Community-Gründer: Ein freundliches Gesicht der Kirche im Netz sein

Es ist eines der erfolgreichsten Projekte der Digitalpastoral: Die digitale christliche Community "Da-zwischen" ist längst nicht mehr wegzudenken. Vor zehn Jahren startete die Initiative im Bistum Speyer, mittlerweile sind die Diözesen Würzburg, Freiburg, Köln, Trier, Osnabrück und Magdeburg sowie die Evangelische Landeskirche in Baden dazugestoßen. Bisher vernetzte sich die Community über Social Media und Messenger – jetzt geht die Gemeinschaft einen großen technischen Schritt: Weg von kommerziellen Messengern, hinein in eine eigene App. Im Interview mit katholisch.de berichtet der Mitbegründer von Da-zwischen, Felix Goldinger, was das für die Community bedeutet und wie es für Da-zwischen weitergeht.
Frage: Herr Goldinger, "Da-zwischen" stellt sich mit drei Schlagworten vor: "Safe Space, ehrliche Fragen, kurze Impulse". Was bedeutet das?
Goldinger: Wir wollen online einen Raum schaffen, in dem man ganz frei und offen über seine Lebens- und Glaubensfragen ins Gespräch kommen kann. Dafür bieten wir einen Safe Space an, also einen Ort, wo das möglich ist und wo wir auf ein gutes Miteinander achten, wo Diskriminierung und Hassrede nicht wie an vielen anderen Orten online vorkommt.
Frage: Vor zehn Jahren ist Da-zwischen als "Netzgemeinde" gestartet. Heute sprechen sie von einer "digitalen christlichen Community". Was hat das zu bedeuten? Geht Gemeinde im Netz doch nicht?
Goldinger: Wir wollten uns etwas von klassischen Kirchenbildern lösen, von zu starren Vorstellungen, was Gemeinde eigentlich ist. Auf ein paar Umwegen sind wir dann beim Begriff "Community" gelandet, der online ganz gut funktioniert und anschlussfähig ist.
Felix Goldinger ist Leiter der Stabsstelle Innovation und Transformation im Bistum Speyer. Vor rund zehn Jahren hat er Da-zwischen mitgegründet. Goldinger ist Mitglied des Programmbeirats der PubliKath GmbH.
Frage: Eine Gemeinde ist aber doch etwas anderes als eine Community. "Gemeinde" ist auch theologisch aufgeladen – haben Sie diesen Anspruch aufgegeben oder gab es den nie?
Goldinger: Für viele in unserem Team, die das ganze begleiten, ist der Anspruch schon sehr hoch. Für uns ist Da-zwischen auf jeden Fall ein Ort von Sammlung und Sendung – und das ist ja eine ganz kurze theologische Definition, was Gemeinde eigentlich ist. Was wir noch nie im Blick hatten, sind sakramentale Feiern. Das unterscheidet uns am deutlichsten von territorialen Gemeinden, in denen auch Taufen und andere Sakramente gefeiert werden. Aber alles andere, das Versammeln, um eine Gemeinschaft zu erleben, sich für andere einsetzen, Zeugnis geben von dem, was einem wichtig ist, diese klassischen Grundbegriffe von Kirche sind verwirklicht in unserer Community.
Frage: Sakramente aus der Ferne sind grundsätzlich nicht möglich – Segen aber schon.
Goldinger: Ja, und das ist etwas, das wir mit unserer neuen App stärker betonen wollen. Wir haben jede Woche einen Sonntagabendsegen. So persönlich Zuspruch in einer Form und zu einer Zeit zu erhalten, die passt, ist etwas, das gut online funktioniert.
Frage: Wen erreichen Sie damit? Wer ist die Community?
Goldinger: Das ist etwas, das mit der Umstellung auf die App sehr spannend ist: Bisher hatten wir über unsere Messenger eine Gruppe, die immer etwas unbestimmt blieb. Jetzt sehen wir in der App tatsächlich Gesichter und Namen. Wir erreichen Menschen, die eine Sehnsucht haben nach Nähe und Verbindung mit anderen, die sich rund um Fragen des Glaubens versammeln und die eine Nähe zu Jesus suchen, und die das vielleicht vor Ort nicht finden. Das sind Männer und Frauen, das sind Jugendliche, das sind Erwachsene, Senioren. Es gibt wahrscheinlich einen Schwerpunkt von Mitte 40 bis Mitte 50 vom Alter her, aber es ist tatsächlich eine sehr bunte Gruppe, die da zusammenkommt.
Frage: Ist die Community über die zehn Jahre mitgealtert, oder kommen immer wieder neue dazu?
Goldinger: Das gibt es beides. Durch den Start der App sind einige Leute neu dazugekommen, andere sind von Anfang an dabei und auch ein bisschen stolz, dass sie seit zehn Jahre Teil von Da-zwischen sind.
Frage: Was erwartet die Leute, die jetzt neu dazukommen?
Goldinger: Der Kern ist, dass es einmal in der Woche einen guten Gedanken gibt. Das ist ein Anstoß, um im eigenen Alltag über die Frage nachzudenken, wie ich Gott in meinem Leben entdecke. Das bieten wir verlässlich, und wer nur das sucht, bekommt auch erst einmal nur das. Man muss also keine Angst haben, mit Postings und Benachrichtigungen zugeschüttet zu werden. Wir bieten jetzt aber noch mehr als bisher. Jetzt können Menschen aus unserer Community auch selbst wirksam werden und Gruppen gründen und eigene Inhalte posten. Das wird von uns so kuratiert, dass wir zum einen Da-zwischen als Safe Space im Blick behalten und dass man selbst dosieren kann, wie viel davon man bekommen möchte: Reicht mir eine Nachricht pro Woche? Möchte ich diesen Abendsegen bekommen? Möchte ich darüber hinaus noch Teil von unterschiedlichen Gruppen sein?
So stellt sich die Da-zwischen-App im App Store vor. Die App soll stärker noch als bisher die Mitglieder der Community vernetzen.
Frage: Selbstorganisierte Gruppen mit der Idee eines sicheren Orts zu verbinden ist anspruchsvoll. Wie stellen Sie das sicher?
Goldinger: Ja, das ist eine Herausforderung, die wir auch sehen. Wir haben einfache, aber hoffentlich wirksame Regeln aufgestellt, wie man sich verhält in diesen Gruppen. Wir überlegen auch gerade, ob wir diejenigen, die Verantwortung für eine Gruppe übernehmen, regelmäßig zu unseren Team-treffen einladen. Es gibt außerdem ein System, wie man melden kann, wenn man etwas Unangenehmes erlebt oder selbst angegriffen wird. Prävention und Intervention haben bei uns einen sehr hohen Stellenwert.
Frage: Gab es im Laufe der vergangenen Jahre schon solche Probleme?
Goldinger: Wir haben durchaus schon erlebt, dass Menschen zum Beispiel in Kleingruppen in Online-Gottesdiensten die Erfahrung gemacht haben, dass ihnen jemand zu nahe gekommen ist. Wir haben im Team ein gutes Vorgehen entwickelt, wie wir mit solchen Situationen umgehen und wie wir Menschen unterstützen und Situation klären können.
Frage: Eine Community umzuziehen ist anspruchsvoll. Da gibt es große Beharrungskräfte. Wie läuft das bei Da-zwischen?
Goldinger: Wir hatten da auch Befürchtungen und damit gerechnet, dass vielleicht zehn Prozent von denen, mit denen wir über Messenger vernetzt sind, mit uns umziehen. Das war die Zahl, mit der wir zufrieden gewesen wären. Aktuell, also nach nicht einmal zwei Wochen seit dem Start der App, sind wir bei 25 Prozent – knapp 1.000 Personen sind schon mit uns in die App umgezogen. Bis zum Ende des Monats werden wir auf den Messenger-Kanälen darauf hinweisen, dass sie bald abgestellt werden. Wir verstehen aber auch, wenn Menschen sagen, dass das für sie nicht die Form ist, die sie suchen. In der App bitten wir darum, dass man seinen echten Namen angibt und ein Profilbild verwendet – das haben wir vorher nicht gemacht.
Frage: Wie wurde das in der Community aufgenommen?
Goldinger: Erstaunlich positiv. Nach einer Woche ist unsere Erfahrung, dass die Leute sagen "wie cool, dass wir uns sehen". Natürlich haben sich ein paar auch per Mail gemeldet und gefragt, ob das wirklich sein muss. Wir können da aber Entwarnung geben: Es ist auch möglich, unter Pseudonym und mit einem Profilbild, das kein Foto ist, in die App zu kommen. Die meisten fanden die Änderungen gut, wirklich negative Rückmeldungen gab es keine.
Frage: Wie partizipativ ist die Community? In einer Gemeinde könnte man sich im Pfarrgemeinderat engagieren oder dort Themen einbringen – wie sieht das bei Da-zwischen aus?
Goldinger: Daran arbeiten wir. In den ersten zehn Jahren haben wir als Team sehr viel selbst geregelt. Mit der App können wir die Menschen in der Community viel mehr einbeziehen, zum Beispiel in dem sie Verantwortung für Gruppen übernehmen. Ich hoffe, dass wir in Zukunft strategische Entscheidungen für die Community nicht mehr nur im Hauptamtlichenteam beraten müssen, sondern das ganze breiter aufstellen können – demokratischer oder synodaler, wenn man so will.
Frage: Haben da viele ein Interesse daran? Oder ist Da-zwischen eher ein Ort, wo man sich in erster Linie etwas Spirituelles abholen will?
Goldinger: Für die meisten ist es in der Tat ein Ort, an dem sie spirituell auftanken können. Es gab aber auch immer wieder Anfragen, wie man sich bei uns ehrenamtlich engagieren kann. Ich fand es sehr spannend, dass schon am ersten Tag der App Gruppen gegründet wurden. Das war fast etwas zu schnell für uns. Aber ich habe mir auch gedacht, dass es schon stark ist, wenn Leute gleich am ersten Tag sagen: Das ist mein Thema, dafür möchte ich hier Menschen zusammentrommeln.
Frage: Zehn Jahre ist für ein digitalpastorales Angebot eine große Zeit. Wo sehen Sie Da-zwischen in zehn Jahren?
Goldinger: So weit denken wir gar nicht. So weit haben wir auch vor zehn Jahren nicht gedacht, da hätte ich mir auch nicht vorstellen können, was aus Da-zwischen wird, dass wir jetzt in mehreren Bistümern und einer Landeskirche präsent sind. Wir schauen erstmal auf das nächste Jahr und hoffen, in diesem Zeitraum eine stabile Community in der App zum Laufen zu bekommen. Meine Hoffnung ist, dass Da-zwischen eines der freundlichen Gesichter der Kirche im digitalen Raum in Deutschland ist und wir immer mehr zu einem Player werden, wo Menschen andocken können, die vor Ort ihr Angebot nicht finden – ein Ort, an dem Glaube im Alltag anschlussfähig wird. Mit den pastoralen Räumen, die immer größer werden, ist es eine Chance, wenn der digitale Raum Nähe anders ermöglicht, als man es von der territorial organisierten Kirche noch erwarten kann.
DA-ZWISCHEN-App downloaden
DA-ZWISCHEN ist ein digitaler Raum für Hoffen, Glauben und Verbundenheit im Alltag. Im Zentrum steht die Community selbst: Menschen bringen sich ein, teilen Themen, stellen Fragen und kommen miteinander ins Gespräch – offen und auf Augenhöhe. Die Plattform ist aus einer seit rund zehn Jahren bestehenden Messenger-Community hervorgegangen. Mit der App wird dieser gewachsene Austausch gebündelt und weiterentwickelt.
Die App ist für iOS und Android verfügbar: