Beter, Sänger, Touristen, Diebe: Das erleben Ehrenamtliche in Kirchen
Mancher macht ein Foto, andere zünden eine Kerze an: Ist eine Kirche offen, kann dort durchaus Betrieb sein. In einigen Kirchen der Kölner Innenstadt sind die Besucher nicht auf sich allein gestellt: Denn dort stehen oder sitzen die Ehrenamtlichen vom Kirchenempfang. Sie sind Ansprechpartner wie auch Aufpasser – und haben in ihren jeweiligen Kirchen schon einiges erlebt.
Dorothea Koch (78) ist seit fünf Jahren dabei und hält in St. Maria im Kapitol in der Nähe des Heumarkts die Stellung. "Ich achte auf Mimik und Körpersprache: Wie sind die Leute drauf? Manche Leute lasse ich in Ruhe, andere wollen angesprochen werden oder sprechen mich an." Es gebe durchaus Kollegen, die generell auf die Kirchenbesucher zugingen. Sie gehöre nicht dazu. "Ich versuche, so freundlich wie möglich auszusehen, damit die Leute merken, dass sie willkommen sind."
Auf Leute zugehen, das ist nicht immer so einfach. Hans-Otto Brinkkötter spricht neben Deutsch auch Französisch, Englisch und Italienisch – und ist bei seinen Schichten in St. Aposteln am Neumarkt trotzdem manchmal aufgeschmissen: "Die meisten Menschen, die zu mir kommen, sind Niederländer oder Ukrainerinnen – da muss ich mir behelfen." Doch egal, ob auf Englisch oder mit Händen und Füßen, er macht einen Unterschied, bemerkt der 83-Jährige: "Wenn ich auf die Leute zugehe und sie frage, wo sie herkommen, dann ist da ganz schnell ein Leuchten in ihren Gesichtern – und wir sind im Gespräch."
Lange Gespräche
Diese Gespräche mit Kirchenbesuchern führen die Ehrenamtlichen oft und sie können ganz unterschiedliche Inhalte haben, sagt Gabriele Meurer. Seit vier Jahren ist sie in St. Gereon nahe dem Mediapark aktiv. "Ich habe mich zuletzt eine Stunde lang mit einem älteren Ehepaar unterhalten. Die wollten wissen, ob noch Messen stattfinden und wie viele Kommunionkinder es noch gibt. Da hat jeder andere Interessen", berichtet die 70-Jährige. Allgemein stellt sie fest: "Die Menschen interessieren sich für das Offensichtliche – die Fenster fallen fast allen auf." Das berichten viele der Ehrenamtlichen: Die Taube über dem Altar in St. Aposteln, die Äpfel und Walfischzähne in St. Maria im Kapitol, die goldene Kammer mit einem Mosaik aus menschlichen Gebeinen in St. Ursula – Symbole, kirchliches Leben und Glaubensgrundlagen, das interessiert die Leute.
Dabei fällt oft auf, dass es mit dem religiösen Hintergrundwissen der meisten Leute nicht weit her ist. "Was ist ein Tabernakel? Das wurde ich auch schonmal gefragt", sagt Winfried Ohlert aus St. Ursula in der Nähe des Hansarings. Der 63-Jährige drückt den Besuchern in einer solchen Situation dann oft ein Faltblatt mit einem Plan und Erklärungen zur Kirche in die Hand. Er hat vergleichende Religionswissenschaft studiert. "Wenn die Leute das mitbekommen, quetschen sie mich auch dazu aus." Doch manchmal geht es auch tiefer: "Mir hat eine Ukrainerin erzählt, dass ihr Vater im Krieg bereits gefallen ist und ihr Mann gerade an der Front kämpft." In solchen Situationen ist die Grenze zur Seelsorge nicht weit. Da sei er dann aber raus, sagt Ohlert: "Seelsorge kann ich nicht. Ich kann aber einen Priester verständigen." Nichtsdestoweniger: Auch er hat schon stundenlange Gespräche mit Besuchern geführt.
Denn an Themen mangelt es der Kirche nicht, gerade in Köln. Die Amtsführung von Kardinal Rainer Maria Woelki erhitzt einige Gemüter, auch wenn – so beobachten das die Engagierten vom Kirchenempfang – die Aufregung etwas zurückgegangen ist. Sie sind stattdessen immer wieder mit anderen Themen konfrontiert: Die Haltung der deutschen Bischöfe zur AfD, der verstorbene Papst Franziskus – die Liste ist lang. Als Sprachrohr für die Kirche empfinden sie sich aber nicht: "Es geht darum, die Kirchengebäude im Bewusstsein der Kölner und der Besucher zu halten", sagt Koch. "In 100 Jahren spricht man nicht mehr über Woelki."
Ehrenamtliche des Kirchenempfangs in Köln (v.l.): Gabriele Meurer, Hans-Otto Brinkkötter, Dorothea Koch, Winfried Ohlert
Dagegen gibt es aber auch sehr schöne Momente, erzählt Koch: "Mich hat schonmal jemand gefragt, ob er in der Kirche singen darf. Klar darf er das!" Die anderen Ehrenamtlichen nicken. Das Ave Maria komme in solchen Situationen am häufigsten vor, auch von spontanen Chorkonzerten in ihren Kirchen berichten sie. "Ich sitze ganz am Anfang der Kirche, vor einem Gitter. Was die Leute dahinter machen, ist im Prinzip ihre Sache", sagt sie. In vielen Kirchen gibt es "Dauerkunden", auch bei Koch. "Eine Frau kommt regelmäßig, setzt sich vorne in die Bank, bleibt dort eine halbe Stunde sitzen und geht dann wieder." Insbesondere an belebteren Orten kommen auch immer mal wieder Obdachlose in die Kirchen, um dort zu schlafen. So lange sie dort niemanden stören, dürfen sie das.
Doch es gibt auch Gäste, die sich als ungebeten herausstellen. "Ich hatte schonmal junge Männer, die am Beichtstuhl Faxen gemacht haben. Denen habe ich gesagt, dass sie jetzt besser gehen sollten ", erzählt Ohlert. "Da ist oft allein unsere Anwesenheit das, was den Unterschied macht." Doch das funktioniert nicht immer. Brinkkötter hat das erlebt: "Es kam eine Dame, die hat kleine Münzen in einen Opferstock geworfen, dann in eine zweiten und einen dritten – wir haben ein halbes Dutzend davon", sagt er. Diese Frau sei ihm direkt aufgefallen und er habe sie näher beobachtet. "Sie hat dann ein kleines Stäbchen in Honig getaucht und Münzen und Scheine aus einem Opferstock gefischt." Das kommt immer wieder vor: Durch das Geräusch, das eine Münze im Opferstock macht, lässt sich erahnen, ob etwa nur Münzen oder auch Scheine darin sind. Dann kommen Riemen in unterschiedlicher Länge zum Einsatz, um deren Ende etwa doppelseitiges Klebeband gewickelt wird – und aus vorgeblichen Betern werden Diebe. Brinkkötter hat das Problem direkt dem Küster gemeldet und ist selbst aktiv geworden. "Ich bin zu der Frau gegangen und habe ihr gesagt, dass das nicht fein ist, was sie da macht. Da ist sie ausfällig geworden." Die Ehrenamtlichen informieren in einem solchen Fall normalerweise auch die Polizei. Mit Vandalismus hatte von den Engagierten dafür bislang noch nie jemand Probleme.
Viele Leute auch werktags in der Kirche
Neben dem ganzen Trubel gibt es aber auch die anderen Zeiten: Wenn einfach nur Menschen in die Kirche kommen, um eine Kerze anzumachen. Brinkkötter hat während einer Schicht mal 120 Leute gezählt, die vorbeikommen. "Man unterschätzt, wie viele Leute auch werktags in eine Kirche kommen" – gar nicht so wenige davon auch zum Beten. Ob es nur ein schnelles Vaterunser ist oder gleich ein ganzer Rosenkranz. "Mich hat mal eine Frau gefragt, ob sie eine Kerze anmachen kann – klar, habe ich gesagt, aber die Kerze betet nicht."
In St. Ursula war auch schon mal eine Gruppe Kopten, die unter dem besonderen Altar dort hindurchschreiten wollten. "Sie haben fünf Minuten gebetet, sind unter dem Altar hergegangen, haben nochmal fünf Minuten gebetet und haben sich dann wieder verabschiedet", sagt Ohlert. Meurer sieht die Rosenkranzbeter in St. Gereon immer aus dem Augenwinkel an der Muttergottesstatue, Brinkkötter grüßt die regelmäßigen Beter schon.
Zwischendurch haben die Engagierten "ihre" Kirchen auch manchmal ganz für sich. "Wenn keiner da ist, das ist so toll!", sagt Meurer. Sie habe hin und wieder mal gesundheitlich Probleme, "aber wenn ich in der Kirche bin, habe ich keine Schmerzen. Die gehen erst draußen wieder los". "Ihre" Kirche gebe ihr Geborgenheit, "das ist wie ein Mutterschoß". Das erzählten ihr auch manche Besucher: "Hier bist du zu Haus, hier kannst du du selbst sein!" Brinkkötter gibt ihr Recht: "Ich war in meinem Berufsleben in aller Welt unterwegs – und in eine Kirche zu kommen war immer wie eine Heimat. Da wird die Universalität des Katholischen direkt spürbar."
Pastoralreferent Thomas Zalfen koordiniert den Kirchenempfang.
Zum Kirchenempfang sind die Ehrenamtlichen auf ganz unterschiedlichen Wegen gekommen: Manche haben eine Beschäftigung im Rentnerleben gesucht, andere wurden gezielt von Hauptamtlichen angesprochen oder wollen nach einer schweren Krankheit wieder schrittweise raus ins Leben. Insgesamt engagieren sich mittlerweile zwischen 200 und 220 Ehrenamtliche. Das Projekt Kirchenempfang in den zwölf romanischen Kirchen gibt es seit 2020, in einigen der Kirchen gab es aber vorher schon ähnliche Formate. Die Ehrenamtlichen sollen für Gespräche, Fragen und Informationen bereit stehen – und ein gewisses Maß an Sicherheit und Ordnung gewährleisten. Das Ziel: die architektonischen Highlights offen halten, einladend gestalten und aktiver im Bewusstsein von Einheimischen und Touristen verankern. Koordiniert werden die Engagierten von Pastoralreferent Thomas Zalfen – der ist mächtig stolz und sagt auch noch etwas zum Thema "Seelsorge": "Da sein, Menschen willkommen heißen und auf ihre Bedürfnisse eingehen, sie fühlen lassen, dass sie so sein dürfen wie sie wollen. Das, was Sie hier tun, ist Seelsorge!", betont er. Da müsse kein "Kreuzzeichen drüber" sein. "Jeder bringt sich mit seiner Persönlichkeit ein, die Kirchen werden zu 'ihren' Kirchen – das ist toll!"
Dabei füllt jeder sein Ehrenamt etwas anders aus: Die einen wissen mehr über die historische Kunst in ihrer Kirche, die anderen können mit Heiligenwissen glänzen. "Viele Leute fuchsen sich in ihre Kirche ein, es wird wirklich 'ihre' Kirche", sagt Zalfen. Das bestätigt für ihn auch den Wert eines Kirchengebäudes: "Dieser Ort spricht mit mir, er macht etwas mit mir." Das gelte nicht nur für Katholiken oder Gläubige allgemein. Gabriele Meurer gibt ihm Recht: "Viele Leute sind auch ganz anders als man denkt."
