Schwester Johanna Domek über das Sonntagsevangelium

Die Einladung der Seligpreisungen

Veröffentlicht am 31.01.2026 um 09:30 Uhr – Lesedauer: 
Ausgelegt!

Köln ‐ Selig nennt Jesus Menschen, die arm vor Gott sind, barmherzig handeln und sich auf seine Zusage einlassen. Schwester Johanna Domek schreibt, warum genau dieses Annehmen für sie der Anfang eines geistlichen Weges ist.

  • Teilen:

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Als die Stadt Essen 2002 ihr 1150jähriges Jubiläum der Stadt und des dortigen Frauenstiftes beging, lud der damalige Bischof Hubert Luthe (1927 – 2014) an sechs Freitagen der Fastenzeit, Äbtissinnen und Priorinnen verschiedener heutiger Klöster ein zu einer Predigtreihe über die Seligpreisungen. In den verschiedenen Ansprachen wurde sehr deutlich, dass die Seligpreisungen weder unerreichbarer Maßstab oder schöne Utopie bedeuten. Vielmehr sind sie lebbare Haltungen von Menschen – in all ihrer möglichen Gebrochenheit und Menschlichkeit – die im Matthäusevangelium Jesus in seiner Grundsatzrede der sog. Bergpredigt an den Anfang seines Wirkens stellt.

Schon zwei Stunden vor Beginn war der Essener Dom voll besetzt. Die Gottesdienste hatten eine in vieler Hinsicht große Dichte. Nicht nur in kirchlichen Medien fand das ein Echo. Wenig später erschienen die Predigten auch als Buch.1 Da wurden nicht Können oder gar Perfektion ins Wort gebracht, sondern Zeugnisse von Frauen, denen Jesu Worte Richtschnur geworden war und die sich darauf eingelassen hatten. Die Seligpreisungen sind Einladung in die Nachfolge Jesu, sind Glückwunsch und Zuspruch für Menschen, die sie annehmen. Ohne dieses Annehmen sieht man nichts davon, wird nichts einsichtig. Erst das Annehmen eröffnet den Zugang. Die erste Seligpreisung steht dabei wie eine Überschrift über allen: "Selig, die arm sind vor Gott; / denn ihnen gehört das Himmelreich", das Reich Gottes. Wer aber ins Reich Gottes hineingenommen wird, ist auch beteiligt an dieser Wirklichkeit durch seine Handlungen und seine Haltungen.

Ich selbst war damals in Essen gefragt worden, etwas zu sagen über: "Selig, die rein sind im Herzen, denn sie werden Gott schauen" (Mt 5,8). In der spirituellen Tradition des Mönchtums ist das Ziel ganz dem entsprechend das "reine Herz" und die Gottesschau. Darum zogen sie in die Einsamkeit. Aber dort blieb nicht aus wahrzunehmen, was an Gedanken, Gefühlen und Streben da hochkommt und der inneren Lauterkeit hinderlich im Weg steht. Dem gilt es sich ehrlich zu stellen und damit als betender, gottverbundener Mensch umzugehen. Das Wichtigste ist nicht, damit fertigzuwerden, sondern sich aufgrund der Einladung und Seligpreisung Jesu unbeirrt einzulassen, einzubringen mit allem, was ich bin, und in dieser Richtung ein immer noch werdender Mensch zu sein.

Selbst nach Jahrzehnten, die ich nun schon im Kloster bin, bin ich nicht fertig. Aber dranzubleiben, hält mich wach und offen und lebendig. Jede der Seligpreisungen Jesu ist einer der Zugänge zu Reich Gottes mitten unter uns. Vielleicht gibt es eine, die mich heute anspricht. Das wäre schon der Anfang des Glücks.

1 Hubert Luthe/Máire Hickey, Selig bist du. Münsterschwarzach 2002.

Evangelium nach Matthäus (Mt 5, 1–12a)

In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten,
stieg er auf den Berg. Er setzte sich und seine Jünger traten zu ihm. Und er öffnete seinen Mund, er lehrte sie und sprach:

Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.

Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich.

Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.

Die Autorin

Sr. Johanna Domek OSB ist seit mehr als 40 Jahren Benediktinerin in Köln-Raderberg, wo sie in der Kurs- und Exerzitienarbeit tätig ist. Darüber hinaus ist sie Beauftragte des Netzwerks alternde Ordensgemeinschaften und hat zahlreiche Publikationen zum Thema Spiritualität veröffentlicht.

Ausgelegt!

Als Vorbereitung auf die Sonntagsmesse oder als anschließender Impuls: Unser Format "Ausgelegt!" versorgt Sie mit dem jeweiligen Evangelium und Denkanstößen von ausgewählten Theologen.