Kirchen auf Hochzeitsmesse: "Wir bewerben das Original"

In der großen Oldenburger Messehalle hangeln sich die Besucher von Stand zu Stand und bekommen alles präsentiert, was man für eine Hochzeit brauchen könnte: Stühle, Musiker, Fotografinnen, Torten, Raumdüfte, einen Magier. Mit einem Klingelbeutel voller Schokoladen-Herzen steht Sabine Orth vor ihrem Stand. Hinter ihr zeigen Paneele das, was sie hier bewerben will – katholische Trauungen.
Um die Mitarbeiterin des Offizialats Vechta für Ehe, Familie und Alleinerziehende, bleibt es ruhig. Ein Großteil der Besucher läuft an ihrem Stand vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Orths Kollegin ist sich sicher, dass einige sogar bewusst wegschauen, um ja nicht von ihnen angesprochen zu werden. Das Team nimmt das aber gelassen. Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen scannt Orth weiter die Vorbeilaufenden – immer auf der Suche nach Blicken, die an ihrem Stand hängenbleiben.
Jetzt treffen sich Augenpaare und Orth lädt ein junges Paar ein, bei einer Umfrage teilzunehmen. Sie steht neben fünf circa einen Meter hohen Plastikröhren, die mit unterschiedlich vielen Pingpongbällen gefüllt sind. Jede Röhre steht für eine Antwortmöglichkeit der Frage: "Was wünsche ich mir bei einer kirchlichen Trauung?" Die junge Frau nimmt sich einen Ball aus dem Glas am Stand und liest sich die verschiedenen Antwortmöglichkeiten durch: Segen, individuelle Deko, persönliche Predigt, Metal-Musik oder doch der Hund, der die Ringe bringt? Ihr Ball fällt in die Säule "Persönliche Predigt". Ihr Partner macht das gleiche. Und schon ist Orth im Gespräch über den großen Tag des Paares.
Sabine Orth arbeitet im Offizialat Vechta im Bereich Ehe, Familie und Alleinerziehende.
So kommen auch Rika und Jonathan an dem Stand vorbei. Obwohl Rika katholisch groß geworden ist und sich selbst als gläubig bezeichnet, will sie nicht katholisch heiraten. Das hat vor allem zwei Gründe: Sie stört sich an der Rolle der Frau in der Kirche und will nicht "von einem alten Sack" getraut werden. Dem Paar ist aber dennoch wichtig, in einer Kirche zu heiraten. Dort sei einfach eine besondere Atmosphäre, so die zukünftige Braut. Da ihr Partner Jonathan evangelisch ist, haben sie sich an seine Gemeinde gewandt und das gefunden, was sie gesucht haben. Die dortige Pfarrerin wird das Paar nun trauen.
Für Fragen zur evangelischen Trauung ist Orths Kollegin die evangelische Pfarrerin Lisa Beck mit dabei. "Auf der Messe waren wir schon immer ökumenisch vertreten", erzählt Orth. Seit über 30 Jahren gibt es diesen gemeinsamen Stand auf der Hochzeitsmesse. Dabei hat sich der Andrang stark verändert. "Als ich 2009 hier angefangen bin, kamen deutlich mehr Menschen zu uns", so Orth. Dieses Desinteresse an einer kirchlichen Trauung zeigt sich auch in der Statistik. 2024 heirateten rund 22.500 Paare in der katholischen Kirche. Vor 20 Jahren waren es noch mehr als doppelt so viele. Ein Grund dafür ist beispielsweise die zunehmende Popularität von freien Trauungen.
Warum eine freie Trauung?
Dafür hat sich auch Anna entschieden. Mit ihrer ganzen Familie bleibt sie vor dem Stand auf der Messe stehen. Schnell sind ihre Mutter und Schwiegermutter mit Orth im Gespräch. Die katholische Schwiegermutter hätte es zwar toll gefunden, wenn ihr Sohn und Anna katholisch heiraten wollen würden. Doch auch sie gibt zu, eine kirchliche Trauung würde zu den beiden nicht passen. "Wir haben einfach beide keinen Bezug zur Kirche", erklärt Anna. Bei ihren Großeltern und Eltern sei es normal gewesen, kirchlich zu heiraten. Das Paar ist aber froh, dass sie sich für eine freie Trauung entscheiden können. Sie sind sich sicher, dass die freie Zeremonie persönlicher als eine kirchliche Trauung sein wird. Dafür zahlen sie gerne 1400 Euro für die Traurednerin.
In den Gesprächen versuchen die Kirchenmitarbeiter herauszufinden, warum sich Paare für oder gegen eine kirchliche Hochzeit entscheiden und wobei sie sich noch unsicher sind. "Es geht häufig darum, wie man einen Priester findet, ob man auch außerhalb der Gemeinde oder überkonfessionell heiraten kann", berichtet Orth. Doch als Kirchenmitarbeiterin geht es immer wieder auch um Kritik an der Kirche. Besonders in der Hochphase des Missbrauchsskandals wollten viele Besucher gar nicht mit ihnen übers Heiraten sprechen. Orth musste vor allem "Krisengespräche" führen. "Die Leute wollten einfach ihren Frust ablassen", erinnert sie sich.
Kleider, Limousinen, Dekorationen – all das gibt es bei Hochzeitsmessen.
Und auch heute zeigt sich in den Gesprächen die Unzufriedenheit über die katholische Kirche. Andreas und Melanie würden zum Beispiel gerne katholisch heiraten. Das Problem ist nur, dass Andreas schon einmal verheiratet war. Melanie stört es, dass die Kirche so hart auf ihren Regeln besteht. Orth und ihre Kolleginnen wollen Verständnis für den Ärger zeigen und sprechen eine eventuell mögliche Annullierung an – ohne großen Erfolg. Das Paar hat sich mittlerweile damit abgefunden, dass es eben "nur" eine standesamtliche Trauung wird. Orth ist dennoch zufrieden, dass sie diesem Paar den Raum geben konnte, sich hier einmal mitzuteilen.
All diese Gründe, warum sich Paare gegen eine kirchliche Trauung entscheiden, sind für Orth nichts neues. "Freie Trauredner sind schon eine Konkurrenz für uns", erzählt sie. Vermehrt wollen sich Paare draußen oder an der Location der anschließenden Feier trauen lassen. Eine kirchliche Heirat ist aber nur in einer Kirche möglich. "Die Paare wünschen sich heute mehr Flexibilität, die die Kirche ihnen nicht immer bieten kann", gibt Orth zu.
Dennoch ist Orth weiterhin davon überzeugt, dass die katholische Trauung wesentliche Vorteile bietet. Nichts sei so festlich, wie in einer Kirche zu heiraten. Die Messe drumherum lasse sich frei gestalten. Und das katholische Eheverständnis sei eben sehr besonders. An ihrem Stand konnte sie heute niemanden von einer katholischen Trauung überzeugen. Aber das sei auch nicht der Anspruch. "Wenn ich auch nur ein Gespräch geführt habe, bei dem ich jemandem helfen konnte, dann hat sich das schon gelohnt", so die Kirchenmitarbeiterin. Sie will weiterhin auf der Messe vertreten sein, "denn wir bewerben ja schließlich das Original", sagt Orth entschlossen.