Russischer Geheimdienst greift erneut Ökumenischen Patriarchen an
Der russische Auslandsgeheimdienst SVR greift erneut den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. an. In einer Pressemitteilung von Anfang der Woche wirft die Behörde dem Ehrenoberhaupt der Orthodoxie vor, sich in die Wahlen zur Nachfolge des verstorbenen georgischen Patriarchen Ilia II. einmischen zu wollen. "In kirchlichen Kreisen wird angemerkt, dass Machtgier zum ständigen Begleiter des Konstantinopeler Schismatikers geworden ist", heißt es in der Pressemitteilung.
Das Ökumenische Patriarch hat sich zu den Vorwürfen noch nicht geäußert. In der Vergangenheit hat es ähnliche Anschuldigungen seitens des russischen Geheimdienstes deutlich zurückgewiesen. Ein Sprecher der Georgisch-orthodoxen Kirche wies die Behauptungen des Geheimdienstes zurück: "Eine solche Einmischung durch eine andere Kirche ist für uns unvorstellbar; wir halten sie für völlig unmöglich."
Patriarch Ilia II. starb Mitte März im Alter von 93 Jahren. Er war seit 1977 Katholikos-Patriarch der Orthodoxen Kirche von Georgien und galt als Integrationsfigur des Landes. Ungefähr 83 Prozent der Georgier gehören der georgisch-orthodoxen Kirche an, die den Status einer autokephalen, also selbständigen, Kirche hat.
Angebliche Kandidaten für Patriarchat
Laut dem russischen Geheimdienst favorisiert Bartholomaios als Nachfolger Ilias den Metropoliten von Westeuropa, Abraam (Garmelia), und den Metropoliten von Poti und Khobi, Grigoli (Berbichashvili). Mit 77 Jahren kommt Abraam aber nicht als Nachfolger in Frage, Beobachter sehen auch die Wahl des 69-jährigen Grigolis als unwahrscheinlich an. Ein Kandidat für das Patriarchenamt muss gemäß dem Statut der Kirche georgischer Staatsbürger, Bischof der georgisch-orthodoxen Kirche und zwischen 40 und 70 Jahre alt sein sowie über profunde theologische Kenntnisse und umfangreiche Erfahrung in der Kirchenleitung verfügen.
Patriarch Ilia II. ist im März verstorben. Zu seinen Markenzeichen gehörten die Massentaufen von Kindern, für die er eine Ehrenpatenschaft übernommen hatte.
Als aussichtsreicher Kandidat wird Shio (Mujiri) genannt. Der Bischof von Senaki und Chkhorotsku sowie Australien und Neuseeland wurde 2017 von Patriarch Ilia zum Stellvertreter ernannt. Nach dem Tod des Patriarchen leitet er bis zur Wahl eines Nachfolgers die georgisch-orthodoxe Kirche. Der nächste Schritt ist die Auswahl von Kandidaten für das Patriarchenamt. Die Synode der georgischen Kirche wählt drei Kandidaten, das Triprosopon, aus denen der Erweiterte Rat den neuen Patriarchen wählt. Der "Erweiterte Rat", dem Kleriker und Laien angehören, tritt dann innerhalb von 40 Tagen bis zwei Monate nach dem Tod des Patriarchen zusammen. Wahlberechtigt sind aber nur die Bischöfe.
Die nächste Sitzung der Synode, der 39 Bischöfe angehören, ist für das kommende Wochenende angesetzt. Auf der Tagesordnung sollen unter anderem Fragen zur Wählbarkeit stehen, da sowohl die Auslegung der Altersgrenze wie der Anforderungen an die theologischen Kenntnisse umstritten ist. Konkret soll es dabei um Metropolit Daniel (Datuashvili) gehen, der im Mai 71 Jahre alt wird, und Metropolit Metropolit Isaiah (Chanturia), der keinen formalen Abschluss in Theologie vorweisen kann. Als weiterer aussichtsreicher Kandidat gilt Metropolit Iobi (Akiashvili) von Ruisi und Urbnisi. Iobi gilt wie Daniel als eher moderat, während Shio als Hardliner gilt, der der prorussischen Regierungspartei "Georgischer Traum" und dem Moskauer Patriarchat nahe stehen soll.
Gebietsanspruch Moskaus auf Kirchen der ehemaligen Sowjet-Staaten
Der Ökumenische Patriarch sieht sich regelmäßig Angriffen seitens des russischen Staates und des Moskauer Patriarchats ausgesetzt. Zuletzt hatte der Geheimdienst im Januar behauptet, dass Bartholomaios auf verschiedene Weise versuche, die Orthodoxie zu spalten und Zwietracht zu sähen, etwa durch die Zusammenarbeit mit westeuropäischen Geheimdiensten. Ziel sei, in europäischen Ländern die russisch-orthodoxe Kirche zu schwächen. Dabei nannte der Geheimdienst den Patriarchen "Teufel in Menschengestalt". Die Pressestelle des Patriarchen entgegnete darauf: "Die fantasievollen Szenarien, die falschen Nachrichten, die Beschimpfungen und die erfundenen Informationen aller Art von Propagandisten entmutigen das Ökumenische Patriarchat nicht, seine geistliche Tätigkeit und seine ökumenische Mission fortzusetzen."
Das Moskauer Patriarchat zählt mit Ausnahme Georgiens und Armeniens alle ehemaligen Sowjetstaaten zu seinem kanonischen Territorium. Auch der Kreml spricht daher der Ukraine, Estland, Lettland und Litauen das Recht ab, von Moskau unabhängige orthodoxe Kirchen zu haben. Bartholomaios hatte 2018 die Entstehung einer eigenständigen Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU) unterstützt und dieser im Januar 2019 die Autokephalie verliehen. Langfristiges Ziel ist eine einheitliche autokephale orthodoxe Kirche der Ukraine. Die russisch-orthodoxe Kirche hatte schon im Vorfeld der Gewährung der Autokephalie der OKU einseitig alle Kontakte zum Patriarchat von Konstantinopel abgebrochen und die Kirchengemeinschaft aufgekündigt. (fxn)
