Referenzkriterien für die menschliche Identität

Sensibel für Identität: Ein neuer Ansatz der katholischen Sexuallehre

Veröffentlicht am 11.04.2026 um 12:15 Uhr – Von Holger Dörnemann – Lesedauer: 

Rom ‐ Die Sexuallehre der katholischen Kirche galt lange Zeit als unveränderbar und feststehend. Dabei gab es bereits zu Beginn des Pontifikats von Papst Franziskus erste Veränderungen, die in den folgenden Jahren weiter ausgezogen wurden.

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"Wie kann man bei dieser Vielfalt von Kulturen bei einem Thema wie Ehe, Familie und Sexualität eine gemeinsame Sprache finden? Von den soziokulturellen Unterschieden her ist das fast unmöglich." In dieser Weise äußerte sich Kardinal Reinhard Marx kurz vor der außerordentlichen Familiensynode des Jahres 2014 zu Beginn des damals bereits ansetzenden synodalen Prozesses auf weltkirchlicher Ebene.

Dass eine gemeinsame Sprache – trotz des "kulturellen Pluralismus, der heute die gesamte Welt erfasst" – nicht gänzlich illusorisch ist, bewies knapp anderthalb Jahre später bereits das im Frühjahr 2016 veröffentlichte nachsynodale Schreiben Amoris laetitia (AL) mit einer überraschenden Offenheit für eine Diversität von Lebens- und Partnerschaftsformen, neu ansetzenden Aussagen zur Empfängnisregelung bis hin zu einem ausdrücklichen "Ja zur Sexualerziehung" – selbst wenn das Lehrschreiben von Papst Franziskus weltweit eine sehr unterschiedliche Aufnahme fand.

Andrea Gersch, Elena Werner und Holger Dörnemann
Bild: ©Erzbistum Köln (Archivbild)

Der Autor: Holger Dörnemann (rechts) ist Moraltheologe und lehrt und forscht am Institut für Anthropologie der Päpstlichen Universität Gregoriana.

Im bundesdeutschen Sprachraum wurde vor allem die Diskussion und die neue Sichtweise rund um die Zulassung von wiederverheiratet Geschiedenen zur Kommunion (Eucharistie) und damit eine neue Form der Anerkennung nichtehelicher Partnerschaftsformen aufmerksam verfolgt. Erst ein paar Jahre später kam es nach dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals in der Kirche in Deutschland dann auch zu einer grundsätzlichen Thematisierung der kirchlichen Sexuallehre. Im Anschluss an die Veröffentlichung der die Missbräuche aufdeckenden MHG-Studie im Jahr 2018 wurde das Reformprojekt des Synodalen Wegs (2019–2024) auf den Weg gebracht, das sich in einem von vier Foren auch dem Themenkomplex "Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft" widmete.

Kontroversen beim Synodalen Weg

Einige zum Teil weit über Amoris laetitia hinausgehenden Beschlüsse und Handlungstexte sind in dieser Zeit entstanden. Sie reichen thematisch von der Anerkennung sexueller Vielfalt, über die Einführung von Segensfeiern bis hin zur Forderung der Einführung von (Weihe)Ämtern für Frauen. Aber bis zum heutigen Tag sind auch diese in einem vergleichsweise homogenen kulturellen Kontext beratenen Texte umstritten. Dies zeigte sich im Oktober 2025 noch einmal nach einer Veröffentlichung der Deutschen Bischofskonferenz zur "Sichtbarkeit und Anerkennung der Vielfalt sexueller Identitäten in der Schule", bei der angesichts der – so die Kritik – vornehmlichen Bezugnahme auf natur- und humanwissenschaftliche Quellen die anthropologisch-theologische Begründung vermisst wurde.

Im Blick auf die weltkirchliche Verfasstheit der Katholischen Kirche bestehe ja im Grundsatz auch die Notwendigkeit, das jeweilige kulturelle Verständnis von Sexualität an den Kontext weltkirchlicher Lehre zurückzubinden. Und aus theologisch-wissenschaftlicher Perspektive gilt zugleich, dass wer – mit gutem Recht – natur- und humanwissenschaftliche Quellen in den theologischen Diskurs einbringt, zugleich mitdenken muss, dass alle Bezüge zur menschlichen Sexualität eine theologisch-anthropologische Bedeutung haben. Hinzu kommt, dass auf Ebene der Weltkirche das Anliegen der Förderung des Menschen in seiner Subjektivität und sexuellen Entwicklung in den vergangenen Jahren tatsächlich eine immer größere Aufmerksamkeit bekommen hat. Dies wurde zuletzt in dem Ende 2025 veröffentlichen Zwischenbericht einer im Rahmen der Weltsynode 2021 -2024 beauftragten Studiengruppe deutlich, der einen bereits in Amoris laetitia grundgelegten Ansatz aufgreift.

Referenzkriterien der Sexuallehre seit Amoris laetitia

In diesem jetzt vor genau zehn Jahren mit dem deutschen Titel Freude der Liebe veröffentlichten Lehrschreiben von Papst Franziskus finden sich bereits Referenzkriterien zur Stärkung und Förderung der menschlichen Subjektivität, insbesondere in einem eher wenig beachteten Kapitel, das sich in sieben Absätzen der "Notwendigkeit der Sexualerziehung" (engl.: The Need for Sex education) widmet. Die Absätze 281–286 können einem sexualpädagogischen Empowerment-Kreis zugeordnet werden, der die zentralen Aspekte Sexueller Bildung veranschaulicht. Zu diesen sexualpädagogischen Aspekten des Empowerments gehören die "Sprachfähigkeit" (vgl. AL 281), der "Umgang mit Lust und  Begehren" (vgl. AL 282), der "Umgang mit der Leben schaffende Kraft / Fruchtbarkeit" (vgl. AL 283), "gute Beziehungserfahrungen" (vgl. AL 284), ein "positives Körpergefühl" (vgl. AL 285) und schließlich der "Umgang mit der eigenen Identität und Geschlechterrolle" (vgl. AL 286).

Ein Mann hält das Papstschreiben "Amoris laetitia" in der Hand
Bild: ©KNA (Archivbild)

Das nachsynodale Schreiben "Amoris laetitia" von Papst Franziskus hat vieles in Bewegung gebracht.

Der in diesen Absätzen die Sexuallehre neu bereichernde Begriff Identität – ein Ausdruck, der aus dem pädagogischen Kontext stammt und die theologisch eingeführten Begriffe Person und Menschenwürde in spezifischer Weise ergänzt – ist in den nachfolgenden Jahren auf weltkirchlicher Ebene verstärkt gebraucht und entfaltet worden. In den Beratungen der Jugendsynode des Jahres 2018 rückt der Identitätsaspekt der Sexualität auf weltkirchlicher Ebene weiter in den Vordergrund. Und so stellt das im Frühjahr 2019 veröffentlichte nachsynodale Schreiben Christus vivit heraus, dass "[j]unge Menschen erkennen, dass der Körper und die Sexualität für ihr Leben und für die Entwicklung ihrer Identität wesentlich sind". Mit ähnlicher Terminologie argumentiert das Abschlussdokument des ersten Teils der Weltbischofssynode zur Synodalität im Jahr 2023, indem es darüber hinaus feststellt, dass "[e]inige Themen wie die Geschlechtsidentität und die sexuelle Orientierung […] nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Kirche umstritten [sind], weil sie neue Fragen aufwerfen. Manchmal reichen die anthropologischen Kategorien […] nicht aus, um die Komplexität der Elemente zu erfassen, die sich aus der Erfahrung oder dem Wissen der Wissenschaften ergeben, und erfordern eine Vertiefung und weitere Untersuchungen".

Auch wenn in diesem Zusammenhang das Wort Geschlechtsidentität den englischen Begriff Sexual identity des Abschlussdokuments eher ungenau ins Deutsche übersetzt, steht im Grundsatz die sexuelle Identität des Einzelnen im Fokus aktueller römischer Veröffentlichungen. So eröffnet das Dikasterium für die Glaubenslehre in der Erklärung Fiducia supplicans die Möglichkeit der Segnung queerer Menschen (Dikasterium für die Glaubenslehre 2023) und unterstreicht ein Jahr später in Dignitas infinita die "unendliche und bedingungslose Würde" und darauf fußend die Verurteilung jeder Form der Diskriminierung von Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung. Ebenfalls deutlich wird die geänderte und auf die Identität des Menschen bezogene Sicht in der Beschreibung einer "schwere[n] Dysphorie, die zu einem unerträglichen Leben oder sogar zu Selbstmord führen kann". Die hier ins Wort gebrachte Anerkennung des Leidens im falschen Körper zu leben, ergänzt die bisherige Lehrmeinung hinsichtlich der Annahme des eigenen Körpers bzw. des angeborenen biologischen Geschlechts (vgl. oben AL 285) und die in Dignitas infinita noch im Grundsatz ausgeführte Konsequenz der Ablehnung von Geschlechtsumwandlungen.

Zum Status quo der Referenzkriterien Sexueller Identität

Selbst in einem kurz nach seiner Amtsübernahme veröffentlichten Interviewbuch, in dem Papst Leo XIV. jeden Menschen unabhängig von seiner sexuellen Identität willkommen heißt, wird die Aufnahme des Begriffs der sexuellen Identität unterstrichen. Zwar lehnt er die in manchen Teilen der Welt wahrnehmbare Fokussierung auf LGBTQ-Themen ab, weil sie in seiner Sicht "zu einer Polarisierung in der Kirche" führe, und teilt "die Einschätzung aus anderen Erdteilen, dass westliche Gesellschaften derzeit zu sehr fixiert seien auf Fragen der sexuellen Identität" seien. Aber noch in der Relativierung des Stellenwerts dieser Themen wird der in der englisch-amerikanischen Sprache nochmals gebräuchlichere Begriff der sexuellen Identität allein schon durch seine Verwendung gestärkt. Was bei Papst Leo auch als Einhegung der Auseinandersetzung rund um die kirchliche Sexuallehre verstanden werden kann, weist dennoch ein erweitertes Sprachspiel und ein Mindset zu sexuellen Themen aus, das auch innertheologisch im deutschen Sprachraum in neuer Weise anschlussfähig ist.

Bild: ©picture alliance/EPA-EFE/DAI KUROKAWA (Archivbild)

Der Umgang mit verschiedenen sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten ist nicht nur ein Thema in den Ländern des globalen Nordens.

Das zum derzeitigen Zeitpunkt letzte lehramtliche Statement betrifft die Arbeit der bereits oben angesprochenen, im Rahmen Weltsynode 2021–2024 zur Synodalität beauftragten Studiengruppe zu "Theologische[n] Kriterien und synodale Methoden für eine gemeinsame Unterscheidung von kontroversen lehrmäßigen, pastoralen und ethischen Fragen".  Schon der Zwischenbericht der Studiengruppe unterstreicht mit Bezugnahme auf das Lehrscheiben Amoris laetitia , dass "in jedem Land oder jeder Region besser inkulturierte Lösungen gesucht werden [können], welche die örtlichen Traditionen und Herausforderungen berücksichtigen" (AL 3). Die Argumentation, dass bei offenen Fragen mit dem "Prinzip der Pastoralität ein Interpretationshorizont [gelte], mit dem auch ein Paradigmenwechsel verbunden sei", führt diesen Gedanken der Inkulturation weiter aus. "Dieses Prinzip besagt, dass es keine Verkündigung des Evangeliums Gottes geben kann, ohne zugleich die Subjektivität des anderen anzuerkennen und zu fördern. […] Von daher bestehe das Ziel nicht darin, Lösungen für alle Fälle anzubieten, sondern vielmehr Referenzkriterien vorzugeben. Sie seien zu berücksichtigen (und weiter zu ergänzen), wenn die verschiedenen beteiligten Subjekte in den vielfältigen Umgebungen und Kontexten, in denen sie leben, eine Unterscheidung für ihr Handeln treffen müssen".

Papier ist geduldig

Diese neue Betonung der Unterstützung und Förderung menschlicher Subjektivität und der Identität des Einzelnen macht die neue Akzentsetzung in der Lehrentwicklung zur Sexualität auf weltkirchlicher Ebene aus. Sie revidiert zwar nicht eine im Grundsatz abgewiesene "Gender-Theorie", enthält sich aber in neuer Weise einer bewertenden Aussage zur sexuellen Identität des Einzelnen und gibt mit Hinweis auf die Subjektivität und Personwürde kulturübergreifende Kriterien für die Unterscheidung. Angesichts dieser unter der Ägide von Papst Leo XIV. bekräftigten Akzentsetzung, die die mit dem Lehrschreiben Amoris laetitia begonnene Lehrentwicklung fortsetzt, könnte sich auch in Deutschland der Blick vermehrt auf im Grundsatz unstrittige To-dos richten: Etwa im Blick auf die ja schon im Jahr 2019 von Seiten der deutschen Bischöfe einstimmig beschlossene "Rahmenordnung Prävention", die von allen pädagogischen Einrichtungen der Kirche in Deutschland ein sexualpädagogisches Konzept einfordert.

Allein: Papier – ob in Rom oder in Deutschland – ist geduldig und manches eigentlich bereits als dringlich Erkannte fällt schnell wieder unter den Tisch (vielleicht weil es unumstritten ist). So auch der im Rahmen des Synodalen Wegs dieselbe "Rahmenordnung" zitierende Handlungstext "Sexualpädagogische Begleitung und Förderung sexualpädagogischer Konzepte in allen pädagogischen und pastoralen Einrichtungen". Mit einigen anderen Beschlusstexten wurde er über den fünf Jahre währenden Synodalen Weg nicht in die Abstimmungen aufgenommen und dann zwei weitere Jahre zuunterst in einem Sammelband einer "Dokumentation der nicht beschlossenen Entwürfe" aufgeführt. Aber er soll nun nach der den Synodalen Weg resümierenden VI. Synodalversammlung (29.-31.1.2026) an "die inhaltlich zuständigen Bistumsstellen und entsprechenden Verbandsstrukturen" übergeben werden. Letztlich kann und muss sich die Kirche in Deutschland, müssen sich die Bistümer und Verbände selbst in die Pflicht nehmen in der Vermittlung von Referenzkriterien zur Unterstützung menschlicher Subjektivität und sexueller Identität. Die als neue synodale Konferenzstruktur – nach Ende von Synodalem Weg und Ausschuss – vorgesehene "Synodalkonferenz" soll hierfür ein Monitoring gewährleisten. Dabei wird man auf übergeordneter, weltkirchlicher Ebene bereits auf einige Ansätze von Referenzkriterien für die Sexuelle Bildung zurückgreifen können, die so auch vor Ort den neuen Ansatz der katholischen Sexuallehre wirksam werden lassen.

Von Holger Dörnemann