Ackermann: Wir sind kein "Abbruchkommando", sondern gestalten Zukunft
Die umfangreiche Reform der Pfarreistruktur im Bistum Trier hat für viele Diskussionen gesorgt. Auch darüber, was die größeren Einheiten für die Gläubigen an der Basis bedeuten. Anlässlich der letzten Pfarreienfusionen zum zurückliegenden Jahreswechsel blickt Bischof Stephan Ackermann im katholisch.de-Interview zurück und voraus: Er erklärt, wie die Reform Mitentscheidung der Gläubigen sichern will, wie schwierige Entscheidungen wie etwa die Frage nach der Zukunft von Kirchengebäuden getroffen werden – und wie klassische Gremien und neue Beteiligungsformen ineinandergreifen sollen.
Frage: Herr Bischof, die Struktur der Pfarreienreform im Bistum Trier ist seit Jahresbeginn mit den letzten Pfarreifusionen realisiert. Der Weg dahin war gepflastert mit vielen Debatten und Verunsicherung in der Diözese, sogar Rom griff ein. Wie bewerten Sie den Weg rückblickend?
Ackermann: Die ursprüngliche Überlegung der Diözesansynode (2013–2016) war, etwa 50 bis 60 große Pfarreien zu schaffen. Diese Zahl wurde dann von einer Projektgruppe noch einmal reduziert auf 35. Dahinter stand die Idee, bewusst einen großen Schritt zu gehen: weg vom bisherigen Denken in kleineren Einheiten, die sich immer mehr ausweiten, hin zu einem neuen Modell, in dem die Pfarrei vor allem als kirchenrechtliche Größe existiert, das konkrete kirchliche Leben aber vor Ort stattfindet. Gleichzeitig sollte die Leitung stärker kollegial organisiert werden – und das alles in einem sehr engen Zeitrahmen. Diese Kombination aus Größe, Tempo und verändertem Leitungsmodell hat zu massiven Irritationen geführt. Nachdem wir das geklärt hatten – auch im Austausch mit der Kleruskongregation – haben wir den Prozess auf fünf Jahre gestreckt, für die Pfarrei am klassischen Leitungsmodell des Pfarrers festgehalten und kleinere Schritte gewählt. Seitdem ist das Ganze aus meiner Sicht in einer guten Weise angelaufen.
Frage: Mit wie viel Zähneknirschen wurde der Prozess der vergangenen fünf Jahre von der Basis begleitet?
Ackermann: Natürlich hat kaum jemand solche Fusionen mit Begeisterung gefeiert. Zusammenschlüsse von Pfarreien sind selten Liebesheiraten. Aber mit der Zeit wurde den Allermeisten deutlich: Es ist notwendig. Auf mich sind einige Leute zugekommen und haben gesagt: Herr Bischof, ich war vorher gegen die Fusion, aber jetzt sehe ich, dass wir in diese Richtung gehen müssen.
Frage: Sind die Fusionen in der Form also weitestgehend von den Gläubigen angenommen worden?
Ackermann: Ich denke schon. Pfarreien, die zum Jahreswechsel 2025/2026 fusioniert haben, müssen sich natürlich noch zusammenfinden. Aber für Gemeinden, die sich früh zusammengeschlossen haben, ist das keine Frage mehr. Deren Erfahrung ist wiederum wichtig für die anderen: Sie konnten sich austauschen, und so haben die neueren Pfarreien gesehen, dass die Kirche damit keineswegs untergeht.
"Zusammenschlüsse von Pfarreien sind selten Liebesheiraten. Aber mit der Zeit wurde den Allermeisten deutlich: Es ist notwendig", sagt Bischof Ackermann zur Trierer Reform.
Frage: Funktioniert das neue Leitungsmodell auf den verschiedenen Ebenen?
Ackermann: Auf der Ebene der pastoralen Räume – der früheren Dekanate – arbeiten Leitungsteams, in denen ein Priester, pastoral qualifizierte Personen und Menschen mit betriebswirtschaftlicher Kompetenz zusammenwirken. Das hat sich bewährt. Zugleich wird das pastorale Personal nicht mehr einzelnen Pfarreien zugeordnet, sondern dem gesamten Raum. Das fördert Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung. Es entsteht ein stärkeres Gefühl gemeinsamer Verantwortung – und davon profitieren auch die Menschen vor Ort.
Frage: Bei größeren Einheiten stellt sich immer die Frage, wie echte Beteiligung der Basis gelingen kann. Inwiefern schaffen es die vorgesehenen Strukturen, Nähe und Mitentscheidung zu sichern?
Ackermann: Auf Pfarreiebene gibt es weiterhin Gremien wie Pfarrgemeinde- und Verwaltungsrat oder Kirchengemeinderat. In den früheren Pfarreien, also überschaubaren und vertrauten Räume bilden sich oft sogenannte lokale Teams. Darüber hinaus gibt es Beteiligungsformen auf der übergeordneten Ebene im Pastoralen Raum: das, was wir Synodalversammlung nennen, und den Rat des Pastoralen Raums. Dort geht es stärker um gemeinsame Projekte und sogenannte "Orte von Kirche". Da geschieht Beteiligung, auch von Menschen, die sich nicht so sehr in der klassischen Pfarreiarbeit engagieren, aber dafür projektbezogen oder an anderen "Orten von Kirche". Diese Mischung aus klassischen und neuen Beteiligungsformen wird sich weiterentwickeln.
Frage: Ist das neue Modell partizipativer als das frühere?
Ackermann: Ja, das würde ich klar sagen. Strukturen wie die Synodalversammlung und die Räte im Pastoralen Raum sind stärker auf Beteiligung ausgerichtet – natürlich innerhalb der Grenzen des geltenden Kirchenrechts. Aber insgesamt ist die Kirche in unserem Bistum dadurch synodaler aufgestellt als zuvor.
Frage: Finden sich auch weiterhin Leute, die sich in den größeren Strukturen engagieren wollen? Und sind es dann eher diejenigen, die schon früher im Pfarrgemeinderat waren?
Ackermann: Wir hatten kürzlich Wahlen zu den neuen Pfarrgemeinderäten. Dafür haben sich viele Menschen gefunden, wir konnten die Gremien besetzen. Teilweise bleiben die bisherigen Engagierten, teilweise kommen neue hinzu. Ehrlicherweise muss man aber konstatieren, dass eine Reihe von "Alteingesessenen" bereit ist, sich zwar weiterhin auf der Ebene der Gemeinde zu engagieren, aber sagt, dass sie in den neuen Gremien wie etwa denen der Vermögensverwaltung nicht mehr mitmachen will. Für diese werden dann eher neue Leute gewonnen, die gewohnt sind, in größeren Strukturen zu arbeiten. Das sind Leute, die Lust dazu haben, größere Sachen zu managen.
"Gerade in den neuen Gremien ist Verständigung notwendig. Meine Erfahrung ist aber: Wo Strukturen schon länger bestehen, weitet sich der Blick", sagt Bischof Ackermann.
Frage: Nehmen Sie in den Gremien dieser neuen Zusammenschlüsse auch Spannungen wahr oder eine Art Konkurrenzsituation? Wenn es da beispielsweis um den Erhalt von Gotteshäusern geht, wird einem einzelnen Mitglied seine Kirche vor Ort vermutlich eher am Herzen liegen.
Ackermann: Wir stehen tatsächlich vor der Frage, welche Kirchen und Gebäude langfristig erhalten werden können. Natürlich gibt es da viele Befürchtungen. Wir haben jetzt eine Immobilienstrategie entwickelt, die vor allem die Prozesse begleitet: Wie kommen die Menschen in den Pfarreien zu einem Ergebnis, damit es eben nicht zu Verteilungskämpfen kommt? Diesen Prozess haben wir auf acht Jahre angelegt, sodass die Pfarreien auch für sich selbst entscheiden können, wann sie diesen Prozess angehen. Wir haben diesen Zeitraum auch gewählt, damit wir von Seiten des Generalvikariats die Begleitung sicherstellen können. Denn natürlich ist die Frage nach der Zukunft von Gotteshäusern eine sehr zentrale. Das wird sicher eine Bewährungsprobe für die neuen Strukturen. Gerade in den neuen Gremien ist Verständigung notwendig. Meine Erfahrung ist aber: Wo Strukturen schon länger bestehen, weitet sich der Blick.
Frage: Wer trifft dann solche Entscheidungen, wenn es um die Aufgabe von Kirchengebäuden geht?
Ackermann: Es geht in einem ersten Schritt nicht unbedingt um die Aufgabe von Kirchen, sondern darum, welche Kirchen künftig noch vom Bistum gefördert werden sollen. Die Eigentümer – also die Kirchengemeinden – treffen die Entscheidungen. Diese werden dem Bistum vorgelegt. Nicht zur Kontrolle, sondern um Rückendeckung zu geben, gerade gegen mögliche Kritik. Wir tragen da die Verantwortung gemeinsam.
Frage: Sie haben es schon angesprochen: Manche sagen, sie wollen bei solchen größeren Strukturen nicht mitmachen. Viele Menschen, nicht nur in Ihrem Bistum, sprechen da von einer Reformmüdigkeit. Haben Sie Verständnis dafür?
Ackermann: Absolut. Gerade bei schwierigen Themen wie Immobilien entsteht Druck. Ich versuche aber immer, deutlich zu machen: Das ist ein Teil des umfassenden Veränderungsprozesses der Kirche in Deutschland. Man kann nicht immer sagen: "Die Fragen von Strukturen und Finanzen sind lästig und halten uns vom Wesentlichen der Kirche ab." Immer geht es um Gestaltungsfragen. Wenn man sie annimmt, entstehen auch neue Möglichkeiten – etwa, Ressourcen gezielt in pastorale Projekte zu investieren.
Frage: Andere Bistümer gehen mittlerweile Wege ähnlicher Größenordnung wie das Bistum Trier, auch was etwa die Zuschnitte der Pfarreien angeht. Mein Eindruck ist, dass das von weitaus weniger Debatten begleitet wird, als das im Bistum Trier der Fall war. Woran liegt das?
Ackermann: Das beobachte ich auch. Allerdings muss man bedenken: Wir sind inzwischen natürlich zehn Jahre weiter. Und gerade die Erfahrungen der Corona-Pandemie haben diese Prozesse zusätzlich beschleunigt. Mir ist wichtig: Wir sind kein "Abbruchkommando", sondern wir wollen unter den heutigen Gegebenheiten die Zukunft der Kirche gestalten. Und da sehe ich unser Bistum konzeptionell und strukturell auf einem guten Weg.
