In Magnifica Humanitas geht es nicht nur um KI

So setzt Papst Leo XIV. in seiner Enzyklika Wegmarken für den Frieden

Veröffentlicht am 30.05.2026 um 12:00 Uhr – Von Stefan Silber – Lesedauer: 

Saarbrücken ‐ In seiner Enzyklika verabschiedet Papst Leo XIV. die Theorie des "Gerechten Krieges" und entwirft ein konkretes Programm für eine Friedenskultur – mit Dialog, Gerechtigkeit und dem Blick auf die Opfer als Leitprinzipien.

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Die Enzyklika Magnifica Humanitas von Papst Leo XIV. "über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz" wurde am Pfingstmontag, 25. Mai 2026 der Öffentlichkeit vorgestellt. Unterzeichnet wurde sie bereits am 15. Mai, auf den Tag genau 135 Jahre nach Rerum Novarum von Papst Leo XIII., die allgemein als die erste "Sozialenzyklika" gilt. Leo XIV. stellt diesen Zusammenhang selbst her und beruft sich im Lauf der Enzyklika auf die gesamte Tradition der Katholischen Soziallehre bis hin zu Papst Franziskus.

Auch wenn die Fragen der Künstlichen Intelligenz einen inhaltlichen Schwerpunkt des Schreibens einnehmen, widmet Leo auch den Fragen von Krieg und Frieden ein ausführliches Kapitel, das unter der Überschrift "Die Kultur der Macht und die Zivilisation der Liebe" steht, und zwar nicht nur im Zusammenhang mit KI. Auf diese Weise wird auch die Friedenslehre der katholischen Kirche angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen aktualisiert. Auf diesen wichtigen Teil von Magnifica Humanitas möchte ich hier hinweisen.

I. Sehen: Krieg und Frieden in der Gegenwart

Zunächst beeindruckt der Papst mit einer sehr umfassend kritischen Sicht auf die derzeitige Lage des Friedens in der Welt: Von der Schwächung der internationalen Institutionen und des Respekts vor dem Völkerrecht (201-203) über eine Aushöhlung der ethischen Grundlagen des Zusammenlebens (190) reicht die kritische Zeitdiagnose bis zur Normalisierung des Krieges (189-192) durch das Schaffen und Verstärken von Feindbildern (202) und der als Realismus maskierten Akzeptanz von militärischer und anderer Gewalt (205).

In besonders drastischer Weise markiert Papst Leo die Rolle und Verantwortung der Waffenindustrie, die dazu führt, dass "der Rüstungsmarkt zu einer eigenständigen Triebkraft für kriegerische Entscheidungen wird. Wir dürfen die enormen wirtschaftlichen Interessen hinter dem Krieg nicht ignorieren. Die Rüstungsindustrie und die Länder, die Waffen liefern, profitieren von einem Markt, der gerade dank der Konflikte gedeiht. In diesem Sinne gibt es auch eine wirtschaftliche Logik, die dazu beiträgt, Spannungen in verschiedenen Regionen der Welt zu schüren." (193)

Das Titelblatt der Enzyklika "Magnifica humanitas"
Bild: ©picture alliance/ipa-agency/Monica Giuliani/CPP

"Magnifica humanitas" ist die erste Enzyklika von Papst Leo XIV.

In zahlreichen dieser Bereiche klagt Leo auch die missbräuchliche Verwendung von KI an, so etwa bei der Schaffung von Feindbildern und der Gewöhnung an die Gewalt, aber auch als Teil von Waffensystemen und der Kriegsführung allgemein.

II. Urteilen: Frieden schaffen durch Mittel des Friedens

Dieser kritischen Wirklichkeitsanalyse, bei der er sich auch auf seinen Vorgänger und dessen Rede von einem "Weltkrieg in Stücken" (44) beruft, stellt Papst Leo seine Vision einer Kirche entgegen, die sich "Stein für Stein" (241) am Aufbau der menschlichen Gemeinschaft beteiligt, und zwar mit Mitteln, "die weitaus wirksamer sind [als Stärke, Gewalt und Waffen] und geeigneter, das menschliche Leben zu fördern, wie zum Beispiel der Dialog, die Diplomatie und die Vergebung" (192).

Ohne großes Aufheben verabschiedet Papst Leo die Lehre vom "Gerechten Krieg". Während Papst Franziskus deren Ablehnung in einer Fußnote von Fratelli Tutti abhandelte, bekräftigt Leo nun "die Überwindung der Theorie des gerechten Kriegs" (192), so als ob diese Überwindung in der katholischen Friedenslehre schon allgemein vollzogen wäre. Auch die Tatsache, dass diese "Theorie" in wesentlichen Zügen auf den Hl. Augustinus zurückgeht, den er an anderer Stelle der Enzyklika erneut positiv aufgreift, wird von Papst Leo hier nicht erwähnt. Die Theorie vom Gerechten Krieg gilt ihm jedenfalls bereits als überwunden; Kriege können in der Gegenwart nicht mehr mit dieser Theorie legitimiert werden – sie wurde und wird vielmehr, wie er ausführt, allzu häufig für die Begründung beliebiger Anlässe und Formen der Kriegsführung missbraucht (ebd.).

Die Ablehnung dieser Theorie wird zwar durch eine Parenthese eingeschränkt, in der es heißt, "unbeschadet des Rechts auf legitime Verteidigung, die im engsten Sinne zu verstehen ist" (ebd.), jedoch ohne dieses Recht (oder diesen "engsten Sinn") genauer zu charakterisieren. Der Duktus der aktuellen Enzyklika macht hingegen eindeutig klar, dass auch Leo (wie Franziskus) die Kriterien der klassischen Theorie vom "Gerechten Krieg" in der Gegenwart für nicht mehr erfüllbar hält und deswegen diese Theorie als Instrument der Friedenslehre ausgedient hat, da der Krieg und die mit ihm verbundene Gewaltausübung prinzipiell abgelehnt werden.

Der Theologie Stefan Silber
Bild: ©Haus am Dom Frankfurt

Stefan Silber ist Lehrstuhlvertreter für Systematische Theologie an der Universität des Saarlands, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats von pax christi Deutschland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie (OekIF).

Papst Leo verwirft daher ebenso "ein[en] falsche[n] 'Realismus', der nicht nur auf der vorherrschenden Logik der Stärke beruht, sondern auch auf kulturellen und anthropologischen Überzeugungen, als ob Krieg ein unvermeidlicher Bestandteil der menschlichen Natur wäre. So sei es schon immer gewesen, heißt es, abgesehen von kurzen Unterbrechungen, und so werde es auch immer bleiben!" (205) Die Ablehnung des "Gerechten Kriegs" steht auch in diesem Kontext, denn Krieg erscheint in diesem "falschen Realismus" eben nicht nur als unvermeidlich, sondern auch als führbar und legitimierbar. Es kann dann sogar fälschlich als "unverantwortlich" erscheinen, "sich nicht auf eine Konfrontation vorzubereiten" (ebd.). Eine solche "Realpolitik" hält Papst Leo dagegen für "wirklich unverantwortlich" (ebd.). Stattdessen müssen sich Christinnen und Christen für die Konstruktion eines Friedens einsetzen, der "weder eine naive Hoffnung noch die bloße Abwesenheit von Krieg" ist, sondern "das stets mögliche Ergebnis von Gerechtigkeit und Nächstenliebe". (ebd.) Und zwar mit friedlichen, gewaltfreien Mitteln, von denen der Papst eine Handvoll präsentiert und kommentiert.

III. Handeln: fünf praktische und spirituelle Ansätze für den Frieden

Es hat Aufsehen erregt, dass der Papst die literarische Figur des Zauberers Gandalf aus Tolkiens "Herr der Ringe" zitiert. Aber im Unterschied zu dessen gewalttätiger Metapher "das Übel auf den uns bekannten Feldern auszujäten" (213) bekräftigt der Papst die Notwendigkeit "kleiner und beharrlicher Taten der Treue, die als Bollwerk gegen die Entmenschlichung dienen" (ebd.) und schlägt deswegen "fünf Ansätze für die Verantwortung im Alltag und im öffentlichen Leben vor: Worte entwaffnen, Frieden in Gerechtigkeit aufbauen, die Perspektive der Opfer einnehmen, einen gesunden Realismus pflegen, den Dialog und den Multilateralismus wiederbeleben". (ebd.) In diesen fünf Ansätzen skizziert er einen Entwurf für ein spirituelles, praktisches und effizientes Programm der Friedensbildung aus christlicher Perspektive:

  1. Die Worte entwaffnen: Vom alltäglichen Wort bis zum elektronisch verstärkten Wort in Medien und KI gilt die Bedeutung, welche die Kommunikation für die Entstehung von Feindschaft, aber auch von Versöhnung besitzt. Leo spricht nicht nur den medialen "Krieg der Worte und Bilder" (214) an, sondern mahnt auch jede:n einzelne:n zur "Gewissenserforschung" und ermutigt dazu, durch das eigene Wort "zum Guten beizutragen" (ebd.).
  2. Frieden in Gerechtigkeit aufbauen: Das Stichwort der Sozialen Gerechtigkeit hatte Leo schon im 2. Kapitel der Enzyklika unter die "Prinzipien der Katholischen Soziallehre" eingereiht. Dort knüpft er sie unter anderem an "die Situation der Migranten, der Flüchtlinge und all jener, die aufgrund von Armut, Gewalt, Klimawandel und Umweltkatastrophen zur Flucht gezwungen sind" (81). Im Zusammenhang der fünf Praxisansätze begnügt er sich mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit der Gerechtigkeit für einen "wahren Frieden" (215) und unterstreicht dies mit einem längeren Zitat des Hl. Augustinus, das mit dem Appell endet: "Möchtest du Frieden erreichen? Dann übe Gerechtigkeit!" (ebd.)
  3. Die Perspektive der Opfer einnehmen: Mit ausdrücklicher Referenz auf seinen Vorgänger leitet Leo dazu an, sich mit den Gewaltopfern zu solidarisieren und ihre Perspektive auf die Geschichte und die Konflikte der Gegenwart einzunehmen. Die Stimmen dieser Menschen können dafür sensibilisieren, "dass die Menschheit, von gewalttätigen Minderheiten abgesehen, keinen Krieg will". (217)
J.R.R. Tolkien sitzt unter einem Baum
Bild: ©Picture-Alliance/Photoshot

Wird in der Enzyklika zitiert: J.R.R. Tolkien

  1. Einen gesunden Realismus pflegen: Erneut macht der Papst deutlich, dass die Verweigerung der Gewalt keine unrealistische oder politisch naive Position darstellt. Vielmehr ermöglicht sie es, jenseits eines politischen Idealismus, der sich die Fakten nach Gutdünken zurechtlegt, ebenso wie jenseits eines zynischen und scheinbaren Realismus, der sich der Gewalt beugt, einen sachgemäßen Blick auf "Interessen, Ängste, Zwänge und Machtverhältnisse" zu gewinnen, um praktikable Wege zum Frieden zu eröffnen. So bleiben zivile Schritte zum Frieden erreichbar, "nämlich glaubwürdige Institutionen, überprüfbare Garantien, geduldige Verhandlungen, Konfliktprävention und der Schutz der Zivilbevölkerung" (218).
  2. Den Dialog neu anstoßen: Ausführlich widmet sich Papst Leo der Notwendigkeit und Dringlichkeit des Dialogs und erläutert auch, wie umfassend dieser die menschliche Gemeinschaft und den Alltag durchziehen soll. Denn "er ist das wichtigste Instrument für das Zusammenleben zwischen Menschen und zwischen Nationen und er ist die Alternative zum offenen Konflikt" (219). Er bietet die Chance, "die Menschheit schrittweise aus der Spirale der Gewalt herauszuführen" (221). In Aufnahme eines früheren Wortes mahnt der Papst: "Die Anderen sind nicht zuerst unsere Feinde, sondern unsere Mitmenschen; sie sind keine Verbrecher, die man hassen muss, sondern Männer und Frauen, mit denen wir sprechen können. Erteilen wir den manichäischen Vorstellungen eine Absage, die so typisch sind für diese Narrative der Gewalt, die die Welt in Gute und Böse teilen!" (222) Ebenso erinnert er an die Unverzichtbarkeit des interreligiösen Dialogs, der "bei der Ablehnung der Logik der Gewalt […] eine entscheidende Rolle" spielt, und ruft den "Geist von Assisi", der von Johannes Paul II. ins Leben gerufen und durch das Engagement von Papst Franziskus fortgeführt wurde – beispielsweise im Dialog mit dem Scheich al-Azhar –“ (223), ins Gedächtnis.

Die Erneuerung von Diplomatie und Multilateralismus, sowohl im politischen Raum als auch in den Medien und in der Anwendung von KI, gehören für den Papst ebenso zu den Bereichen, die vom Dialog verändert werden können. Er erhebt dafür "das Prinzip der Barmherzigkeit zum konkreten Maßstab für politisches Handeln" (227). Schließlich endet der Papst das Kapitel über den Frieden mit einem Appell zum Gebet, das die Notwendigkeit, den Frieden "in unseren Beziehungen und in der Gesellschaft zu verwirklichen" (228), begleitet.

Ein christologisches Fazit

Im Schlussabschnitt zur gesamten Enzyklika zieht Papst Leo ein bemerkenswertes christologisches Fazit: "Im Zentrum steht das Geheimnis der Menschwerdung: […] Das Fleisch des Sohnes, arm und verletzlich, erinnert an das Fleisch so vieler Brüder und Schwestern, die ihrer Würde beraubt und zum Schweigen gebracht wurden." (231) "Das Geschenk des Friedens" zeigt sich hier "als die Macht, Kinder Gottes zu werden, die erwacht, wenn wir uns von den Tränen der Kleinen, der Gebrechlichkeit der Alten, dem Schweigen der Opfer und den Mühen derer berühren lassen, die gegen das Böse kämpfen, das sie nicht begehen wollen." (ebd.)

Das Böse, das in der eigenen Praxis bekämpft wird, damit es nicht begangen wird, verbindet sich mit dem Einsatz für Gerechtigkeit und für Frieden. "Für die Zukunft der Menschheit ist die Fähigkeit maßgeblich, dass wir diese göttliche Art und Weise der Annäherung übernehmen, die Last der Welt zu teilen und die Beziehungen von innen her zu verwandeln." (232)

Die Stimme der Opfer und der Marginalisierten, die Leo hier so kraftvoll mit der Menschwerdung des Sohnes Gottes verbindet, wird am Ende der Enzyklika auch noch mit der Stimme der Mutter dieses Sohnes verbunden. Auch der übliche mariologische Abschluss dieses Schreibens überrascht jedoch: Denn Leo zitiert das Magnifikat, "das Lied der Hoffnung" Mariens (243). Sie "lehrt uns, einen anderen Blickwinkel einzunehmen, um die Welt von unten aus zu betrachten […]; um die Ereignisse der Geschichte aus der Sicht der Witwe, des Waisenkindes, des Fremden, des verletzten Kindes, des Verbannten, des Flüchtlings zu verstehen". Papst Leo bringt mit Magnifica Humanitas diese Sicht von unten (und zugleich aus dem Globalen Süden) mit Macht in die Katholische Soziallehre ein, nicht nur im Themenfeld KI, sondern gerade auch durch seine Lehre über Krieg und Frieden.

Von Stefan Silber