Hilfe für raumsuchende Religionsgemeinschaften

Immobilienkrise in Berlin: Wenn Religionen keinen Raum finden

Veröffentlicht am 02.05.2026 um 12:00 Uhr – Von Steffen Zimmermann – Lesedauer: 

Berlin ‐ In Berlin fehlt Raum – auch für kleinere Religionsgemeinschaften. Eine neue Koordinierungsstelle soll die Gemeinschaften bei der Raumsuche unterstützen, kirchliche Immobilien besser vermitteln und Kooperationen fördern.

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Wer schon einmal in Berlin eine Wohnung gesucht hat, weiß, wie schwer dieses Unterfangen ist. Seit Jahren ist der Berliner Immobilienmarkt stark überlastet, zu viel Nachfrage stößt auf zu wenig Angebot. Diese frustrierende Erfahrung machen nicht nur Studierende, Singles oder Familien, sondern auch Religionsgemeinschaften, die in der Stadt nach Räumlichkeiten für ihre Gottesdienste oder ihr Gemeindeleben suchen.

Gerade kleinere Gemeinschaften stehen dabei vor besonderen Herausforderungen. Oft fehlen ihnen die finanziellen Mittel, um auf dem freien Markt mitzuhalten. Gleichzeitig brauchen sie meist größere Versammlungsräume – ein Segment, das vor allem im Zentrum Berlins besonders knapp ist. "Bei größeren Räumlichkeiten wird die Suche schnell aussichtslos", sagt Frederic Jage-Bowler, der seit September vergangenen Jahres die neue Koordinierungsstelle zur Mit- und Mehrfachnutzung von Räumen durch Religionsgemeinschaften beim Ökumenischen Rat Berlin-Brandenburg (ÖRBB) leitet, die sich um genau dieses Problem kümmern soll.

Ein scheinbar paradoxes Problem

Dabei scheint das Problem auf den ersten Blick paradox zu sein: Während manche Religionsgemeinschaften händeringend nach Räumen suchen und seit Jahren von einem Provisorium zum nächsten ziehen müssen, stehen andernorts kirchliche Gebäude zumindest zeitweise leer. "Es gibt durchaus Immobilien, gerade im Besitz der evangelischen Landeskirche und des Erzbistums Berlin, die nicht so intensiv genutzt werden", sagt Jage-Bowler. Man könnte auch sagen: Die beiden einst großen, inzwischen aber immer kleiner werdenden Kirchen in der Stadt besitzen aufgrund ihrer Historie immer noch eine große Zahl an Kirchen und Gemeindehäusern, die sie nicht mehr benötigen – während kleine, häufig migrantische Gemeinden wachsenden Raumbedarf haben.

Bild: ©katholisch.de/stz

Frederic Jage-Bowler leitet seit September 2025 die Koordinierungsstelle zur Mit- und Mehrfachnutzung von Räumen durch Religionsgemeinschaften beim Ökumenischen Rat Berlin-Brandenburg (ÖRBB).

Ein zentrales Problem liegt laut Jage-Bowler in der Struktur des "Marktes" kirchlicher Immobilien: Dieser sei bislang "extrem informell und intransparent". Vieles laufe auf Ebene der Pfarrgemeinden und über persönliche Kontakte. Kleine Religionsgemeinschaften erführen so meist gar nicht, wenn eine evangelische oder katholische Gemeinde freie Räume habe. Und wenn es doch mal dazu komme, dass eine kleine Gemeinschaft in den Räumen einer Gemeinde Unterschlupf finde, laufe dies oft ohne verlässliche vertragliche Grundlage. "Wechseln Verantwortliche, brechen solche Arrangements schnell weg", so Jage-Bowler.

Um diese Lücke zu schließen, hat der ÖRBB auf Initiative der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt die Koordinierungsstelle geschaffen, die genau hier ansetzt. Die Stelle, angesiedelt in der Geschäftsstelle des Rates im Ortsteil Charlottenburg, soll kleinere Religionsgemeinschaften bei der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten unterstützen und den Austausch mit möglichen kirchlichen Raumgebern verbessern. Das Projekt knüpft an bestehende Formen der Mehrfachnutzung kirchlicher Gebäude an, erweitert diese aber bewusst um ökumenische und interreligiöse Perspektiven. Damit soll nicht nur der Erhalt kirchlicher Immobilien als religiöse Orte gesichert, sondern auch die Vielfalt der Berliner Religionslandschaft stärker sichtbar gemacht werden.

42 Raumanfragen auf dem Schreibtisch

"Am Anfang habe ich viele Gespräche geführt und war viel in den Bezirken unterwegs, um meine Stelle und die Idee dahinter überhaupt erstmal bekannt zu machen", berichtet Jage-Bowler von den ersten Monaten der Koordinierungsstelle. Mittlerweile werde das Angebot aber gut angenommen: 42 Raumanfragen lägen aktuell auf seinem Schreibtisch, und jede Woche kämen derzeit neue hinzu.

Am Anfang jeder Vermittlung steht ein ausführliches Beratungsgespräch. Jage-Bowler hat dafür einen eigenen Leitfaden entwickelt. Darin geht es um praktische Fragen der Raumsuche – etwa die erforderliche Raumgröße, die gewünschten Nutzungszeiten oder die finanziellen Möglichkeiten einer Religionsgemeinschaft. "Aber wir sprechen auch über das Selbstverständnis der Gemeinschaft und darüber, ob und wie sie sich ein Miteinander mit anderen vorstellen kann", sagt der 31-jährige Soziologe. Parallel dazu sucht er Kontakt zu Gemeinden, die möglicherweise Räume anbieten könnten. Ziel ist es, beide Seiten – Raumsuchende und Raumgebende – systematisch zusammenzubringen und damit ein bislang weitgehend ungeregeltes Feld zu strukturieren.

Bild: ©picture alliance / SZ Photo | Mike Schmidt

Zu den Religionsgemeinschaften, die derzeit Räume in Berlin suchen, gehört auch die eritreisch-orthodoxe Tewahedo-Kirche mit ihren rund 240 erwachsenen Mitgliedern und vielen Kindern.

Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Frage der Lage. "Es ist ein ausdrückliches Anliegen des Berliner Senats, dass Religionsgemeinschaften nicht an den Stadtrand verdrängt werden", betont Jage-Bowler. Sie sollten möglichst in ihren Kiezen bleiben können. Neben geografischen Aspekten spielen zudem kulturelle und praktische Faktoren eine Rolle. Sprachkenntnisse, internationale Kontakte oder konfessionelle Nähe können entscheidend sein. So könne zum Beispiel eine Pfarrgemeinde, die stark in der Ukraine-Hilfe engagiert sei und Kontakte in das Land habe, ein geeigneter Partner für eine ukrainische Gemeinde auf Raumsuche sein.

Ein konkretes Beispiel, mit dem Jage-Bowler aktuell befasst ist, ist die eritreisch-orthodoxe Tewahedo-Kirche. Da die Räume in der evangelischen Paulusgemeinde im Ortsteil Zehlendorf, in denen die Gemeinde mit ihren rund 240 erwachsenen Mitgliedern und vielen Kindern bislang ihre Gottesdienste feiert, demnächst renoviert werden, braucht sie ein neues Quartier und hat sich deshalb an die Koordinierungsstelle gewandt. Jage-Bowler hat nun einen Kontakt zur katholischen Pfarrei Johannes Bosco hergestellt und ist hoffnungsvoll, dass die Eritreer dort unterkommen werden. Entsprechende Gespräche liefen derzeit.

Im Idealfall entsteht eine "WG-Situation"

Doch selbst wenn die Rahmenbedingungen passen, ist der Weg zu einer Einigung oft lang. "Ich kann Kontakte herstellen und begleiten, aber entscheiden müssen die raumgebenden Gemeinden selbst", sagt Jage-Bowler. Entscheidend sei nicht nur der Vertrag, sondern vor allem die Beziehung zwischen Raumgebern und Raumnehmern. "Der beste Vertrag nützt nichts, wenn die Beziehung zwischen den Partnern nicht stimmt." Im Idealfall entstehe eine Art "WG-Situation": Gemeinden teilen sich nicht nur Räume, sondern lernen sich kennen, begegnen sich im Alltag und entwickeln ein gemeinsames Verständnis füreinander.

Die Arbeit der Koordinierungsstelle berührt auch grundsätzliche Fragen des religiösen Lebens in der Stadt. Jage-Bowler beobachtet, dass migrantische Gemeinden in Debatten über kirchliche Immobilien bislang wenig vorkommen. "Teilweise wird ihre Existenz gar nicht richtig wahrgenommen", sagt er. Stattdessen dominierten Perspektiven aus Stadtplanung oder Kulturpolitik. Dabei werde übersehen, dass ein großer Teil der Menschen mit Migrationshintergrund in Berlin christlich sei. Viele migrantische Gemeinden leisteten wichtige Integrationsarbeit – etwa durch Sprachkurse, Seelsorge oder soziale Netzwerke. "Ich verstehe meine Rolle deshalb auch als eine Art Lobbyarbeit für solche kleinen, migrantischen Gemeinschaften", sagt Jage-Bowler.

„Religionsgemeinschaften leisten einen wichtigen Beitrag zur Integration und beleben die Kieze“

—  Zitat: Frederic Jage-Bowler

Grundsätzlich zeigt sich nach seinen Worten in der Praxis aber eine große Offenheit für Kooperationen. Viele Gemeinden seien grundsätzlich bereit, ihre Räume zu teilen. Manche sähen darin sogar eine Form von Gemeindeentwicklung. Zudem könne eine Öffnung für andere Gemeinschaften helfen, kirchliche Gebäude langfristig zu erhalten. Interessant ist dabei, dass nicht nur ökumenische, sondern auch interreligiöse Kooperationen denkbar sind. "Wenn ein echtes Interesse an Interreligiosität vorhanden ist, kann das gut funktionieren – zum Beispiel auch mit muslimischen Gemeinden", sagt Jage-Bowler. Unterschiede innerhalb des Christentums – etwa zwischen orthodoxen und freikirchlichen Traditionen – seien mitunter ebenso herausfordernd wie Begegnungen zwischen verschiedenen Religionen.

Mehr als ein internes kirchliches Thema

Die Frage nach Räumen für Religionsgemeinschaften ist damit mehr als ein internes kirchliches Thema. Sie berührt auch das Selbstverständnis Berlins als vielfältige Metropole. "Religionsgemeinschaften leisten einen wichtigen Beitrag zur Integration und beleben die Kieze", sagt Jage-Bowler. Für eine Hauptstadt sei es wichtig, dass sich diese Vielfalt auch in konkreten Orten widerspiegele. Jage-Bowler will die Koordinierungsstelle deshalb nicht nur als Serviceeinrichtung verstanden wissen, sondern auch als Impulsgeber für eine neue Kultur des Teilens. Indem sie Angebot und Nachfrage zusammenführe, könne die Stelle dazu beitragen, bestehende Ressourcen besser zu nutzen und gleichzeitig neue Formen des Miteinanders zu erproben.

Noch ist das Projekt zeitlich begrenzt: Jage-Bowlers Vertrag läuft zunächst bis Ende dieses Jahres, das Projekt selbst ist vorerst auf rund anderthalb Jahre angelegt. Eine Verlängerung gilt zwar als wahrscheinlich, ist aber noch nicht entschieden. Für Jage-Bowler ist der Maßstab für den Erfolg klar: "Wenn der Markt für religiöse Räume transparenter, fairer und effizienter wird – und auch kleine Religionsgemeinschaften dauerhaft in Berlin heimisch werden können." Bis dahin bleibt viel zu tun. Doch schon jetzt zeigt sich: In einer Stadt, in der Raum knapp ist, kann Zusammenarbeit neue Möglichkeiten eröffnen – auch über konfessionelle und religiöse Grenzen hinweg.

Von Steffen Zimmermann