Zuschreibungen dekonstruieren

Kirchenhistorikerin: Maria Magdalena ist "zusammengesetzte Figur"

Veröffentlicht am 20.05.2026 um 15:35 Uhr – Lesedauer: 

Bonn ‐ Von der Sünderin bis zur Auferstehungszeugin: Die Figur der Maria Magdalena ist laut der Theologin Gisela Muschiol bewusst geformt worden. Weshalb sie heute eine Dekonstruktion fordert.

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Die Bonner Kirchenhistorikerin Gisela Muschiol hat die Gestalt der Maria Magdalena als eine über Jahrhunderte geformte "zusammengesetzte Figur" bezeichnet. Bei einem Vortrag am Dies Academicus der Universität Bonn legte sie am Mittwoch dar, wie aus verschiedenen biblischen Frauenbildern eine Gestalt zwischen "Erniedrigung und Erhebung" konstruiert wurde, die bis heute kirchliche Frauenbilder präge.

Nach Muschiols Analyse wurden im Neuen Testament letztlich vier verschiedene Frauen in der Figur der Maria Magdalena "zusammengewoben": die Sünderin, die Jesus die Füße salbt, Maria von Bethanien - Schwester von Martha und Lazarus -, eine weitere namenlose Salberin im Haus des Simon sowie Maria von Magdala, die erste Zeugin der Auferstehung. Während altkirchliche und ostkirchliche Überlieferungen an der Differenzierung dieser Marien festgehalten hätten, sei die Verschmelzung der Marien ein Phänomen der Westkirche, sagte Muschiol.

Historische Neukonstruktion

Maßgeblich verantwortlich für diese Neuformierung war laut Muschiol Papst Gregor der Große an der Wende vom 6. zum 7. Jahrhundert. In einem zentralen Trostbrief habe er die wichtigsten Kennzeichen der aus den vier Marien zusammengefügten Maria Magdalena vereint: die "reuige Sünderin" die "Hörende zu Füßen Jesu", die "Salbende" und die "Künderin der Botschaft von der Auferstehung". Gregor begründete dies mit der "wunderbaren Heilsordnung der Liebe Gottes", wonach "durch den Mund einer Frau das Leben verkündet werden sollte, da im Paradies der Tod durch den Mund einer Frau ausgesprochen wurde".

Im Mittelalter komme zu diesen Marienfiguren noch die "Maria Aegyptica" hinzu: "eine vollständig von ihrem langen Haar bedeckte Frau, eine bekehrte Prostituierte", so Muschiol. In zisterziensischen Texten werde sie zur Verkörperung der Hoffnung eines Lebens über den Tod hinaus. Die Dominikaner hätten die Figur der Maria Magdalena stattdessen zur Legitimation ihres Ideals von Kontemplation und Predigt dargestellt - mit missionarischem Auftrag.

"Sünderin" durch männliche Verdächtigung

Gleichzeitig habe sich jedoch die Vorstellung von Maria Magdalena als Prostituierter festgesetzt. Die Theologin Elisabeth Gössmann hat solche Erzählungen laut Muschiol als "Ausgeburt männlicher Frauenverdächtigung, die Frauen nur als Heilige und Huren kennen" bezeichnet. Diese Typisierung als "Sünderin" ohne männlichen Gegenpart sei in kirchlichen Texten bis in die Gegenwart präsent.

Nach wie vor gebe es eine bewusste Verknüpfung von Sünde und weiblichem Geschlecht. "Zum Glück" sei man heute in der Lage, diese historisch gewachsenen "Zuschreibungen und Funktionalisierungen zu dekonstruieren", sagte die Theologin. (KNA)