Wie ich Bruder Lukas' besondere Kapelle entdeckte

Meine Kindheit wurde in den Farben von Janosch gemalt. Tiger und Bär, Schnuddelbuddel. Noch heute kann ich die Tigerente im Schlaf malen. Und vielleicht beglückte mich deshalb dieser Ort auf Anhieb, den ich im ersten Corona-Lockdown für mich entdeckte: Die Edith-Stein-Kapelle von Bruder Lukas Ruegenberg in Köln-Bilderstöckchen. Damals, im März 2021, blühte zwar der Frühling, aber die Aussichten waren alles andere als rosig: die erste Pandemie in meinem Leben. Abstand halten. Versammlungen meiden. Auch Gottesdienste konnte ich nicht besuchen.
Wie viele fing ich an, den freien Himmel durch Spaziergänge nicht aus dem Blick zu verlieren. Und das nicht auf den ausgetretenen Pfaden, sondern eher in Bereichen der Kölner Hintertür. Und: Köln-Bilderstöckchen ist wahrlich keine Perle. Umso mehr staunte ich über den Innenhof eines Ensembles von Häusern, die nach Willy-Brandt-Sozialbausiedlung ausschauten: Ein Zug. Bunte Schilder. Ein Spielplatz, eine Grill-Ecke und: eine Kapelle. Die war sogar offen!
Ein kleiner, gedrungener Raum, in dem sich die Augen erstmal daran gewöhnen müssen, dass nicht allzuviel Licht fällt durch die kleinen bunten Fenster. Aber dann fiel mein Blick an die Decke: und diese rührte direkt mein altes Kinderherz. Denn: Hier wurde das Leben Jesu gemalt in Janoschs Farben. So fand ich das. Farbenfroh, klare Linien, aber beschwingt. Ich war begeistert: Jesus – mal nicht überzeichnet, sondern kindlich – aber nicht naiv. Ich fühlte mich angebunden an den abenteuerlichen Glauben meiner Kindheit, der war auch eher ein wilder Mix aus Neukirchener-Kinderbibel, der Sesamstraße und eben Janosch: "Komm, wir finden einen Schatz."
Ein Schätzchen an Kapelle
Was für ein Ort! Was für ein Schätzchen an Kapelle. Und dann schaute ich von der Decke herab auf die einfach geklinkerten Wände. Und ich entdeckte fremde Steine, die vom Erbauer offenbar aus Konzentrationslagern entnommen und hierher eingebaut waren. Also: Doch nicht nur eine Kapelle im Kindchenschema. Diese ikonografisch leichte Decke wird getragen von Mauern, die Leid-getränkt sind. Immerhin: Edith Stein ist Patronin dieses Gotteshauses. Auf einer Holzplanke ist sie verewigt, mit Judenstern auf dem Gewand der Karmeliterinnen. Das Tor von Auschwitz ist ebenfalls auf eine Planke gemalt. Und dann ist da noch die Planke mit einem Mann in KZ-Uniform, er hängt wie Christus am Kreuz. Dass in diesem Gotteshaus – inmitten von Willy-Brandt-Sozialbauplatten – das Gedenken an die Shoa derart plakativ wie unübersehbar festgehalten wurde, war der zweite Moment, der mich berührte. Ich machte meinen Zivildienst im Jahr 2000 in Israel, auch weil ich mich seit meiner Jugend mit dem Judentum beschäftigte.
Und dann fiel mein Blick in die Apsis – den optischen wie liturgischen Fluchtpunkt jeder Kirche, auch dieser Kapelle: eine Menora, ein scharlachrotes Fensterchen mit Maria und dem Jesuskind und darüber groß und beherrschend: Jesus als der "Pantokrator": klassische Ikonografie, aber auch wieder mit dem gewissen "Janosch-Filter". Darunter die Worte "Selig seid ihr, denn Ihr habt mir zu essen gegeben, denn ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen, denn ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen." Ja! Das ist der Maßstab! Der Schlüssel zum Reich Gottes. Nicht die gezählte Frömmigkeit (z.B. in Form von Messbesuchen, die zu der Zeit des ersten Lockdowns ja nicht in Kirchen gingen), nicht die Großartigkeit unserer Verdienste: Selig sind wir, wenn wir Menschen bleiben. Im Angesicht der Steine aus deutschen KZs und unter der Decke mit Jesus-Geschichten im Janosch-Stil erhielten diese Worte eine klare Evidenz, die ganz einfach war und doch so schwer.
"Wie schön, dachte ich. Und: Wie schade, dass mein Janosch-Sesamstrassen-Kinderbibel-Ich diese Sätze nicht so verinnerlicht hatte. Dann wären mir womöglich Jahre der Therapie erspart geblieben, die folgen sollten."
Ich verharrte in diesem Raum. Und beim Rausgehen fiel mir zunächst ein Totenbuch ins Auge. In dem sind gewissenhaft alle Menschen verzeichnet, die mit diesem Ort in Verbindung standen. Erstes Zeichen vom Mensch-Bleiben: Erinnern. Dann las ich mir, nach dem Herausgehen, die bunte Tafel in der Mitte des Platzes durch mit offenbar zentralen Spielregeln dieses Ortes: "Du hast das Recht so zu sein, wie Du bist." Oder: "Du musst dich nicht verstellen und so sein, wie Erwachsene es wollen." Wie schön, dachte ich. Und: Wie schade, dass mein Janosch-Sesamstrassen-Kinderbibel-Ich diese Sätze nicht so verinnerlicht hatte. Dann wären mir womöglich Jahre der Therapie erspart geblieben, die folgen sollten.
Schließlich fiel mein Blick aufs Handy. Näher auf Google und Wikipedia. Ich wollte mehr wissen über diesen Ort. Und ich sollte erfahren, wer denn diese Kirche gebaut hatte und was es mit diesem Ort, dem "Kellerladen", auf sich hatte: Der Benediktiner Lukas Ruegenberg. Und ich war beeindruckt von dem Mann, der durch seine Art all das wachsen ließ, weil er offenbar eine Präsenz hatte, die Raum gab und zugleich Akzente setzte mit beschwingten Pinselstrichen. Ich bestellte mir online – Buchhandel war ja schwierig – eine kleine Biografie. Bestellte mir das Kinderbuch über "Pimann", einen Kölner "Penner" (O-Ton Ruegenberg). Der sah gezeichnet fast aus wie Janoschs "Wondrak".
Mönch und Sozialarbeiter
Warum waren mir seine zahlreichen Kinderbücher nicht zuvor einmal über den Weg gelaufen? Und warum hatte ich in Kölner Kreisen eigentlich noch nie gehört von diesem Mönch und Sozialarbeiter, der mit absolut unkonventionellen Methoden junge Menschen im sozialen Brennpunkt begleitete? Ich weiß es nicht. Ich staunte, dass Bruder Lukas noch lebte. In Maria Laach. Und als ich, nur wenige Tage nach meiner Erstbegegnung mit der Kapelle zusammen mit der WDR-Moderatorin Yvonne Willicks, mit Kristell Köhler vom Erzbistum Köln und mit dem Bonifatiuswerk im Schnellstverfahren eine Social-Media-Aktion aus dem Boden stampfte, #wirrettenostern, da war mir klar: Ich möchte es zumindest versuchen, ob wir nicht Jesus-Bilder von Lukas Ruegenberg in unseren Posts zu Hausliturgien in der Kar-Woche verwenden dürften. Einmal hatte ich mit Bruder Lukas telefoniert und er gab alle seine Bilder aus seiner Jesus-Bibel frei zur Verwendung.
Benediktinerbruder Lukas Ruegenberg lebte bis an sein Lebensende in Maria Laach.
Immer wollte ich ihn mal besuchen in Maria Laach. Daraus ist nie etwas geworden und jetzt ist er gestorben. Nach meiner Erst-Begegnung ging ich immer mal zu seiner Kapelle. Meist fand ich sie geschlossen vor. Aber ich wusste ja, was drinnen ist: vielleicht der Kirchenort, der die Stränge meiner theologischen Existenz zusammenführt wie wenige andere Orte. Eine Kapelle, gebaut mit Klinker-Mauern mit eingeschlossenem Leid, die eine Decke tragen, auf denen das Leben Jesu bunt, einfach und direkt mich anspricht, wie wenige andere Leben-Jesu-Darstellungen.
Ich habe ihn nicht persönlich gekannt. Und daher zögerte ich etwas, als die Anfrage von katholisch.de kam, dass aufgrund meines Posts zu seinem Tod nun ich ausgerechnet eine Art Nachruf schreiben solle. Denn die Menschen, die ihn kannten, werden wissen, wie er wirklich war. Ich kenne eigentlich nur seine Kunst und diese besondere Kapelle.
Danke für diesen Ort, Bruder Lukas.
Der Autor
Klaus Nelißen ist Pastoralreferent des Bistums Münster und stellvertretender Rundfunkbeauftragter der Bistümer in Nordrhein-Westfalen für den WDR.