Früher gab es das "Schuldkapitel" vor der Oberin

98-jährige Schwester: Manche Klosterregel war "befremdlich"

Veröffentlicht am 09.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Madeleine Spendier – Lesedauer: 

Bonn ‐ Mit 21 Jahren ist Schwester Wilfride Plattner in die Gemeinschaft der Vinzentinerinnen eingetreten. Damals waren manche Regeln im Kloster noch streng. Es gab eine fromme Praxis, an die sie sich gut erinnern kann.

  • Teilen:

Schwester Wilfride winkt freundlich in ihr Zimmer hinein. Die 98-Jährige sitzt in einem Rollstuhl, weil sie nicht mehr so gut gehen kann. Sei einigen Jahren lebt sie hier im Sankt Vinzenzhaus, einer Pflegeeinrichtung der Vinzentinerinnen in Bad Godesberg in Bonn. Hinter ihr ist auf einem Bildschirm die Kapelle des Vinzenzhauses zu sehen. "Heute ist der Gottesdienst aber ausgefallen, weil kein Priester kam", erklärt die Schwester gleich. Sie hat stattdessen den Rosenkranz gebetet. Sie betet gerade viel für den Frieden, erklärt sie und legt den Rosenkranz aus Holzperlen auf den Tisch neben sich. Früher war Schwester Wilfride die Organistin im Vinzenhaus und hat jeden Tag die Lieder im Gottesdienst auf der Orgel begleitet. Das geht heute nicht mehr, weil die Finger nicht mehr so beweglich sind, sagt die Vinzentinerin und zeigt ihre Hände.  

Gertrud Plattner, so heißt Schwester Wilfride mit Taufnamen, wurde 1927 in Köln geboren und ist mit zwei Geschwistern aufgewachsen. Ihr Vater arbeitete als Ingenieur, zeitweise sogar in Berlin. Dort hat sie ihn öfters besucht und ist in Berlin zum ersten Mal mit einer U-Bahn gefahren, erinnert sich die betagte Schwester. An den Ausbruch des Krieges und die Bombardierungen in Köln denkt sie oft zurück. "Das war eine schlimme Zeit". Schwester Wilfride weiß noch, wie sie mit den anderen "durch die Keller krabbeln musste", als die Häuser wegen der Bomben zusammenfielen. "Wir hatten gar nichts mehr nach dem Krieg", erzählt sie weiter. Damals halfen Ordensschwestern der Familie, wieder eine Wohnung zu finden, Möbel und Nahrungsmittel zu besorgen. 

Nach der Schule machte Schwester Wilfride eine Ausbildung zur technischen Zeichnerin. Zwar wäre sie damals gerne weiter zur Schule gegangen, aber das ging nicht, weil das Geld fehlte. Später war sie in einem Büro tätig und erinnert sich an einen Kinobesuch in Köln zusammen mit anderen Frauen. Damals hat sie einen Film über den Heiligen Vinzenz von Paul gesehen. "Ich war sofort begeistert von ihm", weiß Schwester Wilfride noch. Sie beschloss damals: "Ich gehe dem Vinzenz helfen." Dann erkrankte ihre Mutter schwer und starb an den Folgen einer Lungenentzündung. "Mein Vater wollte eigentlich, dass ich bei ihm bleibe und ihn versorge", weil meine Geschwister schon außer Haus waren, blickt Schwester Wilfride zurück. Doch "Kochen und Haushalt waren nicht so meines", lacht die Vinzentinerin. Eine eigene Familie hingegen wollte Schwester Wilfride nicht. Zwar gefiel ihr damals schon ein junger Mann, doch der starb als Soldat im Krieg. 

„Der Schwesterndirektor und die Oberin waren skeptisch, weil ich mich so wenig in der Bibel auskannte, aber das mit der Nächstenliebe hatte ich gleich begriffen.“

—  Zitat: Schwester Wilfride Plattner, Vinzentinerin

Mit 21 Jahren entschied sie sich dann, in ein Kloster zu gehen und bewarb sich bei den Vinzentinerinnen in Köln. 1949 war das. "Der Schwesterndirektor und die Oberin waren erst skeptisch, weil ich mich so wenig in der Bibel auskannte", erinnert sich Schwester Wilfride an das Gespräch damals. "Aber das mit der Nächstenliebe hatte ich gleich begriffen", freut sie sich. Sie trat bald daraufhin in die Genossenschaft der Töchter der christlichen Liebe, wie die Vinzentinerinnen heißen, ein und erhielt ihren Schwesternnamen "Wilfride". Dieser Name wurde ihr von der damaligen Oberin zugeteilt. Das war "so üblich, den konnte ich mir nicht aussuchen". Manche Regeln in der Gemeinschaft waren für sie anfangs "ungewohnt", berichtet Schwester Wilfride. So zum Beispiel das wöchentliche Schuldkapitel, eine fromme Übung der Gemeinschaft, bei der "wir Schwestern einzeln vor der Oberin und den anderen Mitschwestern Fehler eingestehen mussten" und ermahnt wurden, sieht sie heute "als befremdlich". Dabei ging es oft "nur um Lappalien", weil wir "unter Druck" kamen, meint die betagte Schwester im Rückblick. Diese Praxis gibt es in ihrer Gemeinschaft heute nicht mehr.  

Schwester Wilfride ist froh, dass sie in der Gemeinschaft eine Ausbildung zur Kindergärtnerin und Hortnerin machen konnte. Sie öffnet einen Schrank in ihrem Zimmer und zeigt ein Zeugnis von damals. "Sehr gut in Musik", liest sie nicht ohne Stolz vor. Als Erzieherin war sie später in verschiedenen Einrichtungen der Vinzentinerinnen tätig. So hat sie in einem Kindergarten an der Mosel gearbeitet oder in Kinderheimen in Euskirchen und Mönchengladbach. Sie habe immer versucht den Kindern "ein Stück Heimat zu geben", denn viele von ihnen mussten mit "tragischen Schicksalen" leben. Bis heute hat Schwester Wilfride Kontakt zu ehemaligen Kindern und Mitarbeitern.  

Später, mit Anfang 60, wechselt sie ins Provinzhaus der Vinzentinerinnen nach Köln und betreut dort ältere Mitschwestern. Heute gibt es noch 19 Vinzentinerinnen dieser Gemeinschaft in Deutschland. Viele, die mit ihr einst das Noviziat anfingen, leben heute nicht mehr. Das macht sie traurig, sagt Schwester Wilfride. Trotzdem schaut sie hoffnungsvoll nach vorne. Seit mehr als acht Jahren Jahren lebt sie nun in dem kleinen Schwesternkonvent in der Bonner Pflegeeinrichtung. "Wir beten jeden Tag zusammen und tauschen uns aus und erzählen uns auch mal Witze", so die 98-Jährige. Ohnehin lacht sie gerne und viel. "Man muss den Humor behalten", unterstreicht sie. Humor sei ein wichtiges Ventil. 

Bild: ©katholisch.de/ msp

Sieben Päpste hat die 98-jährige Schwester Wilfride Plattner schon erlebt. Die Vinzentinerin hat deren Namen in einem Heft aufgeschrieben.

Eine Pflegerin kommt in das Zimmer und fragt nach Schwester Wilfride nach ihrem nächsten Termin für die Physiotherapie. Die Vinzentinerin bedankt sich auf Französisch. Sie beherrscht manche französische Redewendungen, weil sie das Mutterhaus der Schwestern in Paris öfters besucht hat, erwähnt die 98-Jährige nicht ohne Stolz und blickt dankbar auf ihr Leben zurück. "Ich habe meinen Weg ins Kloster nie bereut", sagt sie überzeugt. Ab und zu hätte sie mehr auf sich achten und öfters beim Arbeiten mal Pausen einlegen sollen, überlegt sie laut. "Manchmal war ich vielleicht zu streng zu mir selbst." Manchen habe sie bestimmt Unrecht getan und sie selbst habe auch Unrecht erfahren. Aber sie vertraue darauf, dass der gute Gott "alles einmal gut sortieren" werde, fasst sie zusammen. Neun Päpste hat Schwester Wilfride in ihrem Leben schon erlebt. Sie möchte deren Namen aufzählen, kommt aber durcheinander und schaut deshalb in einem Heft nach, das auf ihrem Tisch neben ihr liegt. Darin hat sie die Namen aufgeschrieben und liest sie laut vor.   

"Meine Nichten sagen mir immer, dass sie auf mich aufpassen müssen, weil ich jetzt das älteste Mitglied der Familie bin", lacht Schwester Wilfride. Die 98-jährige Schwester liest gerne Krimis und die Kirchenzeitung und hört gerne Orgelmusik. Auérdem mag sie es gerne, wenn jemand zu ihr zu Besuch kommt. "Die Freude an Gott ist meine Kraft", schließt die Vinzentinerin. Beim Rest helfe ihr Humor.

Von Madeleine Spendier