Mitschwestern auf ein Experiment eingelassen.

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Mit Anfang 20 ist Schwester Martina Beele in den Orden der Benediktinerinnen eingetreten, damals noch in einen Konvent in Köln. In einem feierlichen Ritus bekam sie ihre zuvor gesegnete, schwarze Ordenstracht von der damaligen Priorin überreicht. "Wir ziehen unser Gewand als Zeichen dafür an, dass wir bewusst in der Nachfolge Christi leben", erklärt die Ordensfrau. Als Braut Christi sieht sie sich nicht. "Dieses Bild passt für mich nicht", so die 66-jährige Benediktinerin, die in der Abtei zur Heiligen Maria in Fulda lebt. 

Insgesamt zwei Tuniken besitzt Schwester Martina. Eine, aus dickem Wollstoff gefertigt, für den Winter, und eine andere, leichtere Tunika, für die Sommermonate. "Wir Ordensfrauen leben bescheiden", lacht sie und schwingt ihr schwarzes, weit fallendes Ordensgewand, um es zu zeigen. "Für mich ist es das schönste Ordenskleid", freut sich Schwester Martina Beele, "denn es lässt mir viel Freiraum". Außerdem passe jetzt im Winter viel wärmende Kleidung, wie warme Leggings oder lange Hosen, darunter.

Über der Tunika, die mit einem Gürtel zusammengehalten wird, trägt die Benediktinerin ein schwarzes Skapulier, eine Art Überwurf. Dort in die Seitenöffnungen legt sie beim Beten gerne ihre Hände. "Das wärmt und hilft mir, mich innerlich zu sammeln", erklärt die Ordensfrau. Die Kapuze, die am Skapulier befestigt ist und zur benediktinischen Ordenstracht dazugehört, benutzt sie hingegen nur selten. Mönche tragen eine solche Kapuze am Habit gerne beim Gebet oder bei der Meditation am Kopf, weiß Schwester Martina. Sie selbst stülpt sich die Kapuze nur dann über, wenn sie das Kloster kurz verlässt und es draußen regnet oder schneit.

Einen Schleier trägt die 66-jährige Nonne nicht mehr

Ihren schwarzen Schleier trägt die 66-jährige Nonne nicht mehr. "40 Jahre lang habe ich meinen getragen und sogar gerne", berichtet Schwester Martina. Der Schleier war früher bei den Nonnen dort, wie man auf Bildern der Internetseite des Klosters, das zur Beuroner Kongregation gehört, sehen kann, vorne am Hals und über den Ohren geschlossen. Vor ein paar Jahren hat sich die benediktinische Frauengemeinschaft dann aber auf ein Experiment eingelassen. Die Schwestern wollten ausprobieren, ob es für sie besser passt, wenn sie keinen Schleier mehr tragen. "Als Gemeinschaft war es für uns an der Zeit, diese Kleiderordnung zu überdenken", sagt Schwester Martina. Ein Grund dafür waren auch klimatische Erwägungen, denn die Frauen schwitzen im Sommer mit dem Schleier am Kopf sehr. Nach dieser Phase des Ausprobierens im Kloster konnte dann jede der Schwestern für sich entscheiden, ob sie den Schleier weiterhin trägt oder weglässt. "Die meisten von uns haben den Schleier abgelegt", erzählt Schwester Martina. Sie auch. Manche Menschen von außerhalb hätten enttäuscht darauf reagiert. Doch viele Rückmeldungen waren überwiegend gut, so die Ordensfrau weiter. Sie selbst bereut es nicht, den Schleier nicht mehr zu tragen. Sie hört seitdem besser, weil ihre Ohren von dem Stoff nicht mehr bedeckt sind. Das ist beim gemeinsamen Singen in der Kirche hilfreich. "Nur achten wir jetzt mehr auf unseren Haarschnitt", lacht die 66-Jährige, die tagsüber in der Verwaltung der Abtei arbeitet, für die sie die Verantwortung trägt, sowie im Team des Klosterladens. Derzeit leben elf Benediktinerinnen in dem Kloster in Fulda. Ihr Altersdurchschnitt beträgt 70 Jahre. "Wir werden älter und haben wenig nachkommende jüngere Schwestern in unserem großen Klostergebäude", berichtet die Ordensfrau.

Bild: ©katholisch.de / msp

Schwester Martina Beele in ihrer Kukulle, dem benediktinischen Festgewand, das sie bei Gebetszeiten oder im Gottesdienst im Kloster trägt.

Schwester Martina mag das Leben in ihrem Kloster, die Stille und die Zurückgezogenheit, obwohl die Abtei und die dazugehörende Kirche mitten in der Altstadt in Fulda liegen. "Wir sind Nonnen in der Stadt", so die Benediktinerin, die die Gespräche mit den Besuchern des Klosters oder des Klosterladens genauso schätzt. Die Abtei soll ein Ort der Gastfreundschaft sein, betont sie. Dennoch leben die Nonnen im Kloster, dem Monasterium, in Klausur, erklärt die Benediktinerin weiter. Daher mag es Schwester Martina, wenn die Menschen sie auch äußerlich als Benediktinerin erkennen. Sie trägt ihre Ordenstracht gerne und aus Überzeugung. Denn damit fühlt sie sich angemessen gekleidet und müsse nicht ständig überlegen, was sie anziehen soll. Den Habit weglassen, würde sie nicht, denn der "gehört zu meinem Leben als benediktinische Nonne fest dazu". 

Bei Gebetszeiten und in der Liturgie tragen die Schwestern in der Kirche über der Tunika und dem Skapulier noch eine schwarze Kukulle. Es handelt sich dabei um ein liturgisches Gewand, eine Art Festkleid mit weiten Ärmeln. Schwester Martina hat ihre Kukulle mitgebracht und zieht sie sich über. Sie streckt ihre Arme darin seitlich nach vorne aus, und die übergroß geschnittenen Ärmel sind gut zu erkennen. Diese Haltung der ausgebreiteten Arme und geöffneten Hände ist eine "uralte Gebetshaltung", erklärt Schwester Martina, die sogenannte "Orantenhaltung". So, mit ausgebreiteten Händen, betet üblicherweise meist nur der Priester während einer heiligen Messe. Doch "vor vielen Jahren haben wir Schwestern diese Gebetsform an einer Stelle in der Eucharistiefeier wieder übernommen, und zwar beim Vater unser", erklärt Schwester Martina.

Es ist nicht selbstverständlich, dass wir im Kloster Eucharistie mit einem Priester feiern 

Zweimal in der Woche feiert ein Priester mit der Fuldaer Frauengemeinschaft die Messe. Darüber sind die  Schwestern dankbar, denn "es ist heute nicht mehr selbstverständlich, dass wir im Kloster eine Eucharistie mit einem Priester feiern können", betont die Benediktinerin. Der Rhytmus der klösterlichen Gemeinschaft ist von den gemeinsamen Gebetszeiten geprägt, die den Tag eröffnen, begleiten und beschließen, führt die Ordensfrau aus. Dazu komme eine Zeit für das persönliche Gebet am Morgen. "Weil ihr das Wort Gottes wichtig ist", widme sie sich morgens intensiv der Bibellektüre.

Ihre Entscheidung in einem Kloster zu leben, hat Schwester Martina bis heute nicht bereut. Obwohl sie Phasen in ihrem Leben hatte, in denen Zweifel aufkamen, wie sie sagt. Doch das gehöre für sie zu jeder Lebensentscheidung dazu. Die Benediktinerin ist froh, dass manche Klosterregel von damals, heute vereinfacht wurde. Auch die Kleiderordnung sei früher strenger gewesen als heute. Sie könne sich daran erinnern, dass sie vor ihrer Einkleidung im Kloster nur Röcke tragen durfte. Jetzt ziehen die Schwestern für die Gartenarbeit Hosen an, dazu einen praktischen, kurz geschnittenen Kasak, eine Art Überwurf mit Kapuze. 

Dass das, was sie trägt, auch optisch zueinander passt, ist ihr und ihren Schwestern dennoch wichtig. Zu ihrer schwarzen Ordenstracht zieht Schwester Martina daher meist einen schwarzen Rollkragenpullover und schwarze Schuhe an. "Ich möchte mich wohlfühlen in dem, was ich trage", sagt die 66-Jährige. Vor allem möchte sie sich als Frau weder unter ihrer Ordenstracht verstecken oder gar ihr Frausein ablegen noch vernachlässigen. Die Benedktinerin hat im Laufe ihres Ordenslebens erfahren, wie wichtig es ist, in sich hineinzuhören, um ein gutes und gesundes Körpergefühl zu entwickeln. Sie erwähnt, dass die  Ordensregel des heiligen Benedikt mit dem Wort "Höre" beginne. Das bedeutet für sie, aufmerksam hinzuhören und sich zu öffnen für das, was gerade geschieht. Ein Leben in einer Gemeinschaft habe viel mit dem "Aufeinander hören zu tun", ist die 66-Jährige überzeugt. Das habe auch mit dem klösterlichen Gehorsam zu tun. Schwester Martina ist gerne Benediktinerin, eine andere Lebensform könne sie sich für sich gar nicht mehr vorstellen: "Das ist mein Leben". Die Tracht mache aus ihr zwar keine Nonne, helfe ihr aber jeden Tag dabei, so leben zu können. Wenn sie einmal stirbt, möchte sie nach klösterlicher Tradition im Ordensgewand beerdigt werden. Ob mit oder ohne Schleier, weiß sie heute noch nicht. "Das regeln die Mitschwestern dann für mich", lacht sie zum Schluss.

Von Madeleine Spendier