Bischofsweihe an diesem Sonntag

Neuer Mainzer Weihbischof Pottackal: "Warum ausgerechnet ich?"

Veröffentlicht am 10.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Steffen Zimmermann – Lesedauer: 

Mainz ‐ Am Sonntag erhält Joshy George Pottackal in Mainz die Bischofsweihe. Im Interview spricht der Karmeliterpater über seine neue Aufgabe als Weihbischof, seine Sicht auf die Kirche in Deutschland und die Bedeutung des Zuhörens.

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Als junger Priester kam er vor 22 Jahren aus Indien nach Deutschland – nun wird der Karmeliterpater Joshy George Pottackal Weihbischof im Bistum Mainz. Vor seiner Bischofsweihe an diesem Sonntag spricht der 48-Jährige im katholisch.de-Interview über seine Ernennung und seine künftigen Aufgaben, seine migrantischen Wurzeln und darüber, was er aus seiner Zeit als Jugend- und Pfarreiseelsorger in sein neues Amt als Weihbischof mitnehmen will.

Frage: Pater Joshy, an diesem Sonntag werden Sie im Mainzer Dom zum Bischof geweiht. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf diesen Tag?

Pottackal: Mit großer Freude, aber auch mit Respekt. Für mich beginnt an diesem Tag ein neuer Lebensabschnitt. Seit der Bekanntgabe meiner Ernennung im November sind mittlerweile drei Monate vergangen. In dieser Zeit hatte ich Gelegenheit, mich mit der bevorstehenden Weihe und der neuen Aufgabe auseinanderzusetzen. Ich bekenne aber auch: Die ersten Tage, nachdem ich gefragt wurde, ob ich mir das Amt des Weihbischofs vorstellen könne, waren sehr herausfordernd; ich habe mir damals ganz viele Gedanken gemacht. Aber wenn man dann einmal die Entscheidung getroffen hat, eine bestimmte Aufgabe zu übernehmen, dann steht man auch dazu.

Frage: Was ging Ihnen denn durch den Kopf, als Sie gefragt wurden, ob Sie Weihbischof werden wollen?

Pottackal: Die erste Frage war: Warum ausgerechnet ich? Wenn ich früher an einen Bischof dachte, hatte ich immer das Bild eines promovierten, großen Theologen vor Augen – und das bin ich nicht. Ich komme aus der Seelsorge. Außerdem bin ich Ordenspriester, Karmelit, und es ist immer noch eher ungewöhnlich, dass Ordensleute zu Bischöfen ernannt werden. Dazu kommt meine Herkunft als außereuropäischer Priester. Natürlich hatte ich auch großen Respekt vor der Aufgabe an sich. Ich habe mich gefragt: Kann ich das überhaupt? Und ich habe über meinen weiteren Lebensweg nachgedacht. Ich bin Ende 40 – das Bischofsamt wird nun im Grunde mein Lebensweg bleiben. Als Ordenspriester hat man etwas mehr Flexibilität und kann auch einmal etwas ganz anderes machen. Als Bischof ist der Weg stärker vorgezeichnet.

Frage: Sie werden der erste katholische Bischof in Deutschland mit außereuropäischen Wurzeln sein. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Pottackal: Ich bin vor 22 Jahren nach Deutschland gekommen, habe hier meine Ausbildung gemacht und in verschiedenen Bereichen der Seelsorge gearbeitet. Seit einigen Jahren bin ich Personalreferent im Bistum. Ich sehe meine Ernennung auch als Anerkennung für die Arbeit, die ich in dieser Zeit leisten durfte. Dass mir zugetraut wird, dieses Amt auszufüllen, erfüllt mich mit Freude und Dankbarkeit. Außerdem ist es ein Zeichen für die Entwicklung der Kirche in Deutschland. Rund ein Viertel der Priester hierzulande kommt inzwischen aus dem Ausland, und auch viele Gläubige haben Wurzeln in anderen Ländern. Dass nun ein Migrant Weihbischof wird, zeigt: Diese Menschen sind Teil der Kirche in Deutschland und werden gesehen.

„Viele Menschen haben mir gesagt, dass sie es gut und wichtig finden, dass nun erstmals jemand mit Migrationshintergrund Weihbischof in Deutschland wird.“

—  Zitat: Pater Joshy George Pottackal

Frage: Würden Sie sagen, dass es höchste Zeit wurde, dass sich diese Vielfalt auch im Kreis der Bischöfe widerspiegelt?

Pottackal: Nein, so würde ich das nicht sagen. Vor 20 oder 30 Jahren sah die Kirche in Deutschland noch ganz anders aus, sie war viel weniger migrantisch geprägt. Diese Entwicklung hat sich erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten vollzogen. Es brauchte Zeit, bis die Kirche das wahrgenommen hat. Und auch die Migranten brauchten Zeit, um in der Kirche ihren Platz zu finden und Verantwortung zu übernehmen. Insofern passt es jetzt gut, dass diese Vielfalt nun auch im Episkopat sichtbarer wird.

Frage: Welche Reaktionen haben Sie auf Ihre Ernennung bekommen?

Pottackal: Ich habe sehr viel Freude wahrgenommen. Viele Menschen haben mir gesagt, dass sie es gut und wichtig finden, dass nun erstmals jemand mit Migrationshintergrund Weihbischof in Deutschland wird. Ich habe viel Ermutigung und Unterstützung erfahren – nicht nur in Mainz, sondern auch aus dem Ausland. Dort wurde meine Ernennung ebenfalls sehr positiv aufgenommen.

Frage: Sie stammen aus dem südindischen Bundesstaat Kerala und sind in einer katholischen Familie aufgewachsen. Wie hat diese Herkunft Ihren Glauben geprägt?

Pottackal: Ich bin als Thomas-Christ im syro-malabarischen Ritus aufgewachsen. Das hat meine Kindheit stark geprägt – auch das Bewusstsein, Teil einer langen christlichen Tradition zu sein. Mit 15 Jahren bin ich in den Karmeliterorden eingetreten. Deshalb bin ich kein Diözesanpriester, sondern Ordenspriester und stark von der Spiritualität des Karmel geprägt. Direkt nach meiner Priesterweihe bin ich dann nach Deutschland gekommen. Insofern bin ich seelsorglich stark von der deutschen Kirche geprägt.

Frage: Warum sind Sie damals nach Deutschland gekommen?

Pottackal: Die indische Provinz der Karmeliter wurde ursprünglich von Deutschland aus gegründet. Deshalb gehörte ich damals offiziell zur deutschen Provinz, und diese hat mich 2004 zusammen mit einigen Mitbrüdern eingeladen, nach Deutschland zu kommen, um die Gemeinschaft hier zu unterstützen und auch pastoral tätig zu sein. Das war der Hintergrund.

Joshy George Pottackal (l), ernannter Weihbischof in Mainz, und Peter Kohlgraf, Bischof von Mainz, stehen bei der Vorstellung von Pottackal vor den Medienvertretern und Vertretern des Bistums.
Bild: ©picture alliance/dpa | Andreas Arnold

Der ernannte Weihbischof Joshy George Pottackal (l.) und der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf.

Frage: Wann wurde Ihnen klar, dass Deutschland für Sie mehr als nur eine Zwischenstation sein würde?

Pottackal: Als ich kam, hieß es zunächst, ich solle mindestens zehn Jahre bleiben. In dieser Zeit habe ich die pastorale Ausbildung absolviert und das kirchliche Leben hier kennengelernt. Die verschiedenen Aufgaben – in der Jugendseelsorge, in der Pfarrseelsorge und später auch im Ordinariat – haben gut zu mir gepasst. Die ersten Jahre waren so erfüllt, dass irgendwann der Gedanke entstand, länger zu bleiben. Ich habe in Deutschland fast ausschließlich Positives erlebt, viel Unterstützung und viel Akzeptanz. 2014 habe ich die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, Deutschland ist für mich zu einer zweiten Heimat geworden. Eigentlich hatte ich mir vorgestellt, irgendwann in die Auslandsseelsorge zu gehen. Vielleicht wäre jetzt der Zeitpunkt dafür gewesen – aber dann kam die Anfrage, Weihbischof zu werden.

Frage: Welche Erfahrungen aus der Seelsorge möchten Sie in Ihr neues Amt mitnehmen?

Pottackal: In der Seelsorge ist Zuhören ganz entscheidend. Ich glaube, dass ich diese Fähigkeit habe – ohne mich selbst loben zu wollen. Menschen kommen mit ihren Fragen, Zweifeln, aber auch mit ihrer Freude zu mir als Priester: bei Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen oder in persönlichen Krisen. Da habe ich gelernt, wie wichtig es ist, den Menschen wirklich zuzuhören. Auch wenn ich als Bischof künftig viele andere Aufgaben haben werde, möchte ich mir genau das bewahren: für die Menschen da zu sein und ihre Sorgen ernst zu nehmen.

Frage: Seit 2022 arbeiten Sie im Bischöflichen Ordinariat als Personalreferent. Hat dieser Wechsel von der Pfarrei in die Verwaltung Ihren Blick auf die Kirche in Deutschland verändert?

Pottackal: Ja, auf jeden Fall. Aus der Perspektive einer Gemeinde schimpft man schnell einmal über "die Zentrale", die angeblich alles falsch macht (lacht). Der Perspektivwechsel hat mir deshalb die Augen geöffnet. Ich habe besser verstanden, warum das Bistum bestimmte Entscheidungen trifft. Viele Entscheidungen, etwa wenn Kirchen aufgegeben oder Gemeinden zusammengelegt werden, lösen vor Ort verständlicherweise Trauer oder Ärger aus. Aber sie werden nicht willkürlich getroffen, sie sind meist gut begründet. Die Erfahrung sowohl auf Pfarreiebene als auch in der Verwaltung hilft mir sehr. Beide Perspektiven sind wichtig.

Frage: Bei der Bekanntgabe Ihrer Ernennung zum Weihbischof wurden Sie in der Pressemitteilung des Bistums unter anderem mit der Frage zitiert: "Kann ich mit den Gaben, die mir Gott gegeben hat, das Amt des Weihbischofs ausfüllen und trotzdem authentisch bleiben?" Haben Sie auf diese Frage inzwischen eine Antwort gefunden?

Pottackal: Als die Anfrage kam, habe ich tatsächlich mehrere Tage darüber nachgedacht. Inzwischen habe ich gemerkt, dass ich nicht allein bin. Ich bin Teil eines Teams – mit dem Bischof, dem Generalvikar, den Mitarbeitenden im Ordinariat und vielen anderen. Und natürlich vertraue ich auf Gott. Deshalb habe ich mir als bischöflichen Wahlspruch auch "Durch Vertrauen geführt" gewählt. Ich vertraue darauf, dass Gott mich führt und stärkt.

„Wir sollten stärker auf die Weltkirche schauen und sehen, wie Kirche in anderen Ländern lebt und funktioniert.“

—  Zitat: Pater Joshy George Pottackal

Frage: Die katholische Kirche in Deutschland hat schwierige Jahre hinter sich – mit dem Erschütterungen durch den Missbrauchsskandal und vielen Kirchenaustritten. Wie nehmen Sie die Situation wahr?

Pottackal: Die Kirche in Deutschland erlebt tatsächlich unruhige Zeiten. Gleichzeitig ist es eine Zeit, in der viele Themen offen angesprochen und diskutiert werden. Die Krise hat verschiedene Ursachen. Sie haben es angesprochen: der Missbrauchsskandal, der Rückgang der Gläubigen, aber auch die Frage nach der Rolle der Frau. Das alles ist herausfordernd. Aber aus Krisen kann man auch lernen und gestärkt hervorgehen. Wichtig ist die Bereitschaft dazu. Wir sollten außerdem stärker auf die Weltkirche schauen und sehen, wie Kirche in anderen Ländern lebt und funktioniert. Gerade mit meinem indischen Hintergrund halte ich diesen Blick über den eigenen Tellerrand für wichtig.

Frage: Der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, hat nach seiner Wahl gesagt: "Die katholische Kirche in Deutschland ist attraktiv" – eine Aussage, die angesichts der Situation der Kirche durchaus Erstaunen ausgelöst hat. Würden Sie ihm trotzdem zustimmen?

Pottackal: Ja, das würde ich. Allein wegen der Frohen Botschaft. Welche Gemeinschaft sonst stellt Frieden, Liebe und die bedingungslose Anerkennung jedes Menschen so in den Mittelpunkt? Hinzu kommt das große caritative Engagement unserer Kirche – denken Sie an die katholischen Kitas, Schulen und Pflegeeinrichtungen. Auch die Hilfswerke und das Engagement für die Weltkirche gehören dazu. Die Kirche ist eine Stimme für die Armen und Benachteiligten. Trotz aller Fehler bleibt sie deshalb attraktiv.

Frage: Gibt es Themen, denen Sie sich als Weihbischof besonders widmen möchten?

Pottackal: Ich werde zunächst einmal den Bischof bei seinen pastoralen Aufgaben unterstützen. Darüber hinaus wurden mir bestimmte Bereiche übertragen, etwa die Verantwortung für die Orden, für die Ökumene und für die Weltkirche. Gerade die Ökumene liegt mir am Herzen. In meiner Heimat Kerala leben viele Religionen eng nebeneinander, deshalb ist mir der interreligiöse Dialog vertraut. Darüber hinaus möchte ich zunächst einmal in die neue Aufgabe hineinwachsen – mit offenen Ohren und im Gespräch mit den Menschen im Bistum.

Von Steffen Zimmermann