Schwester Tobia ist die jüngste Ordensfrau im Kloster Reute

32-jährige Franziskanerin: "Ich wusste, worauf ich mich einlasse"

Veröffentlicht am 12.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Jasmin Lobert – Lesedauer: 

Bad Waldsee ‐ Mit ihren 32 Jahren erscheint Schwester Tobia wie ein Exot unter den Franziskanerinnen von Reute, die im Schnitt 78 Jahre alt sind. Warum sie sich als junge Frau für das Kloster entschieden hat, wie sie das Zusammenleben erlebt und wie sie in die Zukunft schaut, hat sie katholisch.de erzählt.

  • Teilen:

Am 22. November 2025 war es so weit: Nach acht Jahren Vorbereitungszeit legte Schwester Tobia im Alter von 32 Jahren ihre ewige Profess bei den Franziskanerinnen von Reute ab. "Ich habe das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommen", sagt sie. Mit dem Einzug in die Wallfahrtskirche sei ihre Nervosität wie verflogen, "da war nur noch pure Freude".

Der Ritus selbst sei vor allem eines gewesen: "intensiv". Sich öffentlich und mit innerer Gewissheit zu Gott und diesem Leben zu bekennen, "war für mich unglaublich wertvoll". Besonders der Moment während der Allerheiligenlitanei, als sie bäuchlings vor dem Altar auf dem Boden lag, blieb ihr im Gedächtnis. "Dieser Moment war ganz für Gott und mich", sagt sie. "Und ich habe gespürt: Ich mache genau das Richtige. Ich bin genau am richtigen Ort. Das ist für mich die richtige Gemeinschaft und die richtige Lebensform."

"Ein Versprechen auf Lebenszeit soll gut überlegt sein"

Diese innere Sicherheit war ein Weg – und kein Selbstläufer. Auch während der Ordensausbildung habe sie ab und an gezweifelt. "Ein Versprechen auf Lebenszeit soll gut überlegt sein", sagt sie. Gerade zu Beginn habe sie vieles rosarot gesehen. Doch irgendwann kam der Alltag, mit ihm Konflikte und Reibungen, wie sie in jeder Gemeinschaft auftreten. Hilfreich sei, so Schwester Tobia, dass es im Kloster Reute Schwestern gebe, die zwischen den Generationen vermitteln und "übersetzen" können.

Ein weiteres Thema, das sie damals wie heute beschäftigt, ist die Altersstruktur des Ordens: 130 Schwestern gehören zum Kloster, davon sind etwa ein Viertel unter 65 Jahre alt. Das Durchschnittsalter liegt bei etwa 78 Jahren. Die kommenden Jahre werden daher von Abschieden geprägt sein. "Das ist kein erhebendes Gefühl", sagt Schwester Tobia, "vor allem, weil man zu vielen der älteren Schwestern eine Beziehung aufgebaut hat."

Während der Allerheiligenlitanei lag Schwester Tobia bäuchlings vor dem Altar auf dem Boden - für sie ein ganz besonderer Moment.
Bild: ©Franziskanerinnen von Reute/Claus Mellinger

Während der Allerheiligenlitanei lag Schwester Tobia bäuchlings vor dem Altar auf dem Boden - für sie ein ganz besonderer Moment.

Auch der Tagesablauf und die Aktivitäten des Konvents seien stark auf ältere Menschen ausgerichtet. Rücksicht zu nehmen sei für Schwester Tobia selbstverständlich. Gleichzeitig brauche sie als junge Frau aber auch Räume für sich. Einen solchen Freiraum bietet ihre Wohnsituation: Zwar gehört sie zum Mutterhauskonvent, lebt aber mit vier jüngeren Schwestern im Jugendhaus auf dem Klostergelände. Die älteste von ihnen ist Anfang 50. "Hier können wir uns dann auch abends noch zusammensetzen und lachen, ohne dass wir die anderen dabei stören."

Als junge Schwester sei sie im Haus sehr gefragt – besonders, wenn es um technische Fragen geht. "Wenn das Handy mal streikt oder sich eine Datei nicht öffnen lässt, dann klingelt meistens mein Telefon", sagt sie und lacht. Neben einigen Aufgaben im Haus, wie zum Beispiel die Betreuung der Kerzenwerkstatt, verantwortet sie die Klosterangebote für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Sie betreut zum Beispiel Kommunion- und Firmgruppen, begleitet Schulklassen, organisiert Freizeiten, Pilgerreisen und Besinnungswochenenden.

"Auch als Ordensfrau gibt es Karriereplanung"

Zusätzlich absolviert sie eine berufsbegleitende Ausbildung zur Podologin. "Das ist tatsächlich ein bisschen Zukunftsplanung von meiner Seite", sagt sie. "Ich liebe die Jugendarbeit, aber irgendwann wird der Tag kommen, wo es mir reicht." Darauf wolle sie vorbereitet sein. "Auch als Ordensfrau gibt es Karriereplanung", sagt sie und lacht.

Dass Schwester Tobia diesen Satz jemals sagen wird, wäre für sie eine in der Kindheit und Jugend undenkbar gewesen. Aufgewachsen ist sie – damals noch Jessica Hartmann – in Salach bei Göppingen in einer Familie mit nur losem Bezug zur Kirche. Zwar wurde sie getauft und empfing die Erstkommunion, darüber hinaus spielte Religion aber kaum eine Rolle. "Wir sind nie in den Gottesdienst gegangen, auch an Weihnachten oder Ostern nicht", sagt sie. Ihr Vater trat später aus der evangelischen Kirche aus, ihre Mutter sei nur auf dem Papier eine Katholikin.

Schwester Tobia begleitete die Ministrantenwallfahrt des Dekanats Allgäu-Oberschwaben nach Rom.
Bild: ©Franziskanerinnen von Reute/Claus Mellinger

Schwester Tobia begleitete die Ministrantenwallfahrt des Dekanats Allgäu-Oberschwaben nach Rom.

Erste Berührungspunkte mit der Kirche hatte sie über die Sternsinger und eine Mädchengruppe. Als diese Gruppe vor dem Aus stand, übernahm sie diese zusammen mit den anderen älteren Mädchen – und wuchs so in die kirchliche Jugendarbeit hinein. Der Wendepunkt in ihrer Glaubensbiografie kam mit der Firmung. "Es geht darum, sich bewusst für die Kirche und den Glauben zu entscheiden", sagt sie. Damals stand sie vor der Entscheidung: Wenn sie den Glauben ernstnehmen wolle, dann solle er auch im Alltag eine Rolle spielen. Wenn nicht, wolle sie auch ihr Engagement in der Jugendarbeit aufgeben. "Ganz oder gar nicht, da war ich irgendwie so ein bisschen Radikalinski."

Geholfen habe ihr da ein Wochenende im Kloster Reute, das Teil der Firmung war. "Da habe ich gesehen, dass man den Glauben im Alltag leben kann, ohne verschroben zu sein." Die Ordensfrauen wirkten offen, herzlich und lebensnah. Aus einem Besuch wurden mehrere, irgendwann traute sie sich auch allein hinzufahren, sie verbrachte zahlreiche Wochenende und ganze Schulferien dort. Reute wurde für sie zu einem Ankerpunkt – und irgendwann schlich sich mit 17, 18 Jahren der Gedanken bei ihr ein, ins Kloster einzutreten. Da kam die FSJ-Stelle, die das Kloster für sie aus dem Boden stampfte, wie gerufen. In der Zeit wuchs ihre Gewissheit. "Irgendwas zieht mich hierher, das ist mein Ort."

"Für meine Familie ist das eine fremde Welt"

Allerdings gilt für das Kloster Reute: Vor dem Eintritt braucht es ein abgeschlossenes Studium oder eine fertige Berufsausbildung. So absolvierte sie eine Ausbildung zur Orthopädieschuhmacherin, bevor sie im letzten Lehrjahr in die Kandidatur eintrat. Das ist eine individuelle Kennenlernphase, in der man noch nicht im Kloster wohnt, aber regelmäßig zu Veranstaltungen und Wochenenden eingeladen wird. Darauf folgt im Kloster Reute ein Jahr Postulat, zwei Jahre Noviziat und fünf Jahre Juniorat.

"Als ich meinen Eltern gesagt habe, dass ich ins Kloster gehe, war die erste Reaktion kein Jubelruf", sagt Schwester Tobia. "Für meine Familie ist das eine fremde Welt." Sie hätten etwas Zeit gebraucht, um sich mit ihrer Entscheidung abzufinden. "Aber sie sehen, dass es mir hier gut geht." Ab und zu kommen sie sie im Kloster besuchen. Ihren kleinen Neffen hat Schwester Tobia sogar schon die hauseigne Imkerei gezeigt.

1870 bezogen die Franziskanerinnen das Kloster in Reute. Gegründet wurde die Gemeinschaft 1848 in Ehingen an der Donau.
Bild: ©Franziskanerinnen von Reute/Felix Kästle

1870 bezogen die Franziskanerinnen das Klosters in Reute. Gegründet wurde die Gemeinschaft 1848 in Ehingen an der Donau.

Mit der Noviziatsaufnahme bekam Schwester Tobia ihre Ordenskleidung und ihren Ordensnamen. Schnell fiel ihr auf: "Als Ordensfrau wird man in der Öffentlichkeit anders wahrgenommen. Im Zug drehen sich 90 Prozent der Köpfe nach mir um." Daraus mache sie den Menschen keinen Vorwurf: "Ich gucke ja auch hin, wenn jemand ausgefallen aussieht."

Allerdings werde sie auch öfter angesprochen. "Wenn jemand Hass auf die Kirche hat, bin ich die Projektionsfläche", sagt sie. Dann bekomme sie auch mal einen dummen Spruch ab. Genauso oft schütten Menschen ihr bei zufälligen Begegnungen das Herz aus. Es sei auch schon vorgekommen, dass eine fremde Frau sie gefragt habe, ob sie auf ihr Kind im Kinderwagen aufpassen könne, während sie zum Bäcker gehe. "Entweder bekommt man einen brutalen Vertrauens- oder Misstrauensvorschuss."

Schwester Tobia schaut positiv in die Zukunft

Mittlerweile kann sie mit solchen Situationen umgehen, zieht auch mal Grenzen, falls nötig. Ihre Entscheidung für den Ordnen und das Klosterleben hat sie bisher nicht bereut. "Durch die acht Jahre Vorbereitungszeit wusste ich, worauf ich mich einlasse", sagt sie – das gilt für ihre öffentliche Wahrnehmung genauso wie für das Miteinander in der Klostergemeinschaft.

Auch wenn sich das Klosterleben in Zukunft stark verändern wird, bleibt Schwester Tobia positiv. Sie sieht in den Veränderungsprozessen auch Chancen. "Dann sprechen wir darüber, was uns wichtig ist, was wir in den Fokus rücken wollen." Auch wenn das viel Energie ziehen werde, freue sie sich darauf. Entscheidend sei, auf dem Weg und an den Menschen dranzubleiben – "das gilt für uns genauso wie für die gesamte Kirche".

Von Jasmin Lobert