Historiker: Kirche muss mehr Experimente wagen
Der emeritierte Fribourger Religionshistoriker Helmut Zander hat die Kirche angesichts gesellschaftlicher Veränderungen zu mehr Experimentierfreude aufgerufen. "Da in einer posttraditionalen Gesellschaft die Erfahrungen der Vergangenheit nicht mehr reichen, benötigt man eine Risikokultur", schreibt er in einem Beitrag für die "Herder-Korrespondenz" (März-Ausgabe). "Die Veränderungen, denen man ausweichen wollte, kommen unausweichlich auf die Kirche zu."
"Die Zeit, in der eine Tradition unhinterfragt galt, in der das Alte zugleich das Wahre war und man absolute Wahrheiten jenseits von Raum und Zeit in der Gesellschaft landen ließ, ist vorbei", so Zander weiter. Diese "Posttraditionalität" bedeute, dass es Wahrheit nur in Kontexten gebe. "Damit betritt ein Angstgegner den Raum, der seit dem 19. Jahrhundert den Namen 'Relativismus' führt. Aber die Einsicht in die Relativität jeder Kultur ist unter dem Stichwort der Kontextualität inmitten der Kirche angekommen." Dazu verweist Zander auf entsprechende Formulierungen in Berichten aus der Weltsynode.
Diese Kontextualität sei nichts für Feiglinge, hält Zander fest. Er verweist auf den Umgang mit der vatikanischen Erklärung "Fiducia supplicans", durch die Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare in einem engen Rahmen möglich wurden. Während es solche Segnungen in Europa gibt, sprachen sich afrikanische Bischöfe dagegen aus. Die Kirche müsse lernen, "diese Optionalität einer posttraditionalen Gesellschaft auszuhalten, nicht nur zwischen Kontinenten, sondern auch innerhalb der Ortskirchen". Pluralität sei nicht nur ein Problem für die Einheit, sondern auch ein Stabilisator kirchlicher Milieus. "Die Kirchen sollten also weniger die Einheit als vielmehr Konfliktkompetenz suchen. Liberale und Konservative müssen begreifen, dass sie aufeinander angewiesen sind."
Kirche sei vielen Menschen "irgendwie wichtig"
Dabei schaue die Kirche zu sehr auf die ihr eng Verbundenen. Dabei sei vielen Menschen in der Gesellschaft Kirche "'irgendwie' wichtig". "Aber die Gemeindereform setzt zu oft auf die Hundertprozentigen. Natürlich werden diese Überzeugten benötigt, um die Leistungen für die 'Volkskirchlichen' und die Gesellschaft erbringen zu können – aber die Kirche der total Entschiedenen bildet ein manichäisches Getto." Zander nennt als Beispiel die für Nicht-Eingeweihte schwer zu durchschauende Liturgie, allzu zentralistisch geschaffene Großpfarreien, eine zu intellektuelle Sicht auf den Glauben und die fehlende Emanzipation der Frau.
Die Kirche brauche nun "großzügigere Prinzipien und weniger kleinteilige Kasuistik, wenn man Konsens sucht und die Kirchenlehre formuliert". Weiterhin sei mehr Ambiguitätstoleranz gefragt. "Wie viel interne Pluralität eine kirchliche Institution aushält, bleibt eine brisante Frage. Aber die Diskussionen darüber erst gar nicht zu führen, klingt nicht nur suizidal, sondern ist es." (cph)
