Konservativ und russlandnah: Georgien hat einen neuen Patriarchen
Am Ende wurde es der Favorit: Shio (Mujiri) ist der 142. Patriarch der georgisch-orthodoxen Kirche, bereits am Dienstag steht seine Inthronisation an. Seine Wahl war deutlich: Von den 39 stimmberechtigten Mitgliedern der Synode, allesamt Bischöfe, erhielt er 22 Stimmen. Abgeschlagen dahinter lagen die anderen beiden Kandidaten auf der Dreierliste, Metropolit Iob (Akiashvili) mit neun sowie Metropolit Grigol (Berbichashvili) mit fünf Stimmen. Am frühen Nachmittag verkündete der Vorsitzende der Stimmzählungskommission der Synode, Metropolit Anania (Japaridze), das Ergebnis.
Der Stuhl des georgischen Patriarchen war durch den Tod Ilias II. Mitte März freigeworden. Der 93-jährige war seit 1977 Katholikos-Patriarch und galt als Integrationsfigur des Landes. Mit regelmäßigen Massentaufen und Patenschaften für Zehntausende von Kindern spielt er im religiösen Leben vieler Georgier eine direkte Rolle. Seine Nachfolge wurde nach einem straffen Reglement bestimmt, während dem Metropolit Shio bereits übergangsweise die Führung der Kirche innehatte. Als durch den Patriarchen bestimmter "Locum tenens", also Statthalter, leitete er das Patriarchat.
Auf dem Weg zur Patriarchenwahl hatte die Synode zunächst Ende April die Dreierliste, das Triprosopon, zusammengestellt. Nur aus diesen drei Kandidaten konnten die Bischöfe auf der Wahlsynode ihre Auswahl treffen, unterstützt durch 1.200 weitere Kleriker und Laien, die ohne Stimme am "Erweiterten Rat" zur Wahl teilgenommen haben.
Kandidaten auf der Konfliklinie Moskau oder Westintegration
Mit dem neuen Patriarchen Shio geht eine Richtungsentscheidung einher: Ungefähr 83 Prozent der Georgier gehören der georgisch-orthodoxen Kirche an, die den Status einer autokephalen, also selbständigen, Kirche hat. Entsprechend groß ist ihr Einfluss und ihre Bedeutung in dem im Südkaukasus gelegenen Land. Anlässlich der Wahlversammlung hat das georgische Innenministerium den Verkehr um die Kathedrale von Tiflis, wo die Wahl stattfindet, den ganzen Tag über weitgehend lahmgelegt. Wie die georgische Gesellschaft ist auch die georgische Kirche zwischen russischem Einfluss und Westintegration gespalten. Das Kandidatentableau ließ sich ebenfalls auf dieser Konfliktlinie sortieren.
Der georgische Patriarch Ilia II. segnet Kinder, die bei einer Massentaufe getauft wurden. In Georgien war er eine Integrationsfigur.
Der neue Patriarch Shio, bislang Metropolit von Senaki und Chkhorotsku, gilt als russland- und regierungsnah. Aufgrund seiner Nähe zum verstorbenen Patriarchen galt er als Wunschkandidat von Ilia II. Kritiker werfen ihm dagegen vor, mit dem Aufbau paralleler Strukturen zu den offiziellen Kirchenstrukturen seine Macht zu festigen, zu enge Kontakte zur kremlfreundlichen Regierungspartei "Georgischer Traum" ebenso wie zum orthodoxen Moskauer Patriarchat vor.
Der zweitplatzierte Metropolit Iob von Ruisi-Urbnisi ist eine schillernde Gestalt. Wortgewaltig und bisweilen in Verschwörungserzählungen abdriftend ist er eine deutliche konservative Stimme. Unter anderem befürwortet er wie der verstorbene Patriarch eine Rückkehr Georgiens zur Monarchie. Zu Russland positioniert er sich nicht klar, vielmehr sind seine Äußerungen widersprüchlich.
Abgeschlagen auf dem dritten Platz lag mit Metropolit Grigol von Poti und Chobi der einzige Kandidat, der zumindest als gemäßigt pro-westlich eingestuft werden kann. Immerhin gelegentlich äußerte er sich von der Regierungslinie und der konservativen Mehrheit der georgischen Bischöfe abweichend zu gesellschaftlichen und politischen Themen. 2024 hatte er etwa anlässlich der Proteste gegen das als "Agentengesetz" bezeichnete "Gesetz zur Transparenz ausländischer Einflussnahme" dazu aufgerufen, die umstrittene Initiative zu stoppen und den gewalttätigen Umgang mit den jungen Demonstranten kritisiert. Russland und seiner Politik steht er kritisch gegenüber.
Versuchte russische Einflussnahme
Die Wahl des Patriarchen erfolgt verhältnismäßig transparent: Bereits die Wahlergebnisse für die Dreierliste wurden veröffentlicht. Hier erhielt Shio 20 Stimmen, die anderen beiden Kandidaten je sieben, so dass das Endergebnis damit bereits vorgezeichnet war: Für die Wahl braucht es die absolute Mehrheit der Bischöfe der Synode, die mit 20 Stimmen erreicht ist. Ein Wahlgang reichte daher für die Patriarchenwahl aus.
Vor der Wahl gab es öffentliche Versuche russischer Einflussnahme: Der russische Auslandsgeheimdienst SVR hatte nach dem Tod Ilias II. dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I., vorgeworfen, sich in die georgische Patriarchenwahl einmischen zu wollen. Angeblich gebe es zwei favorisierte Kandidaten des Ehrenoberhaupts der Orthodoxie – von denen allerdings einer das zulässige Höchstalter von 70 Jahren bereits überschritten hatte. Das Ökumenische Patriarchat schwieg zu den Vorwürfen Russlands, obwohl es sich zuvor bei ähnlichen Vorgängen öffentlich geäußert hatte. Ein Sprecher der Georgisch-orthodoxen Kirche wies die Behauptungen des Geheimdienstes dagegen zurück: "Eine solche Einmischung durch eine andere Kirche ist für uns unvorstellbar; wir halten sie für völlig unmöglich."
Ministerpräsident Irakli Kobachidse bei der Trauerfeier für den verstorbenen Patriarchen Ilia II. Die Regierungspartei Georgischer Traum und die georgisch-orthodoxe Kirche positionieren sich ähnlich mit Bezug auf Russland. Regierungskritische Stimmen gibt es in der Kirche nur wenige.
Tatsächlich prüfte die Synode die Wählbarkeitsvoraussetzungen zum Patriarchenamt, allerdings nicht wegen des von Russland ins Spiel gebrachten Bischofs. Ein Kandidat für das Patriarchenamt muss gemäß dem Statut der Kirche georgischer Staatsbürger, Bischof der georgisch-orthodoxen Kirche und zwischen 40 und 70 Jahre alt sein sowie über profunde theologische Kenntnisse und umfangreiche Erfahrung in der Kirchenleitung verfügen. Einer der Kandidaten, für die diese Kriterien in Frage standen, feiert im Mai seinen 71. Geburtstag, ein anderer hat keinen formalen Abschluss in Theologie. Im Ergebnis spielten diese Zweifelsfälle keine Rolle: Alle Bischöfe auf der Dreierliste erfüllten die Anforderungen ohne Zweifel.
Theologische Ausbildung in Moskau
Der neue Patriarch wurde 1969 geboren und ist seit 1991 Mönch, 1995 wurde er zum Diakon, 1996 vom damaligen Patriarchen Ilia II. zum Priester geweiht. Er wirkte in Tiflis und Moskau. Unter anderem in Moskau studierte er auch Theologie. Seit 2003 ist er Bischof von Senaki und Chkhorotsku, 2009 wurde er zum Erzbischof erhoben. Die wohl wichtigste Vorentscheidung auf seinem Weg zum Patriarchen war die Ernennung zum "Locum tenens" durch den Patriarchen 2017.
Schon in seiner Eröffnungsrede der Wahlsynode betonte Shio, dass mit der Wahl eine außerordentliche Verantwortung vor Gott wie vor dem georgischen Volk verbunden sei "vor dem Hintergrund der Stürme des heutigen Lebens, der großen historischen Erfahrungen und der Verdienste von Persönlichkeiten, die Gott auserwählt hat". Nach der Annahme seiner Wahl dankte er Gott, der Gottesmutter und allen Beteiligten. Die Wahl sei eine große Ehre und zugleich ein großes Kreuz, das er tragen müsse. Programmatische Aussagen tätigte er in seiner neuen Funktion noch nicht.
Erwartungen der Regierung
Die georgische Regierung baut auf Kontinuität. Premierminister Irakli Kobachidse (Georgischer Traum) gratulierte Shio unmittelbar nach seiner Wahl: "Mutter Kirche war schon immer eine unerschütterliche Stütze der georgischen Staatlichkeit und der geistigen Kraft der Nation. Es ist der orthodoxe Glaube, der die ewigen Werte bewahrt hat, die unser Land bis in die Gegenwart getragen haben." Er sei überzeugt, dass das Hirtenamt des neuen Patriarchen "einer friedlichen, geeinten und starken Zukunft unseres Vaterlandes dienen" werde.
Als Katholikos-Patriarch steht Shio jetzt einer Kirche in einem von tiefgreifenden politischen Konflikten geprägten Land vor. Die einst europafreundliche Regierungspartei "Georgischer Traum" hat sich vom Westen abgewandt und nähert sich immer weiter Russland an. Das in der Verfassung vorgesehene Ziel einer Orientierung hin zur EU und zur NATO scheint in weiter Ferne. Autoritäre Tendenzen nehmen zu, die Zivilgesellschaft wird eingeschränkt und reglementiert, nachdem die Opposition 2024 massive Zweifel an den Ergebnissen der Parlamentswahlen äußerte. Aktuell spricht alles dafür, dass in der georgischen Kirche keine große politische Wechselstimmung herrscht; der abgeschlagene dritte Platz von Metropolit Grigol zeigt, dass es für mehr Westintegration keine Mehrheit in der Synode gibt.
Mit Shio scheint ein Vertreter der Kirche an deren Spitze gelangt zu sein, der eher für den Kurs Richtung Moskau steht. Mit seinen 57 Jahren steht ihm eine lange Amtszeit bevor – und damit viele Gelegenheiten, aus dem Schatten seines verstorbenen Mentors Ilia II. zu treten.
