Administratorin: Im schlimmsten Fall müssen wir das Kloster aufgeben
Seit gut einem Jahr leitet Schwester M. Petra Articus als Administratorin übergangsweise das Zisterzienserinnenkloster St. Marienthal im sächsischen Ostritz. Nach dem überraschenden Rücktritt der langjährigen Äbtissin im Februar vergangenen Jahres soll die 77-Jährige ausloten, ob und wie das finanziell angeschlagene und überalterte Kloster eine Zukunft hat. Im Interview spricht sie über Widerstände, Reformen und Zeitdruck.
Frage: Mutter Petra, vor gut einem Jahr haben Sie in einer Krisensituation die Leitung von St. Marienthal übernommen. Mit welchem Eindruck sind Sie damals angekommen?
Articus: Ich kannte den Konvent bereits aus zwei Visitationen, bei denen ich Co-Visitatorin gewesen war. Daher wusste ich, welche Probleme es im Kloster gab und welche Erwartungen an die Leitung bestanden. Die Schwestern wünschten sich in einigen Punkten Veränderungen. Der vorzeitige Rücktritt von Mutter Elisabeth aus gesundheitlichen Gründen kam für die Schwestern jedoch überraschend. Und genau das habe ich bei meiner Ankunft gespürt. Die Schwestern wollten keinen Wechsel an der Spitze des Konvents. Sie hatten zwar im Vorfeld zugestimmt, dass ich komme – bis zuletzt hatten sie aber wohl gehofft, dass Mutter Elisabeth im Amt und auch im Kloster bleibt. Das wusste ich vorher nicht, aber ich habe es dann vor Ort sehr deutlich gespürt. Entsprechend schwierig war der Anfang.
Frage: Wie sind Sie damit umgegangen?
Articus: Ich bin sehr vorsichtig vorgegangen – hatte aber zugleich einen klaren Auftrag. Ein Gutachten hatte ja festgehalten, dass sich sowohl die finanzielle Situation als auch das Leben im Konvent dringend verbessern müssen. Dennoch gab es am Anfang selbst bei kleineren Themen schnell Widerstand aus dem Konvent.
„Meine Mitschwestern aus Seligenthal, die mich hergefahren hatten, wollten mich zwar am liebsten gleich wieder mitnehmen, als sie sahen, wie ich empfangen wurde.“
Frage: Haben Sie in dieser offenbar schwierigen Anfangszeit mal daran gedacht, direkt wieder zu gehen?
Articus: Nein. Meine Mitschwestern aus Seligenthal, die mich hergefahren hatten, wollten mich zwar am liebsten gleich wieder mitnehmen, als sie sahen, wie ich empfangen wurde. Aber ich hatte zugesagt, für drei Jahre in Marienthal zu bleiben – und daran halte ich mich. Eine meiner wichtigsten Aufgaben habe ich deshalb von Anfang an darin gesehen, zu überlegen, wie ich die Schwestern davon überzeugen kann, dass es mir um ihre Zukunft geht und wir nur gemeinsam eine gute Lösung finden können.
Frage: Wie ist die Situation im Konvent heute?
Articus: Inzwischen akzeptieren mich die Schwestern weitgehend. Aber Mutter Elisabeth ist für viele nach wie vor ihre Äbtissin. Manche fragen sogar, wann sie ins Kloster zurückkommt. Ihr Rücktritt vor einem Jahr ist für einige Schwestern immer noch schwer zu akzeptieren.
Frage: Haben Sie zu Mutter Elisabeth in den vergangenen Monaten Kontakt gehabt? Wissen Sie, wie es Ihr geht und was ihre Pläne sind?
Articus: Kontakt hatte ich mit ihr nur schriftlich. Ich habe ihr mehrfach geschrieben, sie über Entwicklungen informiert und sie auch eingeladen. Sie war wohl auch ein paar Mal in Ostritz, ins Kloster ist sie aber nicht gekommen. Derzeit lebt sie außerhalb des Konventes. Ich denke schon, dass sie irgendwann nach Marienthal zurückkommen möchte – aktuell ist das aber kein Thema. Ich glaube auch, dass es zum jetzigen Zeitpunkt nicht hilfreich wäre.
Das Kloster St. Marienthal am Ufer der Neiße.
Frage: Sie sind nun ein Jahr in Verantwortung in Marienthal. Wie stellt sich die wirtschaftliche Lage des Klosters heute dar?
Articus: Leider nicht wesentlich besser. Es gab zwar Einnahmen – etwa durch den öffentlich viel diskutierten Verkauf des "Marienthaler Psalters" und anderer wertvoller Handschriften. Der Freistaat Sachsen hat dafür 5,5 Millionen Euro bezahlt, mit diesem Geld mussten allerdings Schulden beglichen werden. Außerdem gab es ein weiteres Darlehen, das ebenfalls zurückgezahlt werden muss. Wir haben in den vergangenen Monaten versucht, Kosten zu senken – etwa bei der Heizung, die allein zuletzt 120.000 Euro an jährlichen Kosten verursacht hat. Leider sind wir vielfach an bestehende Verträge gebunden, die wir nicht einfach kündigen können. Auch andere Fixkosten, etwa Versicherungen, lassen sich nur begrenzt reduzieren. Immerhin aber haben wir neue Einnahmequellen erschlossen: mehr Klosterführungen, ein optimierter Klosterladen, neue Mietverhältnisse, mehr Seminarangebote. Die Schwestern engagieren sich hier inzwischen sehr stark. Wir haben auch Personal reduziert, die Schenke verpachtet und Einrichtungen abgegeben. Insgesamt sind das wichtige Schritte. Wir sind auf einem guten Weg – aber es reicht noch nicht.
Frage: Sie sind vor einem Jahr nicht allein nach Marienthal gekommen. Auf Ihren eigenen Wunsch hin wurde Ihnen mit dem Volkswirt Richard Nobis ein Geschäftsführer an die Seite gestellt. Welche Rolle spielt er?
Articus: Eine ganz entscheidende. Herr Nobis ist für mich eine große Stütze. Wir besprechen alles gemeinsam und treten mitunter auch gemeinsam vor den Konvent. Mir war nach dem Gutachten zur Situation des Klosters klar: Wenn überhaupt die Chance bestehen soll, dem Kloster eine Zukunft zu geben, brauche ich Unterstützung in wirtschaftlichen Fragen. Deshalb habe ich von Anfang an darauf bestanden, dass ein Fachmann dabei ist. So kam Herr Nobis dazu.
Frage: Sie haben gesagt, dass Sie inzwischen stärker auf Gäste und Angebote nach außen setzen und so auch neue Einnahmequellen erschlossen haben. Wie sehr belastet diese Öffnung aber das klösterliche Leben?
Articus: Gar nicht – sie tut dem Kloster im Gegenteil gut. Unsere Gäste können, wenn sie es möchten, am Chorgebet teilnehmen. Die Architektur ermöglicht es zugleich, dass sie das klösterliche Leben nicht stören. Gäste, die schon länger zu uns kommen, dürfen sogar mit uns Schwestern essen – allerdings nur schweigend, so wie wir selbst es auch halten. Viele Gäste sind dankbar für die Möglichkeit zu Stille, Gebet und geistlicher Orientierung. Und auch für die Schwestern ist der Kontakt zur Außenwelt wertvoll.
„Nach aktuellem Stand reicht das Geld noch etwa eineinhalb bis zwei Jahre.“
Frage: Ein Thema, das Sie aktuell beschäftigt, ist die mögliche räumliche Verkleinerung des Klosters. Wie konkret sind die Pläne?
Articus: Die Schwestern sind grundsätzlich dazu bereit, in die Propstei umzuziehen. Das würde vieles erleichtern, vor allem bei den Betriebskosten. Das Problem ist aber: Die Propstei ist nicht fertig renoviert, und wir haben kein Geld für den notwendigen Umbau. Uns ist vom Freistaat Sachsen signalisiert worden, dass eine staatliche Förderung möglich wäre, wenn wir für die übrigen Klostergebäude eine andere Nutzung finden. Aber genau das ist schwierig. Wir haben bereits einige Gespräche bezüglich der Zukunft des Klosters geführt, bislang gibt es aber keine Lösung. Wenn sich daran nichts ändert, bleibt am Ende im schlimmsten Fall nur die Aufgabe des Klosters.
Frage: Was denken Sie, wie viel Zeit Ihnen bleibt?
Articus: Nach aktuellem Stand reicht das Geld noch etwa eineinhalb bis zwei Jahre. Wir schaffen es einfach nicht, zu unserem notwendigen Lebensunterhalt jedes Jahr noch 200.000 Euro zusätzlich zu verdienen, um die Betriebskosten dieses großen Hauses zu bezahlen. Wenn wir nicht bald eine tragfähige Lösung finden, können wir das Kloster nicht weiterführen – was natürlich extrem schmerzlich wäre und die Schwestern auch ängstigt.
Frage: Sie könnten also am Ende diejenige sein, die St. Marienthal – immerhin das älteste durchgängig bestehende Zisterzienserinnenkloster Deutschlands – nach fast 800 Jahren schließen muss?
Articus: Ich hoffe natürlich nicht, dass es so weit kommt. Im Gegenteil: Wir hoffen alle, dass sich noch eine Lösung findet. St. Marienthal ist ein bedeutendes Kulturdenkmal – und ein bedeutender geistlicher Ort. Ich erlebe immer wieder Menschen, die hierherkommen, um zu beten oder sich neu mit dem Glauben auseinanderzusetzen – auch solche, die vorher kaum Berührung damit hatten. Das zeigt mir, wie wichtig dieser Ort ist. Deshalb hoffe ich weiterhin, dass wir einen Weg in die Zukunft finden.
