Benediktinerin: Gehöre möglicherweise zur letzten Generation
"Ich bin eine von ihnen. Eine von diesen plus/minus Fünfzehn. Die letzte Generation. Seit fast zwanzig Jahren komme ich mehrmals täglich in dieses Chorgestühl. Zum Beten, meistens aber nur zum Schweigen und Schauen ins Leere. Jede hat hier ihren festen Platz, aber seit einiger Zeit suche ich immer häufiger nach meinem. Ich finde ihn nicht mehr. Auch nach zwei Jahrzehnten Klosterleben gehöre ich noch immer zu den Jüngsten." Diese Sätze schreibt die Benediktinerin Raphaela Brüggenthies in einem autofiktionalen Beitrag, der in der Zeitschrift für christliche Spiritualität "Geist & Leben" veröffentlicht wurde. Die Priorin und Novizenmeisterin der Abtei Sankt Hildegard aus Rüdesheim, im Foto oben rechts, beschreibt damit sehr ehrlich, wie es sich anfühlt, wenn eine klösterliche Gemeinschaft älter und kleiner wird. Im Interview mit katholisch.de erklärt die 46-jährige Ordensfrau aus Rüdesheim, warum sie dennoch zuversichtlich ist.
Frage: Schwester Raphaela, Ihr Beitrag in "Geist & Leben" über das "Klostersterben" macht sehr nachdenklich. Wie kam es zu diesem Text?
Schwester Raphaela: Der Text ist zufällig im Wartebereich der Notaufnahme eines Krankenhauses entstanden. Ich war dort mit einer älteren Mitschwester, die dringend Hilfe benötigte. Da die Untersuchungen länger dauerten, habe ich die Wartezeit zum Schreiben genutzt. Ich hatte morgens von einem literarischen Preisausschreiben gelesen und wollte daran teilnehmen. Dann habe ich meinen Beitrag aufgeschrieben und eingereicht. Zwar hat er nichts gewonnen, aber er wurde später in einer Theologischen Zeitschrift veröffentlicht. Ich bin überrascht, wie viel Resonanz es darauf gegeben hat. Der autofiktionale Text trägt den Titel "Vigil". Es geht darin um das "Aufwachen", nicht um das "Klostersterben".
Frage: In Ihrem Text beschreiben Sie, dass das Ordensleben in Westeuropa zurückgeht wie die Gletscher der Alpen …
Schwester Raphaela: Ja, der Klimawandel ist eine Tatsache, den manche nicht wahrhaben wollen. Ebenso gibt es Veränderungen in der Ordenslandschaft, die nicht zu leugnen sind. Ich beschreibe in dem Text, wie es sich anfühlt, wenn man möglicherweise zur "letzten Generation" im Orden gehört und wie es ist, wenn etwas nach und nach verschwindet, ohne dass man es aufhalten kann. Natürlich hat es in der Geschichte des Ordenslebens immer Wellenbewegungen gegeben, Niedergänge und Neuanfänge. Ich finde, es macht aber doch einen Unterschied, ob man selbst einen Aufschwung erlebt und gestalten darf, oder ob man in einer jahrzehntelangen Abwärtsbewegung steckt und nicht weiß, ob die Talsohle schon erreicht ist. Was kann den wenigen Jüngeren in den Klöstern dabei helfen, den Mut nicht zu verlieren? Wie geht es weiter mit unserer Lebensform und den kostbaren Traditionen? Welchen Wandel wird das Ordensleben im 21. Jahrhundert zu bestehen und zu gestalten haben? Diese Fragen stelle ich mir.
Frage: Haben Sie eine Antwort auf diese Fragen?
Schwester Raphaela: Nein. In dem Text "Vigil" beschreibe ich die Suche nach Antworten und das Ringen darum. Ich habe versucht, diese Stimmung in Worte zu fassen, zu beschreiben, was das mit einem macht, wenn alles um einen herum zu groß wird oder sich auflöst. Ich benutze da zum Beispiel das Bild von Kleidern, die nicht mehr passen. Es sind Kleider, die vom Saum her kaputt gehen, ausfransen, ihre Form und Funktion verlieren. Man bleibt damit hängen, verheddert sich und kommt nur frustriert vorwärts, wenn überhaupt. Das ist eine kräftezehrende und unnötige Verschleißerfahrung. Viele Ordensgemeinschaften, die älter und kleiner werden, leben in viel zu großen Klostergebäuden. Das ist meist mehr Last als Lust. Das wirkt sich auf die Seele aus.
Eine aufgeschlagene Bibel in der Abteikirche Sankt Hildegard in Rüdesheim. Derzeit leben dort 30 Benediktinerinnen. Viele von ihnen sind über 80 Jahre alt.
Frage: Sie schreiben in Ihrem Beitrag "Vigil", dass sich ein Leben in Gemeinschaft einsam und verloren anfühlen kann …
Schwester Raphaela: Ich glaube, dass es im Leben einer Gemeinschaft, egal ob es in einer Partnerschaft, in einer Familie oder in einer Klostergemeinschaft ist, Zeiten der Einsamkeit geben kann. Wer zusammen lebt, ist sich vertraut und bleibt doch ein Stück weit fremd. Und gleichzeitig gibt es immer wieder etwas Neues am Anderen zu entdecken. Wir können einander überraschen. Das ist beglückend und gleichzeitig anspruchsvoll. Wer zusammen lebt, kann einander Stütze sein und muss sich ebenso aushalten und immer wieder verzeihen.
Frage: Wenn nur sehr wenige Schwestern in einem großen Chorgestühl zusammen beten, ist das bestimmt nicht einfach?
Schwester Raphaela: In unserem Kloster in Sankt Hildegard in Rüdesheim leben derzeit 30 Schwestern. Viele von ihnen sind über 80 Jahre alt. Das Chorgestühl ist für 100 Personen angelegt. Da gibt es noch viel Platz. Wie geht man mit so einem Leerstand um, seelisch und ganz praktisch? Vieles steht in unseren Klöstern unter Denkmalschutz. Wenn die Dinge nicht mehr richtig passen, sollte man kreative Lösungen entwickeln, um gut existieren zu können, sonst werden wir museal. Zuerst muss es uns um das Reich Gottes und nicht um die Möbelstücke darin gehen. So ein Chorgestühl ist kostbar, keine Frage, aber wenn am Ende niemand mehr darin betet, wäre es nur noch ein Denkmal ohne Leben. Es ist bestimmt historisch interessant und touristisch schön anzusehen, aber in Schwingung gerät da nichts mehr.
Frage: Die Wände rings um das Chorgestühl Ihrer Abtei sollen früher mit Bildern ausgemalt gewesen sein. Was hat es damit auf sich?
Schwester Raphaela: Ja, die Wände rings um unser Chorgestühl waren ursprünglich wie die gesamte Abteikirche im Stil der Beuroner Kunst ausgemalt. Ein einzigartiges Gesamtkunstwerk! Aus verschiedenen Gründen wurden die Wände im Chor in der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils dann aber leider übertüncht. Man empfand die Ausmalung als zu dunkel, was allerdings an der geringen Qualität der Beleuchtung lag. Heute bedauern wir diesen Verlust durch die Ausmalung sehr. Gerade im Nonnenchor und auf der Südwand des Presbyteriums, der sogenannten Marienwand, befanden sich theologisch wichtige Motive für das Gesamtkonzept der Ausmalung sowie revolutionäre Frauendarstellungen.
Die heute nicht mehr sichtbare Darstellung in der Abtei Sankt Hildegard in Rüdesheim stellte Maria vermutlich als Bischöfin dar. Die Gottesmutter trug, wie hier in einer Originalabbildung, ein Obergewand im Schnitt einer Kasel und ein gestuftes Untergewand wie bei einem Bischof.
Frage: Welche revolutionären Frauenbilder meinen Sie damit?
Schwester Raphaela: In den drei Bogenfeldern der Marienwand waren neun Frauen aus dem Alten Testament dargestellt. Es sind Frauen der Stärke: Sarah, Eva, Rebecca, Esther, Ruth, Sulamith, Judith, Abigail und Jaël. Darüber befand sich eine fast fünf Meter hohe Darstellung der Muttergottes. Sie wurde ebenfalls übertüncht. Eine meiner Mitschwestern aus der Abtei Rüdesheim hat dazu einiges herausgefunden und geschrieben. Die Muttergottes-Darstellung zeigte Maria gekleidet in ein Obergewand im Schnitt einer Kasel. Das Untergewand ist gestuft dargestellt, wie bei einem Bischof, der unter der Kasel als Rangabzeichen über der Albe die Dalmatik trägt. Maria wurde als Bischöfin dargestellt. Das ist für eine Malerei von 1909 schon sehr außergewöhnlich. Aber für einen Frauenkonvent, dem das täglich vor Augen stand, ist das inspirierend. Umso mehr schmerzt uns heute der Verlust. Man könnte die Ausmalung natürlich wieder freilegen und restaurieren. Man sollte das unbedingt tun, aber das wäre sehr kostspielig und aus unseren eigenen Mitteln nicht zu leisten.
Frage: Ihr Text "Vigil" endet offen. Sie kehren in Ihr Chorgestühl in die Abtei zurück, obwohl Sie vorher Ihren Platz darin nicht mehr fanden …
Schwester Raphaela: Ja, am Ende des Textes sitzen Leute im Chorgestühl, denen ich den Tag über begegnet bin. Es ist nicht entscheidend, wie viele es sind und ob sie dort tatsächlich sitzen oder nur in meinen Gedanken anwesend sind. Da ging es mir um den Aspekt des Hineinholens und Anteilgebens, um das Netz einer großen Gebetsgemeinschaft über Raum und Zeit hinaus. Sich immer wieder in die Vigil, die Nachtwache, zu begeben, allen Momenten der Ratlosigkeit zum Trotz, darin wird für mich einfach Hoffnung groß und lebendig. Wir bilden eine solidarische Gebetsgemeinschaft. Wenn man seit zwei Jahrzehnten im Kloster ist und immer noch zu den Jüngsten gehört, dann ist das Fluch und Segen zugleich. Bei unserer Profess singen wir "Lass mich in meiner Hoffnung nicht scheitern." Das ist ein österlicher Glaube, der mir Hoffnung macht. Es geht weiter.
Zur Person
Schwester Raphaela Brüggenthies ist Theologin und promovierte Germanistin. Seit 2009 ist sie Benediktinerin der Abtei Sankt Hildegard in Rüdesheim am Rhein. Schwester Raphaela ist Priorin, Novizenmeisterin und zuständig für die Pflege der alten und kranken Schwestern ihrer Abtei.
