Wie ein einzelner Christ für mehr Fairness in der Welt sorgte

Im Ruhrgebiet sorgte Wölting mit einer "Magna Charta" bereits vor 15 Jahren dafür, dass 53 Städte und Gemeinden nur faire Produkte einkaufen und verwenden, die nicht durch ausbeuterische Kinderarbeit hergestellt wurden. Für seine Verdienste verlieh das bischöfliche Hilfswerk Misereor dem pensionierten Lehrer vor Kurzem die Goldene Ehrennadel. Ein Besuch.
Wilhelm Wölting ist eigentlich Lehrer. Viele Jahre unterrichtete er Religion und Erdkunde an einer Essener Hauptschule. Doch der heute 88-Jährige hat noch eine weitere Leidenschaft – sein Engagement gegen ausbeuterische Kinderarbeit. Welche Erfolge er dabei in über zwei Jahrzehnten erzielen konnte, erfreut ihn zutiefst. Erwartet hatte er das nicht. "Aber ich habe immer gehofft, die Welt ein wenig gerechter machen zu können", betont er.
Soziale Ungerechtigkeit kann der 1937 in Essen-Überruhr geborene Katholik einfach nicht leiden. Schon als junger Lehrer und später als Konrektor an einer Essener Hauptschule hielt er benachteiligte Kinder immer im Blick, um sie bestmöglich zu unterstützen. Über das Engagement in der katholischen Kirchengemeinde kam Wölting Ende der 1970er Jahre zum Eine-Welt-Netz-NRW für fairen Handel. Bis heute hilft er zweimal im Monat ehrenamtlich, faire Produkte in einem Weltladen in Essen-Kupferdreh zu verkaufen. "Das macht mir nach wie vor Freude und ist mir ein wichtiges Anliegen", sagt er.
Über Misereor kam er an sein Herzensprojekt
Ab 1982 brachte sich der damalige Konrektor im Pfarrgemeinderat seiner katholischen Heimatgemeinde ein. Er engagierte sich im "Ausschuss für Mission, Entwicklung und Frieden." Der Kreis setzte sich für das katholische Hilfswerk Misereor ein, unterstützte speziell ein medizinisches Projekt in Brasilien, die "Barfußärzte für Juazeiro". Die in der Essener Pfarrei gesammelten Spenden kamen brasilianischen Frauen zugute. "Sie erhielten Unterricht in medizinischer Hilfe. Denn vor Ort fehlte es an Ärzten, die häufige Verletzungen behandeln konnten", erklärt Wölting.
Über Misereor lernte der damals bereits pensionierte Pädagoge sein späteres Herzensprojekt kennen. 2005 reiste Wölting mit dem Hilfswerk nach Indien. Auf eigene Kosten "Man hatte mich gebeten, eines der Projekte vor Ort anzusehen, aber ich wollte dafür keine Spendengelder in Anspruch nehmen." Bei Touren durchs Land sah er, was viele Menschen in reichen Ländern der Welt nicht wahrhaben wollten: Kleine Hände sorgen in armen Regionen der Welt für Profit. Kindersklaven verrichteten schwerste Arbeit beim Teppichknüpfen sowie in Steinbrüchen. Diesen Kindern, die skrupellos von profitgierigen Produzenten für deren Vorteile ausgenutzt wurden, gab der Essener ein großes Versprechen: "Solange ich lebe, werde ich für euch kämpfen."
Wölting ließen diese Reiseeindrücke zuhause nicht mehr los: das Leid der Kinder, die täglich zehn bis zwölf Stunden harte Arbeit für viel zu wenig Geld verrichten, brannten sich in sein Gedächtnis. Aber er war auch hoffnungsvoll. Denn er hatte in Indien selbst erlebt, dass Rettung möglich ist. Er war dabei, als sieben Jungen aus dem Elend der Teppichindustrie befreit wurden. Was er über deren Schicksal berichtet, macht fassungslos. "Verletzten sich die Kinder beim Knüpfen an den Händen, hat man die Wunden mit Schwefel aus Streichholzköpfen vernarbt, damit kein Blut auf die Ware fließt." Mit Stockschlägen seien Jungen, die man wie Sklaven hielt, an die Webstühle zurückgeprügelt worden. All das für einen Hungerlohn von unter einem Euro täglich.
Laut einem Misereor-Bericht aus dem Jahr 2020 sind rund 160 Millionen Mädchen und Jungen von Kinderarbeit betroffen.
Vikas Sansthan, eine nicht-staatliche Partnerorganisation von Misereor, kämpft in Indien seit 1994 gegen diese Art von Ausbeutung und setzt sich aktiv für die Rechte von Frauen und Kindern ein. In einem ganzheitlichen Ansatz werden Not leidende Jungen und Mädchen auf den Besuch staatlicher Schulen vorbereitet. Mit Spenden finanziert man Komitees für Kinderrechte, Selbsthilfegruppen für Mütter und eine Gesundheitsförderung. Seit 2001unterstützt Misereor die Arbeit von Vikas Sansthan. Dennoch: Laut einem Misereor-Bericht aus dem Jahr 2020 sind noch immer rund 160 Millionen Mädchen und Jungen von Kinderarbeit betroffen. "Für wenig Geld leisten sie überlange Arbeitszeiten. Sie sind von ihren Arbeitgebern abhängig und oft kaum geschützt vor Gewalt oder sexuellen Übergriffen", heißt es darin.
"Die verbotene Kinderarbeit war damals schon brisant. Die Produzenten stritten es ab. Nur mit Glück wurden einzelne Fälle vor Ort aufgedeckt", so Wölting. Über die schlimmen Arbeitsbedingungen der Jüngsten zu informieren und den Verkauf entsprechender Produkte zu stoppen, ist dem Essener nach wie vor ein Anliegen. Skrupellose Verstöße gegen ein weltweit geltendes Recht, festgeschrieben in der UN-Kinderechtskonvention, seien noch immer zu finden. "Arbeiten, für die Mädchen und Jungen zu jung sind, die ausbeuterisch oder gefährlich sind oder die körperliche oder seelische Entwicklung der Kinder schädigen und sie vom Schulbesuch abhalten, müssen aufgedeckt werden", unterstreicht der Essener Katholik.
Bei Vorträgen in Kirchengemeinden und Schulen informierte er jahrelang über den traurigen Arbeitsalltag der indischen Kindersklaven. Mit sympathischer Hartnäckigkeit referierte er über Steinbrüche, in denen es kaum oder keine Sicherheitsvorkehrungen oder Schutzausrüstung für Kinder gibt. Über Stunden erklingen dort die dumpfen, monotonen Schläge der Hämmer gegen den Granit, Sägen kreischen und Bohrmaschinen dröhnen. Ohne Mundschutz, Handschuhe oder festes Schuhwerk seien die Kinder den Gefahren ausgesetzt, erlitten allzu leicht Verletzungen wie Schnittwunden oder Knochenbrüche. Ganz zu schweigen von der hohen Staubbelastung, die Augen und Lunge reizt. Obwohl die Kinderarbeit seit 1989 durch die Vereinten Nationen verboten ist, arbeiten bis heute zudem Kinder und Jugendliche auf Teeplantagen, als Haushaltshilfen oder in der Schmuckindustrie. Sie tragen so zum geringen Familieneinkommen bei. Leider auf Kosten ihrer Schulbildung, ein Dilemma.
So brachte er das Thema in die Lokalpolitik
Auf einer Informationsveranstaltung bei der kfd-Gruppe in Essen-Überruhr erhielt Wölting den entscheidenden Impuls für sein größtes Projekt. Eine Frau fragte, wie die Städte und Gemeinden im Ruhrgebiet zur Kinderarbeit in Indien stehen. Und ob sie Produkte von solchen Firmen kaufen würden. Wölting recherchierte und brachte das Thema bald auf eine lokalpolitische Ebene. Die sieben aus der Teppichindustrie geretteten Kinder waren Antrieb für eine ebenso vorbildliche wie nachhaltige Sache: die "Magna Charta", eine freiwillige Selbstverpflichtung für Städte und Kommunen.
Im Jahr 2010 feierte sich das Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt. Die Vorbereitungen des Programms mit einer Fülle von Ausstellungen, Events und Konzerten zur "Ruhr.2010" starteten ein gutes Jahr früher. Im Mai 2009 bildete sich die Initiative "Faire Kulturhauptstadt Ruhr.2010" aus Akteuren verschiedener Ruhrgebietsstädte. Die Idee dazu hatte Wölting vorgebracht. Ziel: gemeinsam gegen ausbeuterische Kinderarbeit zu kämpfen. "Wir wollten möglichst viele Städte überzeugen, ihre Vergabepraxen so zu ändern, dass in Zukunft keine unfairen Produkte mehr gekauft werden, wie Grabsteine für städtische Friedhöfe, Granitarbeitsplatten für Küchen, Teppiche oder auch
Die Goldene Ehrennadel von Misereor erhielt der Essener zur Anerkennung seines Engagements Ende 2025.
Es war eine Herausforderung, die Hürden der Bürokratie in den Rathäusern zu überwinden. "Man hatte anfangs viele Bedenken, auch wegen höherer Kosten durch faire Produkte." Doch am 12. Juni 2010 wurde Wöltings Traum wahr. Im Dortmunder Rathaus unterzeichneten die ersten 38 Städte und Gemeinden das Abkommen zur fairen Metropole Ruhr. Bald folgten die restlichen Kommunen, bis alle 53 Städte und Gemeinden sowie die vier Landkreise die "Magna Charta" besiegelt hatten.
Der Initiator ist nach wie vor überzeugt von der Idee. Und stets bereit, andere zu begeistern. In der Laudatio von Misereor zu Wöltings Auszeichnung in der Essener Kirche St. Suitbert wurde dieses unermüdliche Engagement hervorgehoben. So sehr im Mittelpunkt zu stehen, wie bei der Verleihung der Goldenen Ehrennadel durch das Bischöfliche Hilfswerk, mag der rüstige Rentner eigentlich nicht. "Doch es musste sein", sagt er. Misereor-Hauptgeschäftsführer Dr. Andreas Frick aus Aachen betonte, mit welcher Empathie der Essener über Grenzen hinweg Verantwortung übernommen hat. Ein echtes Vorbild.