"Die Sünderin" sorgte für Skandal – Kirche reagierte mit Hirtenwort

Vor 75 Jahren stieß der deutsche Kinofilm "Die Sünderin" mit Hildegard Knef in der Titelrolle Kontroversen in heute kaum mehr vorstellbarem Ausmaß an. Schon vor seiner Uraufführung am 18. Januar 1951 in Frankfurt am Main erregte er die Gemüter.
Das Melodram beginnt mit dem Suizid eines durch einen Hirntumor erblindeten Malers (Gustav Fröhlich). Dann erzählt seine Geliebte Martina in Rückblenden die Vorgeschichte. In der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), die bis heute Altersbeschränkungen für Kinofilme festlegt, hatten sowohl der katholische wie auch der evangelische Vertreter bereits das Drehbuch kritisiert. Auch um den fertiggestellten, schließlich erst ab 18 Jahren freigegebenen Film gab es Streit.
Sowohl, dass die Protagonistin im Lauf der Handlung "Prostituierung als einen selbstverständlichen Ausweg aus ihrer menschlichen und wirtschaftlichen Notlage" sieht, erregte Zorn, wie auch die deutlich thematisierte Selbsttötung – durchaus nachvollziehbar nach der "Euthanasie" der Nazizeit. Eine kurze, aus heutiger Perspektive kaum mehr erkennbare Nacktszene kam als Tüpfelchen auf dem I der Aufregung hinzu.
"Zersetzung der sittlichen Begriffe"
Der Kölner Kardinal Joseph Frings, eine weithin bekannte Persönlichkeit der Nachkriegszeit, predigte nicht nur im Kölner Dom gegen den Film. Er formulierte in einem in allen Kirchen seiner Diözese verlesenen Hirtenbrief die Erwartung, dass "unsere katholischen Männer und Frauen, erst recht unsere gesunde katholische Jugend in berechtigter Empörung und in christlicher Einmütigkeit die Lichtspieltheater meidet, die unter Mißbrauch des Namens der Kunst eine Aufführung bringen, die auf eine Zersetzung der sittlichen Begriffe unseres christlichen Volkes hinauskommt".
Das führte wiederum zu verbal radikalen-Flugblättern, Boykottaktionen und sogar Stinkbombenangriffen auf Kinos, die den Film zeigten. In katholisch geprägten Regionen ergingen zeitweilige Aufführungsverbote. Schließlich erklärte in einer für die junge Bundesrepublik wegweisenden Entscheidung das Bundesverwaltungsgericht "Die Sünderin" 1954 zum Kunstwerk, dessen Aufführung nicht verboten werden kann.
Der damalige Kölner Erzbischof, Kardinal Josef Frings, ließ in den Kirchen ein Hirtenwort verlesen, in dem er den Film scharf kritisierte.
Insbesondere durch "Proteste kirchlicher und politischer Kreise" wurde "das larmoyante Melodram ... zum größten Skandal des deutschen Films", bilanzierte 1987 das "Lexikon des internationalen Films", das auf den Filmkritiken des katholischen "Filmdienstes" basierte. Gerade die katholische Entrüstung hatte die Aufmerksamkeit für den Film des über Jahrzehnte, also auch in der Nazizeit erfolgreichen Regisseurs Willi Forst ("Frauen sind keine Engel", 1943) und seines Drehbuchautors Gerhard Menzel ("Morgenrot", 1933) erhöht.
Sei es, dass die Kirche Lehren zog, sei es, dass die Filmproduzenten fortan mehr auf Konsens setzten: Aufregung ähnlichen Ausmaßes gab es um deutsche Kinofilme später nicht mehr. Auch wenn der "Filmdienst", der bis 2016 gedruckt erschien und als Online-Angebot weiterbesteht, sämtliche Kinofilme besprach und mitunter noch zum Diktum "abzulehnen" griff – etwa bei "Adam und Eva"-Verfilmungen.
Der Film "Das Schweigen" etwa, der 1963 mit für damalige Verhältnisse expliziter Darstellung von Sexualität wie mit vom Regisseur und Pastorensohn Ingmar Bergman intendierten religiösen Deutungen provozierte, wurde bemerkenswert differenziert besprochen. Skandalträchtige Hollywood-Produktionen wie William Friedkins "Der Exorzist" (1973) und Martin Scorseses "Die letzte Versuchung Christi" (1988) erregten international mehr Zorn als bei deutschen Katholiken.
Christus spaziert durch München
Herbert Achternbuschs Satire "Das Gespenst", in der 1982 Christus vom Kreuz stieg und durch München lief, setzte außer den Springer-Zeitungen "Welt" und "Bild" und Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU) auch zahlreiche katholische Pfadfinder in Aktion. Doch großen Publikumserfolg erzielte der schwarzweiße Experimentalfilm nicht. Religiöse Themen hatten an breitenwirksamer Skandalmacht verloren, der Kinofilm seinen Nimbus als suggestivkräftigstes Massenmedium.
Insofern markiert "Die Sünderin" einen Höhepunkt. Aus heutiger Sicht kann weiterhin gelten, was der Filmjournalist Joe Hembus 1980 schrieb: dass es sich um den "interessantesten schlechten deutschen Film aus einer Zeit, da es fast nur schlechte deutsche Film gab", handelt. Interesse verdient etwa Hildegard Knef, deren 100. Geburtstag sich am 28. Dezember jährte. Ihre Star-Qualitäten scheinen in "Die Sünderin" schon deshalb durch, weil ihre markante Stimme den redseligen Rückblenden-Offkommentar durchgehend dominiert.