Predigt zum Auftakt der DBK-Vollversammlung

Bätzing: Anpacken und Helfen hilft gegen Resignation

Veröffentlicht am 23.02.2026 um 19:16 Uhr – Lesedauer: 

Würzburg ‐ Zum Auftakt der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz predigt Bischof Georg Bätzing darüber, was Christinnen und Christen angesichts der vielen Krisen in der Welt tun können: Die christliche Antwort ist anders als die der Populisten.

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Bischof Georg Bätzing, hat den christlichen Umgang mit Krisen in den Mittelpunkt seiner letzten Predigt als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) gestellt. Die richtige Antwort auf die Krisen unserer Zeit seien weder Verzweiflung noch die scheinbaren Gewissheiten von Populisten, sagte er laut dem von der DBK am Montag veröffentlichten Manuskript der Predigt. An die Stelle des Fortschrittsversprechens vergangener Jahrzehnte seien Verlustängste, Ermüdung und Überforderung getreten.

"Die Angst zu verlieren, was wir hatten, und vor einer Zukunft zu stehen, die ungewiss und eher bedrohlich aussieht, berührt viele Menschen zutiefst", so Bätzing weiter. Gefühle von Ohnmacht hinterließen Menschen nicht selten in ratloser Vereinzelung. Statt Resignation und Populismus empfehle er das Handeln in der Spur Jesu: "Handeln hilft. Zuallererst hilft es anderen Menschen und verändert deren Lage. Und wie zum Dank verändert es unsere Empfindungen. Es verändert unsere Empfindungen." Zu helfen, verändere die Wahrnehmung: "Ich muss mich nicht dem Gefühl der Ohnmacht gegenüber der großen Welt ergeben, ich kann, da wo ich bin, etwas machen. Ich bin nicht hilflos; im Gegenteil: Helfen verändert auch mich, rettet auch mich, gibt mir Selbstwirksamkeit zurück."

Multiple Krisen prägen die Gegenwart

Fast alle Bereiche des Lebens seien von großen Umbrüchen betroffen. Der Überfall Russlands auf die Ukraine, der sich am Dienstag zum sechsten Mal jährt, sei geopolitisch in vielerlei Hinsicht eine Wende gewesen. "Aber auch unser gesellschaftlicher Zusammenhalt, der insbesondere auf der Solidarität untereinander beruht, bröckelt; das Vertrauen in die Krisenfestigkeit und Gestaltungsfähigkeit der parlamentarischen Demokratie steht in der Krise; die Wirtschaft schwächelt und steht in einer grundlegenden Transformation; Klimanot und der wachsende Einfluss von KI fordern wache Aufmerksamkeit und zügiges Handeln", so Bätzing weiter.

Am Montag hat in Würzburg die Frühjahrsvollversammlung der DBK gewonnen. Bischof Georg Bätzing hat angekündigt, nicht für eine zweite Amtszeit zur Verfügung zu stehen. Sein Nachfolger wird am Dienstag gewählt. (fxn)

Dokumentation: Die Predigt von Bischof Georg Bätzing

Lesung: Lev 19,1–2.11–18
Evangelium: Mt 25,31–46

Liebe Geschwister im Glauben!
wir leben in anstrengenden Zeiten, daran besteht kein Zweifel. Gewohnheiten, Strukturen und Lebenszusammenhänge, die uns vertraut waren und Sicherheit geben konnten, kommen an ihre Grenzen oder haben bereits das Ende ihrer prägenden Wirksamkeit erreicht. Und das betrifft nicht nur einen kleinen Teil unseres Lebens, fast alle Bereiche sind von großen Umbrüchen betroffen. Der 24. Februar 2022 mit dem Überfall Russlands auf die souveräne Ukraine markiert geopolitisch in vielerlei Hinsicht eine Wende. Aber auch unser gesellschaftlicher Zusammenhalt, der insbesondere auf der Solidarität untereinander beruht, bröckelt; das Vertrauen in die Krisenfestigkeit und Gestaltungsfähigkeit der parlamentarischen Demokratie steht in der Krise; die Wirtschaft schwächelt und steht in einer grundlegenden Transformation; Klimanot und der wachsende Einfluss von KI fordern wache Aufmerksamkeit und zügiges Handeln. Es geht etwas zu Ende – und der Publizist Axel Hacke hat vermutlich Recht, wenn er meint: „Wir tragen das Ende einer Gesellschaftsform in unserem Seelenleben aus“ (Axel Hacke, Wie fühlst du dich? Über unser Innenleben in Zeiten wie diesen, Köln 2025, S. 37). Denn an die Stelle des Fortschrittsversprechens vergangener Jahrzehnte sind Verlustängste, Ermüdung und Überforderung getreten. Die Angst zu verlieren, was wir hatten, und vor einer Zukunft zu stehen, die ungewiss und eher bedrohlich aussieht, berührt viele Menschen zutiefst. Und Gefühle von Ohnmacht hinterlassen Menschen nicht selten in ratloser Vereinzelung.

Gegen diese diffuse Zukunftsangst stellen die Populisten ihre Gewissheiten. Sie erzählen Geschichten voller Ressentiments gegenüber „anderen“, die schuld sind: die Eliten, die Medien, die politische Klasse, die Fremden und Geflüchteten. Sie spicken ihre Erzählungen mit Gerüchten, Falschmeldungen, Lügen und vor allem großen Versprechungen: „Wir kriegen das hin. Wir lösen die Probleme für euch – radikal. Wir bringen die alten Zeiten zurück. Am Ende werden wir belohnt.“ Solche Geschichten tragen dazu bei, die empfundene Ohnmacht in starke politische Gefühle zu verwandeln; Triumph und Rache – es gibt kaum stärkere Empfindungen; und mit Fakten ist denen nicht beizukommen. Denn ein kritischer Blick in die Geschichte müsste eigentlich zeigen, dass Gewissheiten meistens falsch waren, dass man sich im Gegenteil dem Ungewissen stellen muss, um daraus gangbare Wege zu machen. Viele Menschen sind offenbar wenig empfänglich dafür, wie sehr ihre Gefühle vor allem dem wirtschaftlichen und politischen Nutzen der großen Geschichtenerzähler zugutekommen, denen das Schicksal der Abgehängten oft ziemlich gleichgültig ist.

Auch der geniale Geschichtenerzähler, dem wir eben im Evangelium zuhören konnten, ist sich der Wirkung solcher erzählten Bilder bewusst: Sie rufen aus der Vereinzelung, sie sammeln Menschen und geben Orientierung, sie mobilisieren Kräfte und motivieren zur Tat. „Was ihr für einen dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan …“ Gegen alle derzeitigen Versuche einer Umdeutung des Christentums legt Jesus hier die authentische Spur: Wer sich selbst finden will und nach Erlösung strebt, wer seinen Erlöser hier in dieser Zeit sucht, der wende sich den Geringsten zu, den Marginalisierten würden wir heute wohl sagen. Nicht „ich zuerst“ oder „wir zuerst“ – sie zuerst, die anderen, die Fremden, die Armen, die Gefangenen, die Kranken, die Hungernden. Kennen Sie auch diese Erfahrung mit den Werken der Barmherzigkeit? Handeln hilft. Zuallererst hilft es anderen Menschen und verändert deren Lage. Und wie zum Dank verändert es unsere Empfindungen. Es verändert unsere Empfindungen. Ich muss mich nicht dem Gefühl der Ohnmacht gegenüber der großen Welt ergeben, ich kann, da wo ich bin, etwas machen. Ich bin nicht hilflos; im Gegenteil: Helfen verändert auch mich, rettet auch mich, gibt mir Selbstwirksamkeit zurück. Den Nächsten lieben wie sich selbst, das ist „Work-Life-Balance“ jesuanisch interpretiert. Und bei allem bleibt Jesus ehrlich. Er macht kein billiges Zukunftsversprechen, das irgendjemand für mich erfüllt, der Ausgang der Erzählung bleibt offen. Bis zur Wiederkunft des Menschensohnes bleibt uns Menschen die Freiheit der Entscheidung – kostbares Gut!

Nun kann man fragen: Ändert denn meine Hinwendung zu den geringsten Schwestern und Brüdern auch nur irgendetwas am Zustand der großen Welt? Niemand weiß es wirklich, jedenfalls ändert es mich und die kleine Welt, die mein Leben ausmacht. Und niemals werden wir wissen können, wie sich denn die „große Welt“ entwickelt hätte und wie sie heute dastünde, wenn sich nicht im Laufe der Zeit unendlich viele Menschen dem genialen Geschichtenerzähler Jesus angeschlossen hätten und seiner Spur der Hingabe gefolgt wären. Wie viele Charismen wurden durch die große Erzählung vom Weltgericht inspiriert, wie viele Gemeinschaften wurden gegründet, die sich den Werken der christlichen Barmherzigkeit verpflichtet sehen und Tag für Tag den Boden dieser alten Welt mit ihrem Einsatz umgraben, damit er wieder fruchtbar wird, bewohnbar und lebensförderlich für alle Menschen. Die großartige Erzählung Jesu hat doch längst die Welt bewegt und zum Guten verändert.

Und noch mehr, sie hat die Richtung unserer Gott-Suche gedreht, man könnte auch sagen: „geerdet“. Denn sie nimmt den Markenkern des christlichen Glaubens – die Menschwerdung Gottes – ganz ernst. Das ist nicht weniger als eine Revolution in der Geschichte der Religionen, und bis heute haben wir sie theologisch und in unserer Glaubenspraxis womöglich nicht in all ihren Dimensionen erfasst. Es hat mich bewegt, wieder einmal in den Gefängnisbriefen von Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) zu lesen. Am 3. August 1944 – also wenige Tage nach dem Attentat auf Hitler und nach einer durchwachten Bombennacht, in der die Mitgefangenen vor Angst schrien – berichtet er seinem Freund Eberhard Bethge von einem neuen Buchprojekt. Zur Frage „Wer ist Gott?“ notiert er kurz: „Nicht zuerst ein all gemeiner Gottesglaube an Gottes Allmacht etc. Das ist keine echte Gotteserfahrung, sondern ein Stück prolongierter Welt. Begegnung mit Jesus Christus. Erfahrung, dass hier eine Umkehrung alles menschlichen Seins gegeben ist, darin, dass Jesus nur ‚für andere da ist‘. Das ‚Für Andere-da-Sein‘ Jesu ist die Transzendenzerfahrung! (…) Nicht die unendlichen, unerreichbaren Aufgaben, sondern der jeweils gegebene erreichbare Nächste ist das Transzendente. Gott in Menschengestalt!“ (Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. Herausgegeben von Eberhard Bethge, München und Hamburg, 4. Auflage, 1967, 191 f.) Die Bekehrung hin zum Nächsten, für Christinnen und Christen ist das die entscheidende Erfahrung von Transzendenz. Wir müssen die Welt nicht verlassen und übersteigen, um Erlösung zu finden. Die Zukunft einer versöhnten heilen Welt – friedvoll, neu und fromm – liegt sichtbar vor unseren Augen, greifbar für unsere Hände, fühlbar für unser Herz, im Dasein für andere. Aber, wie wir Menschen nun einmal sind, das sieht man nicht irgendwann einmal ein und hat es dann ein für alle Mal begriffen. Die Bekehrung hin zum Nächsten ist immer neu ein Werk des genialen Geschichtenerzählers Jesus in uns. Darum möchte ich betend schließen: „Nüchtern und bereit lass uns, Herr, hier leben und in Lauterkeit von dir Zeugnis geben. Wie es dir gefällt, lass uns sein und handeln, dass wir selbst uns wandeln und erneuern die Welt“. (Maria Luise Thurmair, Komm, Herr Jesu, komm, Gotteslob 1975, 568, 3. Strophe)