Kein Einverständnis des emeritierten Papstes

Gänswein verteidigt Mitschnitt der Predigten von Benedikt XVI.

Veröffentlicht am 21.02.2026 um 11:27 Uhr – Lesedauer: 

Ulm ‐ Unlängst brachte der Verlag Herder ein Buch mit bisher unveröffentlichten Predigten von Benedikt XVI. heraus. Das wäre ohne Vorarbeiten von Benedikts langjährigem Privatsekretär nicht möglich gewesen.

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Erzbischof Georg Gänswein hat den Mitschnitt privater Predigten von Benedikt XVI. verteidigt. "Die Predigten wurden nicht heimlich mitgeschnitten, sondern diskret aufgenommen", betonte Benedikts langjähriger Privatsekretär in einem am Wochenende in der "Schwäbischen Zeitung" veröffentlichten Interview.

Darin äußerte sich Gänswein, der heute Papstbotschafter in Litauen ist, zu dem unlängst vom Verlag Herder veröffentlichten Band "Der Herr hält unsere Hand". Dieser enthält bisher unveröffentlichte Predigten von Benedikt XVI., die er während seiner Amtszeit als Papst, aber auch in den ersten Jahren nach seinem Rücktritt im kleinen Kreis hielt.

Er habe die vier Frauen, die sich um den Haushalt von Benedikt XVI. kümmerten und die bei den Gottesdiensten stets dabei waren, gebeten: "Wenn Benedikt predigt, nehmt bitte die Predigt diskret auf; ich weiß zwar im Augenblick noch nicht wofür – aber eines Tages wird es wertvoll sein", so Gänswein. "Ich hatte keine hinterlistige, sondern eine redliche Absicht im Sinn, die mich diese Entscheidung treffen ließ."

Neues Licht auf Benedikt XVI.

Zugleich räumte der Erzbischof ein, dass er Benedikt XVI. nicht gefragt habe, ob er mit den Aufnahmen einverstanden sei. "Und warum nicht? Ganz einfach, weil ich die Sorge hatte, er könnte aus Bescheidenheit 'nein' sagen – und damit wäre dieser Schatz nie zu heben gewesen."

Die nun veröffentlichten Texte werfen laut Gänswein, der zu dem Buch ein Geleitwort besteuerte, ein neues Licht auf Benedikt XVI. "Das öffentlich gezeichnete Bild war allzu oft einseitig und schief", beklagte der Erzbischof. "Man sah in ihm zu sehr den Theologen, den Präfekten, den Papst, auch den brillanten Denker. Aber man übersah etwas Wesentliches: den überzeugten und überzeugenden Verkünder des Evangeliums. Dieses Markenzeichen kommt in den Predigten eindrucksvoll zum Ausdruck."

Der langjährige Vertraute Benedikts verwahrte sich im Interview der "Schwäbischen Zeitung" gegen die stereotype Wahrnehmung, wonach der junge, progressive Professor Joseph Ratzinger konservativ geworden sei, um kirchliche Karriere zu machen. Wer die Schriften des jungen Theologen und danach jene von Kardinal Ratzinger oder Papst Benedikt lese, werde feststellen: "Da gibt es keinen Bruch, da gibt es eine unübersehbare Kontinuität sowohl im theologischen Schrifttum wie auch in der kirchlichen Verkündigung", sagte Gänswein. "Dem Klischee vom 'Panzerkardinal' oder 'Rottweiler Gottes' steht die Realität eines menschlich noblen, milden, gescheiten und geistlich tiefen Mannes gegenüber."

Bild: ©Büro des Präsidenten der Republik Litauen/Robertas Dačkus

Erzbischof Georg Gänswein ist heute Nuntius im Baltikum.

Weiterhin sagte Gänswein, dass er sich Benedikt XVI. weiter verbunden fühle. Bereits zu Beginn seines Theologiestudium in Freiburg 1977 habe er die Schriften des damaligen Theologieprofessors Joseph Ratzinger verschlungen. "Das war lebendige Theologie, die mich begeisterte", so Gänswein. "Sicher ist ganz ohne Zweifel, ohne ihn wäre ich ein anderer." Zugleich widersprach Gänswein der These, er sei mit seinem eigenen Buch "Nichts als die Wahrheit" gegen Benedikts Nachfolger, Papst Franziskus (2013-2025) angetreten. Ziel des Buches sei gewesen, "einen realistischeren, unverstellten Blick auf Papst Benedikt zu werfen - und zwar aus meiner persönlichen Erfahrung heraus, mit der Absicht und dem Anspruch, bislang übersehene oder bewusst ausgeblendete Aspekte ans Tageslicht zu fördern. Dass daraus teilweise ein medialer Konflikt konstruiert wurde, entspricht nicht der Intention meines Werkes."

In dem kurz nach dem Tod von Benedikt XVI. erschienenen Buch hatte Gänswein unter anderem über inhaltliche Divergenzen zwischen dem emeritierten Papst und seinem Nachfolger Franziskus berichtet. Dieser reagierte darauf verärgert und versetzte Gänswein wenig später ohne neue Aufgabe in sein Heimatbistum Freiburg. Nach einer längeren Auszeit dort ernannte der Papst ihn am 24. Juni 2024 zum Apostolischen Nuntius in Vilnius; dies wurde als Signal einer Aussöhnung zwischen Franziskus und Gänswein gedeutet.

Bewusstes Datum

Zudem sagte Gänswein, dass das Datum der Rücktrittsankündigung von Papst Benedikt XVI. am 11. Februar 2013 bewusst gewählt gewesen sei. An diesem Tag werde in Rom an die Lateranverträge aus dem Jahre 1929 erinnert. Die Lateranverträge beendeten den langen Konflikt zwischen dem Papsttum und dem jungen italienischen Staat – und begründeten den Staat der Vatikanstadt als kleinstes Land der Welt. Zum anderen werde am selben Tag ein Marienfest begangen, erläuterte Gänswein. Schließlich habe am 11. Februar 2013 ein Monate im Voraus geplantes Konsistorium, eine Versammlung der Kardinäle, stattgefunden. "Benedikt sah darin den richtigen Zeitpunkt und den angemessenen Rahmen für die Ankündigung seines Amtsverzichts."

Nur zufällig fiel die spektakuläre Verkündigung des ersten Papstrücktritts in der Moderne mit der Karnevalszeit zusammen, wie Gänswein, der inzwischen Papstbotschafter in Litauen ist, betonte. "Dass in Deutschland die Nachricht des Rücktritts zunächst für einen Rosenmontagsscherz gehalten wurde, kann man verstehen. Aber der Scherz wich bald dem Ernst." Der von Benedikt XVI. angekündigte Rücktritt wurde am 28. Februar wirksam, es war der erste eines Papstes seit dem Mittelalter. (cph/KNA)