Rosen, Reliquien, Rechner: Was Gemeinden an Carlo Acutis fasziniert
Nacheinander treten Gemeindemitglieder vor die 1,20 Meter große Statue von Carlo Acutis und legen weiße Rosen nieder – alles in einem Facebook-Video festgehalten. Ordentlich gekleidet, mit gefalteten Händen, steht der Heilige da, unter dem rechten Arm einen Laptop geklemmt. Auf seinem petrolfarbenen Pullover prangt auf Herzhöhe eine weiß-gelbe Sonne, die an eine Monstranz erinnert – ein Hinweis auf seine tiefe Verwurzelung in der eucharistischen Anbetung.
Am 19. November 2025 segnete der Pfarrer der "Star of the Sea"-Gemeinde in San Francisco die Statue, gefertigt von einem kolumbianischen Bildhauer. Mehrere technikbegeisterte Gemeindemitglieder hätten sich ein solches Bildnis gewünscht, erklärt der Pfarrer – kein Zufall in einer Region, die direkt an das "Tech-Mekka" Silicon Valley grenzt.
"Auch wir Technikbegeisterten brauchen einen Schrein"
Daniel Francis, Tech-Unternehmer und Gemeindemitglied, beschreibt die Motivation in einem Interview: "Auch wir Technikbegeisterten brauchen einen Schrein. Wir stoßen oft an Grenzen und brauchen einen Ort, an dem wir eine Kerze anzünden und beten können." Ein anderes Gemeindemitglied ergänzt, dass der Carlo-Acutis-Schrein eine Erinnerung daran sei, "dass der Weg zur Heiligkeit auch im Internetzeitalter noch offensteht".
Die Gemeinde hat sogar ein eigenes Gebet für den Heiligen entwickelt: "Demütig bitte ich dich um dein Gebet, damit auch ich andere durch Technologie zu dir führen kann. Ich bitte dich demütig durch die Fürsprache des heiligen Carlo um Klarheit und Geduld in meiner technischen Arbeit. Erleuchte mein Verständnis und leite meine Hände bei jedem Entwurf und jeder Zeile Code, damit meine Arbeit stets deiner größeren Ehre diene."
Eine Statue des Heiligen Carlo Acutis
San Francisco ist jedoch nur der Anfang. Weltweit entstehen Schreine, Pfarreien und Kirchen, die Acutis gewidmet sind. In London etwa, in der Kirche, in der Acutis getauft wurde, gibt es einen Schrein zu seinen Ehren. Die Holzkonstruktion, die an einen Beichtstuhl erinnert, beherbergt nicht nur ein Bild, sondern auch eine Reliquie des "Cyber-Apostels". Vor dem Schrein steht eine Kniebank, flankiert von Bannern, die Stationen von Acutis’ Lebensweg zeigen.
In Chicago wirbt eine Kirchengemeinde damit, die erste in den USA mit dem Namen Carlo Acutis zu sein – bereits zu seiner Zeit als Seliger. Seine Heiligsprechung war für die Gemeinde ein Großereignis. Die Schülerinnen und Schüler der katholischen Grundschule feierten ein einwöchiges Fest, das in einem "Carlo-Acutis-Tag" gipfelte: Sie kamen blau-gold angezogen, hörten Vorträge, schauten Filme über den Heiligen, spielten Fußball und erhielten entweder ein Malbuch oder ein Rosenkranzset.
Ein Priester der Gemeinde erklärt, warum Acutis gerade bei jungen Menschen so gut ankommt: "Er kleidete sich wie wir, er sah aus wie wir. Die Schüler erkennen, dass jemand, der sich wie ich kleidet und ähnliche Interessen hat, heiliggesprochen wird."
Neben seiner Leidenschaft für Computertechnik war Acutis begeisterter Fußballfan - er spielte auch selbst in einer Mannschaft.
Kein Wunder also, dass gleich drei Kirchen weltweit beanspruchen, die erste Kirche mit dem Namen des jungen Heiligen zu sein. Im indischen Pallikkara wurde am Tag seiner Heiligsprechung eine neue Kirche geweiht, die Platz für rund 600 Menschen bietet, eine Haarsträhne des Heiligen beherbergt und speziell junge Gläubige ansprechen soll. Erzbischof Joseph Kalathiparambil betonte: "Unsere Ortskirche hofft, dass das Leben des Heiligen Carlo junge Menschen inspiriert, die Spiritualität und moderne Technologie verbinden möchten."
In Santo Amaroin Brasilien wurde bereits 2023 eine kleine Kapelle dem Seligen geweiht, die nach der Heiligsprechung umbenannt wurde. Sie zeigt eine Statue von Carlo Acutis in Jeans, Turnschuhen und Poloshirt und bewahrt eine Hautreliquie. Der zuständige Pfarrer erklärt: "Wir wollten jungen Menschen eine ihnen nahestehende Persönlichkeit zeigen, ein Vorbild, das ihre Realität widerspiegelt. Und genau das ist Carlo: ein Teenager wie so viele, der wusste, wie man Heiligkeit im Alltag lebt."
Ein weiteres Großprojekt entsteht in Chacras de Coria, Argentinien. Auf einem 4.300 Quadratmeter großen Grundstück wird eine Kirche für 450 Personen errichtet, dazu eine Kapelle zur ewigen Anbetung, ein Mehrzwecksaal und ein Pfarrhaus. Das Gotteshaus orientiert sich an der Kirche Santa Maria Maggiore in Assisi und soll, inspiriert von Acutis’ Zitat, die Eucharistie als "Autobahn in den Himmel" in den Fokus stellen. Ein beteiligter Priester erläutert: "Einen jungen Heiligen wie Carlo Acutis kennenzulernen, verändert die Herzen junger Menschen; sie entdecken, dass sie anders leben, glücklich sein und im Alltag Zeugnis vom Evangelium ablegen können."
Menschenmenge während der Messe zur Heiligsprechung des seligen Carlo Acutis und des seligen Pier Giorgio Frassati am 7. September 2025 auf dem Petersplatz im Vatikan.
Ein halbes Jahr nach seiner Heiligsprechung zeigt sich: Carlo Acutis ist weit mehr als ein kurzer medialer Hype. Weltweit entstehen Schreine, Pfarreien und Kirchen, die seinen Namen tragen – von San Francisco über London und Chicago bis nach Indien, Brasilien und Argentinien. Diese Beispiele sind dabei nur die medienwirksamen Projekte; die Liste ließe sich problemlos erweitern.
Was die Menschen am "Cyber-Apostel" fasziniert, ist seine Nahbarkeit. Carlo Acutis war kein entrückter Asket, sondern ein Teenager mit Jeans, Turnschuhen und Laptop – und gerade darin ein glaubwürdiges Vorbild. Er zeigt, dass Heiligkeit kein Gegenentwurf zur Moderne sein muss, sondern mitten in ihr wachsen kann.
Das rasante Verehrungstempo, der traditionelle Frömmigkeitsstil und die gefühlsbetonte Anbetung des Heiligen bleiben nicht ohne Kritik. Skeptiker warnen vor einer unreflektierten Überhöhung der Figur. Dennoch hat Acutis etwas erreicht, wovon viele andere Heilige weit entfernt sind: Er spricht Menschen an, die sich sonst kaum von Kirche und Heiligenbiografien berühren lassen – darunter auch viele junge Menschen. Wie tragfähig diese Wirkung langfristig sein wird, bleibt offen – spannend ist sie allemal.
