Theologe: Kirche darf Veränderungen nicht scheuen

Damit die Kirche lebendig bleibt, muss sich laut dem Theologen Jürgen Werbick alles ändern, was sie daran hindert, Gottes Menschenfreundlichkeit zu bezeugen. Im Interview mit dem Schweizer Portal "kath.ch" sagte der emeritierte Münsteraner Professor für Fundamentaltheologie am Sonntag, alle missbrauchsbegünstigenden Strukturen müssten sich ändern. Die Kirche müsse sich als "Dienerin des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe" verstehen, in denen Gott die Menschen für das Leben mit ihm gewinnen wolle: "Alles andere ist um dieser Mitte willen da und kann und muss sich womöglich ändern – wenn es dem Dienst der Kirche eher im Weg steht."
Am trinitarischen Gottesverständnis dürfe sich nichts ändern, so Werbick – wohl aber Sprache, Begriff und theologische Systeme. Selbst ethische Überzeugungen und religiöse Lebensformen müssten verändert werden, "wenn in ihnen die Mitte des Christlichen nicht mehr sichtbar und spürbar wird". Laut Werbick ist es eine Illusion, dass der christliche Glaube immer gleich bleiben könne. Die biblische Exegese habe ein tieferes Verständnis dessen ermöglicht, was Jesus Christus verkündigte: "Wir reden nicht mehr nur dogmatisch darüber, wer er war, sondern wie er den Menschen Gott sichtbar machte."
Angst vor dem Zeitgeist sei schädlich, wo sie dazu verleite, Gefahren zu verdrängen, Probleme zu vertuschen oder sie nicht genau genug wahrzunehmen. Präzise Gefahrenwahrnehmung mache dagegen innovativ, wenn unverständlich Gewordenes gründlicher durchdacht werde.
Angst vor dem "Zeit-Ungeist"
Werbick betonte, nicht der häufig kritisierte Zeitgeist, sondern ein "Zeit-Ungeist" autoritärer und antidemokratischer Selbstbehauptungs- und Abschottungsideologien mache ihm Angst, wie er sich auch in der katholischen Kirche, in den USA und Polen zeige: "Es gibt diese unheilige Allianz nach dem Schema: Weil die extrem Rechten so entschieden gegen Abtreibung sind, sind das unsere Leute, ganz gleich, was sie sonst noch an Prioritäten auf dem Programm haben."
Die Angst vor einem liberalen Zeitgeist in der Kirche sei ein "Symptom einer tiefen Verunsicherung". Man frage sich: "Was bleibt noch vom Glauben, wenn wir uns tatsächlich auf die moderne Sicht von Welt, Natur, Menschsein, Leben, Schuld, Liebe einlassen – oder auf das, was viele dafür halten?" Dieser Unsicherheit wolle sich die Theologie "als starke Gesprächspartnerin in den Diskursen unserer Zeit" annehmen. (KNA)