Wie ein Schlager-Gottesdienst alle Erwartungen übertroffen hat

Thorsten Kapperer ist Pastoralreferent in Gemünden im Bistum Würzburg – und nebenberuflich Alleinunterhalter. Nun hat er beides miteinander verbunden und erstmals einen Schlagergottesdienst gefeiert. Der war ein unerwarteter Erfolg. Wie sich das für Kapperer angefühlt hat und welche Lieder gesunden wurden, erzählt er im Interview.
Frage: Herr Kapperer, warum ein Schlagergottesdienst?
Kapperer: Ich war mit einer Kollegin aus Norddeutschland im Gespräch, weil wir beide uns mit den Themen Kirche und Fußball beschäftigen. Ich hatte auf einem ihrer Social-Media-Profilen dann gesehen, dass sie einen Schlagergottesdienst gefeiert hat. Da dachte ich mir dann: Schlager mag ich, immerhin bin ich nebenberuflich Alleinunterhalter. Gottesdienste feiere ich als Pastoralreferent sowieso. Warum dann nicht beides verbinden? Der Gedanke hat mich nicht mehr losgelassen: Die Lieder musste ich nicht mehr üben, weil ich sie sowieso jede Woche spiele. Dann habe ich es einfach gemacht.
Frage: Sie haben den Gottesdienst also auch als Alleinunterhalter begleitet?
Kapperer: Ich habe die Lieder gespielt, die Liedblätter konzipiert und von Lied zu Lied geführt. Das war für das erste Mal sehr praktisch, weil ich den Ablauf selbst regulieren konnte, es war also alles aus einem Guss. Am Ende war es eher eine Art Musikmeditation, die Musik stand also im Vordergrund.
Frage: Bei Festen und Feiern sind viele Alleinunterhalter dafür da, um für Stimmung zu sorgen. Wie war das für Sie im Gottesdienst?
Kapperer: Es war für mich schon ungewöhnlich. Die Leute haben allerdings mitgesungen, mitgeschunkelt und zum Teil sogar ein bisschen getanzt. Das war wie bei den Feiern, wo ich sonst auftrete. Und trotzdem herrschte eine andere Atmosphäre: Es war ein Gottesdienst in der Kirche. Als Pastoralreferent, als den mich die Leute hier auch kennen, bin ich aufgetreten. Wenn ich sonst beim Fasching auftrete, will ich die Leute natürlich zum Feiern animieren. Aber im Gottesdienst gab es auch mal ruhige Momente. Das war wirklich etwas Besonderes.
Frage: Was hat die Musik mit dem Gottesdienst gemacht?
Kapperer: Die Leute waren ganz intensiv dabei, weil der Schlager eine lockere Sache ist. Es geht viel um Herzschmerz, Liebe und Trennung, da kann jeder etwas mit anfangen. In meinen Impulsen habe ich dann aber versucht, in die Tiefe zu gehen. Die vielen bekannten Lieder haben aber die Herzen auch etwas gelockert, weil die Leute die Lieder kannten. Deshalb war der Gesang in der Gemeinde auch wahnsinnig laut. Das hat dem Ganzen auch eine schöne spirituelle Stimmung gegeben. Das haben mir auch viele Besucher zurückgemeldet.
Pastoralreferent Thorsten Kapperer beim Schlagergottesdienst.
Frage: Viele Schlager sind nicht nur schlicht, sondern auch zotig. Waren Sie da bei der Liedauswahl besonders vorsichtig?
Kapperer: Schlager ist ein weites Feld. Ich habe bewusst alle Ballermann-Schlager rausgelassen – damit hätte ich den Bogen überspannt. Ich habe die Lieder so gewählt, dass ich zu den Texten spirituelle Impulse geben kann. Wenn man zum Beispiel an den Udo-Jürgens-Klassiker "Griechischer Wein" denkt: Das wird zwar oft gegrölt, ist aber eigentlich ein melancholisches Lied, in dem es um die Themen Heimat und Fremde sowie das Leben der Gastarbeiter in den 1970er Jahren geht. Wir haben das Lied gesungen und danach eine quasi exegetische Tiefenbohrung gemacht. So habe ich das bei jedem Lied gemacht und dabei versucht, einen roten Faden von Lied zu Lied zu spannen.
Frage: Was stand denn alles auf dem Liedzettel?
Kapperer: Begonnen haben wir mit "Über den Wolken", dann folgten etwa "Über sieben Brücken musst du geh'n", "Tränen lügen nicht", "Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben", "Er gehört zu mir", "Griechischer Wein", dann ein Medley aus Refrains bekannter Klassiker, "Die kleine Kneipe" und zum Abschluss "Bella Napoli", dann wurde noch eine Zugabe gewünscht, das war dann "Aber dich gibt's nur einmal für mich".
Frage: Wie sah dann der rote Faden dazu aus?
Kapperer: Bei "Über den Wolken" ging es um das Gottesbild: Gott ist nicht einfach nur "über den Wolken", sondern ist eine Person, der in Jesus Christus unter den Menschen ist, also auch in diesem Schlagergottesdienst. Er hilft uns in unserem komplizierten, oft von Herausforderungen geprägten Leben – da waren wir dann bei den "Sieben Brücken". Darin heißt es ja auch "Manchmal bin ich schon am Morgen müd", das passte. So hat sich das dann nach und nach weitergesponnen. Bei "Tränen lügen nicht" habe ich etwa über die befreiende Wirkung des Weinens gesprochen und wie sehr es helfen kann, Gefühle einfach mal zuzulassen. Die Lieder haben also aufeinander aufgebaut. Es war eine Art Musikmeditation mit Gebeten, einer Bibellesung, dem Vaterunser, Fürbitten und einem Segen.
Frage: Mit vielen Schlagern, vor allem den älteren, verbinden ganz viele Menschen ganz spezifische Erinnerungen. Die haben oft nichts mit Religion zu tun. Funktioniert das, so viele vorbesetzte Lieder im Gottesdienst zu haben?
Kapperer: Wenn ich da so auf die Rückmeldungen schaue, die ich nach dem Gottesdienst bekommen habe, kann ich sagen: Ja, das funktioniert. Da haben viele Menschen auch spirituelle Sachen zurückgemeldet. Durch den Wechsel von Musik und Stille. Ich habe etwa die Frage in den Raum gestellt: "Was ist Heimat für mich?" Danach habe ich dann ein wenig meditative Klaviermusik gespielt, damit die Leute zu sich kommen können. Darauf haben sich die Leute eingelassen und waren auch zum Teil richtig bewegt. Da hatte ich schon das Gefühl, dass die Leute richtig dabei waren.
„An Liedern mangelt es nicht – ich könnte noch acht weitere Gottesdienste machen und die Lieder würden alle kennen.“
Frage: Sie hatten also nicht die Befürchtung, dass das Ganze in eine Schlager-Party abdriftet?
Kapperer: Deshalb hatte ich vor allem am Anfang bewusst nachdenklichere Lieder ausgesucht. Durch das Mitsingen hat sich da eher eine etwas getragene Stimmung eingestellt. Im zweiten Teil waren dann auch zwei Stimmungsstücke dabei, wo die Leute sich zur Musik bewegt haben. Mit einer Party hatte das aber nichts zu tun.
Frage: Haben Sie mit diesem Konzept denn Leute angezogen, die sonst nicht in die Kirche gehen?
Kapperer: Es waren einige Leute da, die schon längere Zeit nicht mehr im Gottesdienst waren – das hat mich auch richtig gefreut. Es waren einige Leute da, die einfach gern Schlager hören und sich auf die Idee eingelassen haben. Da haben wir also auch ein paar Leute erreicht, die wir sonst nicht in der Kirche haben. Das habe ich gesehen, weil ich die Leute aus anderen Kontexten kenne. Daneben waren auch viele Leute da, die bekanntermaßen kirchlich verwurzelt waren. Das hat dazu geführt, dass ganz schön viele Leute da waren: Ich hatte zu Beginn meiner Überlegungen vor einigen Monaten mit 30, vielleicht 40 Leuten gerechnet – gekommen sind dann knapp 400. Wir mussten die Kirche schon eine Viertelstunde vor Beginn des Gottesdienstes zu machen und gut 50 Leute mussten draußen stehen bleiben. Das habe ich in all meinen Dienstjahren noch nicht erlebt.
Frage: Das heißt also, Sie wollen weitermachen?
Kapperer: Für mich ist klar, dass es weitergehen wird. Es soll aber etwas Besonderes bleiben. Also vielleicht ist zwei Mal im Jahr eine gute Größe. Ich muss mich jetzt auch erstmal sortieren – denn einige Pfarreien in der Umgebung haben mich schon angefragt, ob ich sowas nicht auch bei ihnen machen könnte. An Liedern mangelt es nicht – ich könnte noch acht weitere Gottesdienste machen und die Lieder würden alle kennen. Es gibt einfach so viele Schlager. Das Konzept hat sich bewährt – auch finanziell. Denn wir haben eine Kollekte für die Caritas hier vor Ort gesammelt, 2.200 Euro sind da zusammengekommen.
Frage: Sind dann eigentlich nach dem Gottesdienst auch Menschen zu Ihnen gekommen, um Sie als Alleinunterhalter zu buchen?
Kapperer: Da gab es tatsächlich schon Anfragen! Ich mache das seit 15 Jahren als Kleingewerbe, habe noch nicht einmal Visitenkarten oder eine Webseite. Das läuft nur über Mund-zu-Mund-Propaganda, so nebenbei. Aber ich bin damit jetzt schon gut beschäftigt und es macht mir immer noch mächtig viel Spaß!