Lösungen für Elektroschrott

Wie ein Kreuz aus Abfall für eine Recycling-Wende kämpft

Veröffentlicht am 09.05.2026 um 09:30 Uhr – Von Harald Oppitz (KNA) – Lesedauer: 

Bukavu/Aachen/Accra/Rom ‐ Von Afrika nach Deutschland und zurück: Noch immer landen Teile des hiesigen Elektroschrotts auf den Halden Afrikas. Mit Segen des Papstes kämpft ein Schrott-Kreuz für eine Recycling-Wende. Kreuzweg – einmal anders.

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Viele Menschen leiden unter dem Konsumverhalten der westlichen Welt. Am Beispiel von Smartphones will nun ein ausgefallenes Kreuz aus Abfall auf die Zusammenhänge von Rohstoffketten und Abfall-Exporten aufmerksam machen. 14 Stationen zu Leid und Hoffnung.

Station 1: Die Sonne brennt heiß an diesem Junitag 2013, auf die Arbeiter einer der vielen kleinen Minen in den Hügeln unweit von Goma, einer Stadt im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Männer schlagen mit Pickeln Steinbrocken aus porösen Felsen, während Frauen an einem künstlich angestauten Wasserlauf mit Aluschüsseln Erze wie Coltan und Wolfram aus dem Sand schürfen: Mineralien, die in jedem Handy Verwendung finden.

Die Menschen hier leben in der ständigen Angst, nachts von Rebellengruppen überfallen zu werden, die das tagsüber geschürfte Erz rauben, Männer töten und Frauen vergewaltigen. Therese Mema, eine Mitarbeiterin der katholischen Kirche, kümmert sich als eine der wenigen um die traumatisierten Frauen und wird dadurch zur Zielscheibe für die Rebellen.

Eine Frau wäscht per Hand Erze aus dem Sand aus.
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Archivbild)

Eine Arbeiterin wäscht in einer Mine in der Nähe von Goma im Osten der Demokratische Republik Kongo Erze aus. Hier bauen Minenarbeiter in einfachen Minen Erze wie Coltan und Wolfram ab.

Station 2: Das katholische Hilfswerk missio Aachen weist im Mai 2016 auf dem Katholikentag in Leipzig auf diese blutige Rohstoffkette hin und startet mit der "Aktion Saubere Handys" eine Sammelaktion. Seither sind mehr als 520.000 ausgemusterte Handys an Missio gespendet worden; das entspricht gut 200 Kilo Coltan und rund 15 Kilo Gold.

Station 3: Der Künstler Till-Martin Köster gestaltet 2022 zwei riesige goldene Engelsflügel für den Katholikentag in Stuttgart. Viele Besucher fotografieren einander als Engel – und werden so auf das Thema Blutmineralien aufmerksam.

Station 4: Mohammed arbeitet im Kupfer-Recycling. Auf der riesigen illegalen Müllkippe "Agbogbloshie" inmitten von Ghanas Hauptstadt Accra bedeutet das: Motoren aus Klimaanlagen und ähnlichen Elektrogeräten von Hand zu zerlegen. Kabel werden mitten auf der Halde verbrannt, um in schwarzen Rauchwolken an das Kupfer zu kommen.

Ein Mann steht vor einem großen qualmenden Feuer.
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Archivbild)

Der Müllverwerter Mohammed schürt das Feuer und verbrennt Kabel, um an das Kupfer zu gelangen. Zum Lindern der Hitze hält er einen Wasserbeutel im Mund.

Nicht nur Mohammeds Kinder spielten dazwischen im Dreck, bis missio hier – gemeinsam mit Projektpartnern wie "Ein Herz für Kinder" im September 2024 ein Kinderschutzzentrum eröffnet hat. Auch Iddriss, ein Freund Mohammeds, lebt vom Abfall. In einer kleinen Werkstatt fertigt er Schmuck aus Messing - gewonnen auf der Schrotthalde. Für die "Aktion Schutzengel" von missio schmiedet er ein großes Kreuz; eine Kooperation beginnt.

Station 5: Februar 2025: Rebellengruppen überfallen den Osten des Kongos und nehmen auch die Provinz-Hauptstadt Bukavu ein. Therese Mema steht ganz oben auf der Abschussliste der Rebellen – sie muss ohne Mann und Kinder über Nacht fliehen. Ihr Mann stirbt an Krebs, während sie in Europa Asyl beantragt.

Station 6: Till-Martin Köster veredelt in seiner Werkstatt in Wuppertal das Messing-Kreuz aus Ghana. Dabei gießt er Teile alter Handys in Kunstharz und integriert Bilder von Arbeitern – sowohl aus den Minen im Kongo als auch von der Schrotthalde in Ghana. Damit schlägt das Kreuz eine Brücke von der Rohstoffgewinnung bis hin zum Abfallprodukt.

Ein Mann schraubt an einem alten Handy herum.
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Archivbild)

Künstler Till-Martin Köster arbeitet in seiner Werkstatt in Solingen an der Gestaltung eines Kreuzes aus Messing, dessen Rohstoff aus alten Klimaanlagen auf einer Elektroschrotthalde in Accra (Ghana) gewonnen wurde. Der Bildhauer nimmt alte Handys auseinander, die auf dem Kreuz angebracht werden sollen.

Station 7: Das Recycling-Kreuz beginnt seine Reise und macht auch im Vatikan Station. Am 27. August 2025 segnet Papst Leo XIV. das Kunstwerk bei einer Audienz.

Mit dabei ist Gregor von Fürstenberg, Vizepräsident von missio Aachen. "Deutschland verfehlt seit Jahren die von der EU geforderte Sammel- und Recyclingquote für Elektroschrott", kritisiert er. Stattdessen werde der Müll illegal exportiert, etwa nach Ghana. Es sei verrückt: Die Mineralien aus den Handys stammten auch aus dem Kongo und finanzierten dort den Bürgerkrieg, so von Fürstenberg. Dann würden die Smartphones ein paar Jahre in Deutschland genutzt, landeten in Schubladen oder würden illegal entsorgt – und kämen wieder nach Ghana.

Station 8: Kleine Kreuze – Schmuck von Iddriss aus Ghana – werden 2026 im Shop des Katholikentags in Würzburg angeboten und geben dem Recycling-Künstler die Möglichkeit, weitere Menschen in seinem Betrieb anzustellen. Für einige bedeutet das den Schritt aus der Schrott-Hölle.

Der Papst schaut sich das Kreuz aus alten Handys an.
Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani (Archivbild)

Papst Leo XIV. betrachtet ein Kreuz aus Elektroschrott, präsentiert von Schwester Mercy Benson, Ordensschwester der Steyler Missionsschwestern in Ghana, und Gregor von Fürstenberg (m.), Vizepräsident des katholischen Hilfswerks Missio, bei der Generalaudienz im Vatikan.

Station 9: Im März 2026 kehrt das Recycling-Kreuz zurück nach Accra. Missio Aachen fordert mit Partnern aus Ghana auf der Elektroschrotthalde ein Pfand auf Handys.

Station 10: Dirk Bingener, Präsident von missio Aachen, steht bestürzt auf der "Burning-Site" genannten Halde, wo Elektrokabel verbrannt werden: "Das ist ein ganz unwirklicher Ort, ich habe so etwas noch nie gesehen." Ihm geht durch den Kopf, dass der Weg eines Handys in einem Hochglanzladen in Deutschland beginnen kann und hier endet: "Wir müssen das hier unbedingt stoppen. Wir müssen unseren Elektromüll in Deutschland recyceln, damit er hier nicht die Menschen und die Umwelt vergiftet."

Station 11: In einer Prozession begleiten mehrere hundert Mitglieder der Erzdiözese Accra das Kreuz durch die Straßen der Stadt bis zur Kathedrale. Auch Künstler Iddriss ist dabei: "Lange habe ich selbst auf der Schrotthalde gearbeitet. Dann zeigte mir ein Freund, wie man aus Messing Schmuck herstellen kann."

Jetzt exportiert Iddriss einen Teil des Schrotts veredelt zurück nach Europa: "Im Moment brauchen wir Ihre Unterstützung aus Deutschland. Ohne die geht es hier nicht weiter." Iddriss hofft, künftig noch mehr Menschen das Schmuckhandwerk beibringen zu können.

Der Künstler sägt an einem Stück Metall.
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Archivbild)

Der Recyclingkünstler Iddriss arbeitet in seiner Schmuck-Werkstatt am Rande der illegalen Müllkippe Agbogbloshie in Accra (Ghana). Auf der Werkbank liegt ein Kreuz aus Messing, dessen Rohstoff aus alten Klimaanlagen gewonnen wurde.

Station 12: In einem dreistündigen Palmsonntagsgottesdienst in der Kathedrale von Accra dreht sich alles um das Kreuz. Vier Schrauben wurden extra in das Holz des eigentlichen Altarkreuzes gebohrt, um das Recycling-Kreuz zu befestigen. Nicht nur Erzbischof John Bonaventure Kwofie ist beeindruckt, nach der Messe herrscht dichtes Gedränge um das ungewöhnliche Altarkreuz.

Station 13: Beim 104. Deutschen Katholikentag wird das Recycling-Kreuz seine Reise fortsetzen, beispielsweise am 14. Mai bei der Jubiläumsveranstaltung "10 Jahre missio-Handyspenden-Aktion" sowie im weltkirchlichen Gottesdienst (16. Mai im Kiliansdom in Würzburg).

Station 14: In deutschen Haushalten liegen laut dem Digitalverband Bitkom aktuell rund 167 Millionen alte Handys und Smartphones ungenutzt in Schubladen und Schränken: Jede unde jeder Einzelne kann durch das Abgeben alter Handys aktiv an der Recycling-Wende mitarbeiten.

Von Harald Oppitz (KNA)