Vatikan gegen Militarisierung und Kommerzialisierung des Weltraums

Der Vatikan fordert eine gemeinwohlorientierte Weltraumpolitik. In einem Interview mit "Vatican News" spricht sich der Ständige Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen, Erzbischof Ettore Balestrero, dafür aus, dass der Weltraum ein Gemeingut bleibt, "mit klaren rechtlichen Normen, die – wo nötig – im Bewusstsein der Verantwortung gegenüber der gesamten Menschheit und den künftigen Generationen aktualisiert werden". Der Weltraum sei kein Niemandsland und kein gesetzloses Eroberungsfeld, in dem das Prinzip "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst" gelten dürfe.
Die zentrale Botschaft der Kirche sei, dass die Menschheit den Weltraum nicht in einen Dschungel verwandeln dürfe. "Er bietet der Menschheit gewissermaßen eine zweite Chance und lädt uns ein, viele Fehler zu vermeiden, die wir auf der Erde begangen haben." Das All müsse "verantwortungsvoll, solidarisch und im Respekt vor der Subsidiarität erforscht werden – zum Wohl der gegenwärtigen und der künftigen Generationen", so Balestrero weiter.
Der Vatikan-Diplomat warnte davor, dass das All zum Schauplatz eines wilden Wettbewerbs oder von Konflikten werden könne. Er fordert als ersten Schritt die Einhaltung des UN-Weltraumvertrags von 1967 ein, zu dessen 120 Unterzeichnern auch der Heilige Stuhl gehört: "Der Heilige Stuhl ruft dazu auf, die bestehende Gesetzgebung zu stärken, nicht von ihr abzuweichen – um zu verhindern, dass Länder zurückgelassen werden, und um die Sorge für die Schöpfung zu bewahren, etwa durch gemeinsame Projekte zur Beseitigung von Weltraummüll." Der Vertrag sieht vor, dass die Erforschung und Nutzung des Weltraums zum Nutzen und im Interesse aller Länder erfolgen muss. Er erlaubt zivile Raumfahrt und Weltraumforschung, verbietet aber die Stationierung von Kernwaffen und anderen Massenvernichtungswaffen im Weltraum.
Kein ausreichender Schutz vor Militarisierung des Weltraums
Balestrero bedauert, dass der Weltraumvertrag nicht ausdrücklich konventionelle Waffen im Weltraum oder die Nutzung des Alls für Cyberangriffe oder die Blockade von Funksignalen verbietet, was bereits geschehe. Dabei müsse unterschieden werden zwischen der Nutzung des Weltraums zur Unterstützung militärischer Operationen auf der Erde, etwa durch Satelliten, und der physischen Stationierung von Waffen und ihrem direkten Einsatz im Weltraum. "Wir müssen uns jedoch bewusst sein, und das ist entscheidend, dass ein Konflikt, der den Weltraum direkt einbezieht, wahrscheinlich niemanden auf der Erde verschonen würde", warnt der Erzbischof.
Das Foto "Earthrise" wurde am 24. Dezember 1968 von dem Astronauten Bill Anders aufgenommen. Der Blick auf die Erde aus dem Weltraum erinnert an die Verletzlichkeit der Welt und die Gemeinschaft aller Menschen.
Die kommerzielle Nutzung des Weltraums dürfe nicht zum Selbstzweck werden und bestehende Ungleichheiten verschärfen. "Ein gesundes Gleichgewicht zwischen Wettbewerb und Zusammenarbeit trägt dazu bei, dass der Weltraum direkt der menschlichen Würde und dem Gemeinwohl dient – etwa in Krisensituationen durch Notfallkommunikation, Satellitendaten für humanitäre Hilfe oder Überwachung zum Schutz von Kultstätten. In anderen Fällen verbessert er Wettervorhersagen, Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Transport – und erreicht auch Länder und Gemeinschaften, die sonst ausgeschlossen blieben", erläutert Balestrero.
Jahrzehntelanges Vatikan-Engagement für Weltraumpolitik
Der Heilige Stuhl engagiert sich seit Jahrzehnten in der Weltraumpolitik, beginnend mit der Unterzeichnung des Weltraumvertrags. 2018 veranstaltete der Heilige Stuhl zusammen mit dem Büro der Vereinten Nationen für Weltraumfragen (UNOOSA) ein Seminar zur Erforschung und Entwicklung des Weltraums, bei dem Chancen und Probleme im Zusammenhang mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung beraten wurden. Die Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UN bringen seit Jahren die Forderung nach einer gemeinwohlorientierten Regulierung des Weltraums in die UN-Vollversammlung ein.
Die in Genf bei der Ständigen Vertretung des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen angesiedelte Stiftung "Caritas in Veritate", deren Vorsitzender Erzbischof Balestrero ist, hat die Weltraumpolitik als einen Schwerpunkt gewählt. 2026 hat sie einen Sammelband zur gemeinwohlorientierten Nutzung und Erforschung des Weltalls veröffentlicht, in dem neben Fachaufsätzen auch eine Sammlung von Äußerungen des päpstlichen Lehramts und des Heiligen Stuhls zu Weltraumfragen veröffentlicht sind. (fxn)