Neubesetzung von Schlüsselpositionen

Papst Leo XIV. steht vor wichtigen Personalentscheidungen

Veröffentlicht am 25.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Ludwig Ring-Eifel (KNA) – Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Über einen Herbst der Entscheidungen hatten Vatikanbeobachter spekuliert, als Leo XIV. Ende Juli aus der Sommerfrische in Castel Gandolfo zurückkehrte. Daraus wurde erstmal nichts; doch nun kommt Bewegung ins Spiel.

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Ähnlich wie bei dem in Deutschland von der Bundesregierung angekündigten "Herbst der Reformen" blieben auch im Vatikan größere Veränderungen nach dem Machtwechsel erst einmal aus. Das gilt inhaltlich, aber auch bei den Personalentscheidungen: Abgesehen von der Nachbesetzung seiner eigenen früheren Stelle im Dikasterium für die Bischöfe hat Papst Leo XIV. in den ersten acht Monaten seines Pontifikats noch keine wichtige Neubesetzung in der römischen Kurie, also der Zentralverwaltung der weltweiten katholischen Kirche, verkündet.

Die von ihm nach der Wahl vom 8. Mai zunächst ausgesprochene Verlängerung der bisherigen Kurienämter "bis auf Weiteres" (donec aliter provideatur) gilt immer noch. Doch da er persönlich erklärt hat, dass er die Altersgrenzen für Bischöfe (und mithin auch für die meisten Kurienchefs) strenger handhaben will als sein Vorgänger, rücken im laufenden Jahr einige Entscheidungen unaufhaltsam näher.

Nicht nur Veteranen sind an der Reihe

Das betrifft zunächst den Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch. Er ist derzeit der letzte Deutschsprachige an der Spitze einer Vatikanbehörde. Seit 15 Jahren ist der Nachfolger von Kardinal Walter Kasper für den Dialog mit den anderen Kirchen sowie mit dem Judentum zuständig und damit einer der dienstältesten Kurienchefs überhaupt.

Bild: ©Henning Klingen / Kathpress

Der Präfekt des Dikasteriums für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch.

Im vergangenen Jahr hat Koch noch einige wichtige Jubiläumstermine über die Bühne gebracht, allen voran die 1.700-Jahr-Feierlichkeiten des ökumenischen Konzils von Nizäa in der Türkei im November. Zuvor stand der 60. Jahrestag der wichtigen Konzilserklärung "Nostra aetate" auf dem Programm, bei dem es nicht zuletzt um die Beziehungen zum Judentum ging. Eine vierte Amtsperiode für Koch ist äußerst unwahrscheinlich. Zudem hat er jüngst mit der Wahl zum Präsidenten des internationalen Hilfswerks "Kirche in Not" eine wichtige Aufgabe übernommen, die ihn auch über sein Kurienamt hinaus fordert.

Erst knapp fünf Jahre im Amt, aber demnächst (am 6. März) 76 Jahre alt, ist Kardinal Arthur Roche aus England. Im Mai läuft seine erste fünfjährige Amtszeit als Präfekt des Dikasteriums für die Liturgie ab, und altersbedingt ist eine zweite Amtszeit so gut wie ausgeschlossen. Beim außerordentlichen Konsistorium durfte er am 7. Januar noch einmal (schriftlich) die liturgie-politische Linie von Papst Franziskus darlegen. Doch schon beim nächsten Kardinalstreffen im Vatikan Ende Juni könnte es sein, dass sein Nachfolger als Liturgie-Präfekt in das Thema einführt.

Die Personalentscheidung an der Spitze der Liturgie-Behörde ist wegweisend: Sie wird Aufschluss über die Ausrichtung des Papstes bei dieser zwischen Traditionalisten und Reformern höchst umstrittenen Thematik geben.

Zwei Nordamerikaner vor dem Abschied

Ein weiterer sicherer Kandidat für die Auswechslung ist der bisherige Präfekt des Dikasteriums für Laien und Familie, der irischstämmige US-Amerikaner Kevin Farrell (78). Sein zweites Quinquennium endet im August, kurz darauf wird er 79. Sein Posten ist einer der wenigen, den auch ein Laie (welchen Geschlechts auch immer) problemlos ausüben könnte. An dieser Stelle hätte Leo XIV. Gelegenheit, zu zeigen, ob er die von seinem Vorgänger begonnene Öffnung von kurialen Spitzenämtern für Frauen und Männer ohne Priesterweihe fortsetzen will.

Ebenfalls nahe am Ruhestand ist der Präfekt des "Mega-Dikasteriums" für ganzheitliche Entwicklung, der Kanadier Michael Czerny. Er leitet die Behörde zwar erst seit knapp vier Jahren, aber spätestens mit seinem 80. Geburtstag am 18. Juli dürfte seine Amtszeit enden. Als ein Favorit für die Nachfolge gilt Kardinal Fabio Baggio (61). Er hielt beim jüngsten Konsistorium das Grundsatzreferat über die von Papst Franziskus umgebaute vatikanische Kurie und gilt als Mann mit guten Aufstiegschancen.

Glaubenspräfekt Kardinal Victor Manuel Fernandez bei einer Pressekonferenz
Bild: ©KNA/Cristian Gennari/Romano Siciliani

Kardinal Victor Manuel Fernandez, Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre.

Seit Leo im Oktober den langjährigen Präfekten Filippo Iannone (68) zum Leiter des Bischofsdikasteriums machte, ist zudem der Posten des päpstlichen Chefjuristen frei. Da der zweite Mann in der Behörde, der spanische Opus-Dei-Mann Juan Ignacio Arrieta am 10. April bereits 75 wird, hat er wenig Aussichten auf die Nachfolge. Mehr Chancen dürfte der norditalienische Kurienbischof Marco Mellino (59) haben, den Papst Leo XIV. erst Ende November zum "Beigeordneten Sekretär" ernannte. Mellino hat sich im Vorgänger-Pontifikat als Sekretär des Kardinalsrats K9 große Verdienste erworben.

Die für Laien vorgesehene Altersgrenze von 70 Jahren erreicht im Oktober der Präfekt des Kommunikations-Dikasteriums, Paolo Ruffini. Manche Beobachter erwarten, dass Leo XIV. den anstehenden Personalwechsel an der Spitze mit weiteren Umbesetzungen sowie möglicherweise auch mit strukturellen Umbauten in der vatikanischen Kommunikationsabteilung verbinden wird. Sie gehört nach wie vor zu den personalintensivsten und kostspieligsten Abteilungen im Vatikan, und sie steht wegen der allgemeinen Veränderungen im Mediensektor unter permanentem Veränderungsdruck.

Die beiden wichtigsten Posten

Unter allen möglichen Personalentscheidungen des Papstes gelten vor allem zwei als besonders richtungsweisend. Die eine betrifft den "theologischen Vordenker" unter Papst Franziskus, Kardinal Víctor Fernández (63). Als Präfekt des Glaubensdikasteriums ist er für die grundsätzliche theologisch-dogmatische Linie des Pontifikats zuständig. Weder vom Alter noch von der Amtszeit her (Franziskus holte ihn erst im September 2023 nach Rom) steht für ihn eine turnusmäßige Auswechslung an.

Und so könnte Leo den Argentinier noch eine Weile im Amt belassen - ganz ähnlich, wie es seinerzeit Franziskus mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller tat, obwohl beide theologisch sehr unterschiedlich tickten. Wie Leo und Fernández in Lehrfragen miteinander harmonieren, ist derzeit noch ungewiss.

Beim Konsistorium am 7. Januar brachte Fernández das Kunststück fertig, sich für Veränderungen im neuen Pontifikat auszusprechen und gleichzeitig für eine Fortsetzung der dynamischen Kernbotschaft des ersten lateinamerikanischen Pontifex einzusetzen. Solches "Sowohl-als-auch-Denken" ist gut vereinbar mit dem Ansatz, den auch Papst Leo XIV. für die Überbrückung der Gegensätze innerhalb der Kirche verfolgt.

Bild: ©Henning Klingen / Kathpress

Pietro Parolin ist erfahrener Chefdiplomat des Vatikan.

Vermutlich noch wichtiger als die Stelle des Glaubenspräfekten ist die des Kardinalstaatssekretärs. Der jetzige Inhaber Pietro Parolin (71) gehört zu den Veteranen im Vatikan. Seit 15. Oktober 2013 leitet der filigran agierende Diplomat aus dem Veneto die vatikanische Außenpolitik gegenüber den Staaten und den Ortskirchen. Sein umstrittenstes Werk, das Geheimabkommen mit der chinesischen Führung über die Ernennung von Bischöfen, scheint tatsächlich zu einer gewissen Befriedung im Reich der Mitte geführt zu haben - und zwar sowohl zwischen den zerstrittenen Flügeln der Kirche als auch zwischen Kirche und Kommunistischer Partei.

Sofern seine Gesundheit stabil bleibt, dürfte Parolin daher wohl noch im Oktober 2028 seine dritte Amtszeit vollenden können. Angesichts der an vielen Stellen krisenhaften Weltlage scheint ein Chefdiplomat mit der Erfahrung und den Verbindungen Parolins derzeit für den Papst wertvoller denn je. Die Chemie zwischen Leo XIV. und seinem beim Konklave anfangs noch recht aussichtsreichen Konkurrenten scheint derzeit besser denn je.

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA)