Neue Arbeitshilfe der DBK veröffentlicht

Weihbischof Karrer: Ehrenamtliche sind keine Lückenbüßer

Veröffentlicht am 22.05.2026 um 13:25 Uhr – Von Norbert Demuth (KNA) – Lesedauer: 

Stuttgart ‐ In der katholischen Kirche in Deutschland ist eine grundlegende Neubestimmung des Miteinanders von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen nötig. Davon ist der Rottenburger Weihbischof Karrer überzeugt. Das brauche Umdenken.

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Es ist ein eher unauffälliges Amt, aber derzeit ist das Ehrenamt in aller Munde. Am Samstag widmet sich der erste Ehrentag des Bundespräsidenten dem Thema. Am Freitag hat die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) eine Arbeitshilfe zur Weiterentwicklung des Ehrenamts veröffentlicht. Das 62-seitige Dokument mit dem Titel "Engagement als Zukunftskraft für Kirche und Gesellschaft" wurde unter Leitung des Rottenburger Weihbischofs Matthäus Karrer (57) erstellt. Im Interview erläuterte Karrer, was ehrenamtliches Engagement bremst und was es fördern könnte.

Frage: Herr Weihbischof, hatten Sie schon mal in Ihrem Leben ein Ehrenamt inne?

Karrer: Ja, in der katholischen Jugendarbeit als Jugendleiter und Oberministrant. Ich war auch aktiv in Vereinen in meiner Allgäuer Heimat, wie zum Beispiel im Skisport und bei der freiwilligen Feuerwehr.

Frage: Wird die Kirche der Zukunft stärker eine Kirche Ehrenamtlicher sein?

Karrer: Das Leben der Kirche wird immer schon vom Engagement aller Getauften getragen. Damit ist klar, dass die Ehrenamtlichen nicht nur die Helfenden der Hauptamtlichen und des Pfarrers sind.

Frage: Da ist noch Einiges zu tun...

Karrer: Die Ehrenamtlichen sind Hoffnungsträger, nicht Lückenbüßer!

Bild: ©katholisch.de/ msp (Symbolbild)

Ehrenamtlich Engagierte werden in der Kirche immer wichtiger.

Frage: Wie viele Ehrenamtliche sind in der katholischen Kirche in Deutschland ungefähr tätig? Der Deutsche Caritasverband spricht für seinen Bereich von rund 500.000 ehrenamtlichen freiwilligen Mitarbeitern bei 25.000 Einrichtungen und Diensten.

Karrer: Grundsätzlich ist es sehr erfreulich, dass die Zahl der ehrenamtlich Engagierten in letzten Jahren gewachsen oder zumindest stabil geblieben ist. Dabei engagieren sich 61 Prozent der kirchlich-religiös orientierten Menschen ehrenamtlich. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich die große Mehrheit außerhalb ihrer Kirchengemeinden, in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen engagiert. Aus diesem Grund lässt sich das Engagement schwer in Zahlen fassen. Die letzten Erhebungen, wie zum Beispiel die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, zeigen, dass sich rund 45 Prozent der Katholiken in Kirche und Gesellschaft ehrenamtlich engagieren.

Frage: Oft sind es ja immer dieselben Personen, die sich engagieren. Wie kann man diesen Mechanismus durchbrechen und Leute anzusprechen, mit denen man sonst in der Kirche nicht in Berührung kommt?

Karrer: In einigen Diözesen etablierte sich in den vergangenen Jahren das Berufsbild der Engagement- und Ehrenamtsentwickler. Aus dem Erzbistum Köln berichtete eine Ehrenamtsentwicklerin, dass sie in einem Raum, der unentgeltlich auch Gruppen aus der Stadtgesellschaft zur Verfügung gestellt wird, per Aushang nach Ordnern für den Martinsumzug gesucht hat. Es haben sich Leute eingetragen, die kirchlich gar nicht gebunden sind. Es geht also darum, die Kirche als einen offenen Raum des Engagements zu verstehen.

Frage: Umdenken ist also gefragt?

Karrer:
Wir dürfen nicht zuerst von der Institution her denken, also welche Aufgaben man als Kirche hat, sondern sagen: Unter "unserem" Dach, in unserem Rahmen könnt ihr eure Begabungen leben. Und in dem Moment, in dem ich mich mit gesellschaftlichen Partnern, wie Vereinen und Kommunen vernetze, bekomme ich auf einmal eine ganz andere Motivation, tätig zu sein.

Frage: Wer engagiert sich bisher eigentlich kirchlich ehrenamtlich?

Karrer:
Es sind alle Altersgruppen vorhanden, aber sowohl im kirchlichen wie im sozialen Ehrenamt haben wir einen weiblichen Überhang. Beim gesellschaftlichen Ehrenamt, insbesondere in den sportlichen Ehrenämtern, sind eher die Männer dominierend. Was die Altersstruktur angeht, sind wir im kirchlichen Bereich mit sehr vielen Engagierten in den Jugendverbänden, bei den Messdienern und in Jugendchören insgesamt eher jünger als man gemeinhin vermutet.

„Wir dürfen nicht zuerst von der Institution her denken, also welche Aufgaben man als Kirche hat, sondern sagen: Unter 'unserem' Dach, in unserem Rahmen könnt ihr eure Begabungen leben.“

—  Zitat: Weihbischof Matthäus Karrer

Frage: Sie plädieren dafür, dass eine grundlegende Neubestimmung des Miteinanders von Hauptamt und Ehrenamt nötig ist. Wie kann man diese Haltungsänderung bei den hauptberuflichen Amtsträgern in der Kirche hinbekommen?

Karrer: Indem das Thema in der Ausbildung der kirchlichen Berufe verankert wird und man sie mit guten Praxisbeispielen anleitet, in den Ehrenamtlichen keine Konkurrenten zu sehen, sondern Mitgestaltende auf Augenhöhe mit einer eigenen Würde.

Frage: Für die Arbeitshilfe wurden die Aussagen von insgesamt rund 30 ehrenamtlich Engagierten aus dem Erzbistum Köln und dem Bistum Magdeburg ausgewertet. Eine Frau sagte zum Beispiel: "Als unser Pfarrer gestorben ist, bin ich zur Gemeindereferentin gegangen und habe gesagt, dass ich schreiben kann, auch Predigten. Da hat sie zu mir gesagt: Wir brauchen Sie nicht als Schreiberin von Predigten, sondern als eine Frau, die predigen kann. Und das mache ich jetzt." Sollten mehr Frauen predigen, ehrenamtlich?

Karrer: Alle Getauften sind eingeladen, sich in die Verkündigung des Evangeliums mit ihren Begabungen und Fähigkeiten einzubringen. Wenn wir von einer evangelisierenden Kirche sprechen, ist es entscheidend, dass das Wort Gottes nicht nur von geweihten Amtsträgern verkündet wird.

Frage: Die "Energie und Lebendigkeit", die die ehrenamtlichen Gesprächspartner in den Bistümern Köln und Magdeburg ausstrahlten, waren "beeindruckend", heißt es in der Arbeitshilfe. Was bremst bisher diese Lebendigkeit oft aus?

Karrer: Diese Lebendigkeit wird ausgebremst durch sehr viele innerkirchliche Strukturdiskussionen. Und durch Fragen wie: Wer darf was eigentlich tun?

Frage: Zielgruppe der Arbeitshilfe sind Mitarbeiter in Seelsorge, Caritas und Gemeinden, aber auch in Verbänden und Vereinen. Wir leben in einer oft polarisierten Gesellschaft. Was kann da das Ehrenamt bewirken?

Karrer: Der Kirche darf es nicht nur darum gehen, das Ehrenamt nach innen, sondern auch in der Gesellschaft zu unterstützen. In Feuerwehr und Rettungsdiensten, in kommunalen Räten und Vereinen zum Beispiel engagieren unzählige Katholikinnen und Katholiken. Alle leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Demokratie. Denn letztlich ist das ehrenamtliche Engagement ein wesentlicher Baustein unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Von Norbert Demuth (KNA)

Hinweis

Die Arbeitshilfe kann auf der Internetseite der Deutschen Bischofskonferenz heruntergeladen werden.