Nach neuem Wirbel wegen mutmaßlichen Drogenfundes

Russisch-orthodoxer Metropolit Hilarion: Hoch gehandelt, tief gefallen

Veröffentlicht am 29.05.2026 um 15:15 Uhr – Von Matthias Altmann – Lesedauer: 

Bonn ‐ Er war "Außenminister" der russisch-orthodoxen Kirche – Papst Franziskus respektierte ihn sehr. Der jüngste Vorfall zeigt erneut den Absturz von Metropolit Hilarion. Eine Geschichte, die nicht nur etwas über ihn erzählt.

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Auf den ersten Blick scheint es eine weitere Episode in der Chronologie eines persönlichen Absturzes zu sein. Metropolit Hilarion (Alfejew), einst Leiter des Außenamtes der russisch-orthodoxen Kirche, war am Sonntag in Tschechien festgenommen worden. Drogenermittler hatten bei einer Kontrolle vier Beutel mit einer weißen Substanz in seinem Auto gefunden. Inzwischen ist Hilarion wieder frei, doch die Ermittlungen laufen weiter: Untersuchungen stellten offenbar fest, dass es sich tatsächlich um einen verbotenen Stoff handelte. Der Metropolit selbst bestreitet entschieden jede Beteiligung an illegalem Besitz oder Transport.

Hilarion galt lange als der Mann der Zukunft des Moskauer Patriarchats. Viele sahen in dem selbstbewussten, polyglotten Geistlichen, der ein Faible für Musik und Komposition hat, das kommende Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche. Über Jahre hinweg führte er die Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats und pflegte enge Kontakte zum Vatikan und zu internationalen Organisationen. Doch seit seiner überraschenden Ablösung 2022 – in dem Jahr, als der russische Angriffskrieg auf die Ukraine begann – ist er tief gefallen. Manche Umstände dieser Entwicklung bleiben allerdings rätselhaft.

Früh Karriere

Geboren 1966 in Moskau, machte Hilarion früh Karriere in der Kirche. Bereits in den 1990er Jahren galt er als einer der intellektuell profiliertesten orthodoxen Geistlichen seiner Generation. Er studierte unter anderem in Oxford und habilitierte sich an der Universität im schweizerischen Fribourg. Dort nahm er 2005 seine Lehrtätigkeit als Privatdozent für Dogmatik auf und wurde im Februar 2011 im selben Fach Titularprofessor.

Parallel dazu begann seine Bischofs- und Diplomatenkarriere. 2002 erhielt er seine Bischofsweihe, im selben Jahr wurde er Vorsteher der Repräsentation der russisch-orthodoxen Kirche bei den europäischen Institutionen in Brüssel. 2003 wurde er Bischof von Wien und Österreich – ehe er 2009 die prestigeträchtige Leitung des Außenamtes des Moskauer Patriachats übernahm.

Bild: ©Сергей Власов/patriarchia.ru (Archivbild)

Beobachter vermuten, dass Hilarion Patriarch Kyrills extremen Kurs im Ukraine-Krieg nicht vollends unterstützte.

Damit war er eine Art "Außenminister" der russisch-orthodoxen Kirche. In dieser Funktion prägte er über ein Jahrzehnt den ökumenischen Kurs Moskaus. Besonders im Verhältnis zur katholischen Kirche spielte Hilarion eine zentrale Rolle. Er traf mehrfach hochrangige Vertreter des Vatikans und war maßgeblich an der Vorbereitung der historischen Begegnung zwischen Papst Franziskus (2013–2025) und Patriarch Kyrill im Jahr 2016 auf Kuba beteiligt. Noch 2023 sagte Franziskus über Hilarion, er respektiere ihn sehr und habe immer ein gutes Verhältnis zu ihm gehabt.

Obwohl sein Auftreten gemäßigter als das etwa von Patriarch Kyrill wirkte, vertrat Hilarion immer streng konservative Ansichten, gerade in moraltheologischen Fragen – und warf dem Westen Dekadenz vor. In seiner Rede auf der vatikanischen Familiensynode im Oktober 2015, an der er als Gast teilnahm, sprach er einigen protestantischen "kirchlichen Gemeinschaften", wie er sie nannte, wegen ihres liberalen Umgangs mit Homosexuellen ab, überhaupt noch christlich zu sein.

Vorbehalte gegen Patriarchats-Kurs?

Dazu war der griechisch-orthodoxe Patriarch Bartholomais, Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, oft Ziel seiner Angriffe. Nachdem Bartholomaios der 2018 entstandenen Orthodoxen Kirche der Ukraine die Autokephalie, also Eigenständigkeit gewährt hatte, bezichtigte Hilarion ihn der Kirchenspaltung. Trotz alldem galt der Metropolit in Russland vielen als zu ökumenisch und zu westlich.

Dann begann der Ukraine-Krieg. Patriarch Kyrill stellte sich demonstrativ hinter den Kurs des Kremls und deutete den Krieg von Anfang an in religiös-ideologischen Kategorien. Das beschädigte die internationalen Beziehungen des Moskauer Patriarchats massiv. Beobachter vermuteten, Hilarion habe intern Vorbehalte gegen den aggressiven Kurs der Kirchenführung gehabt – oder sich zumindest zu zurückhaltend verhalten. Öffentliche Kritik am Krieg äußerte er allerdings nie. Die Theologische Fakultät der Schweizer Universität Freiburg suspendierte im März 2022 seine Titularprofessur, weil Hilarion trotz Aufforderung dem "klaren Völkerrechtsbruch Russlands" nicht entgegengetreten sei.

Im Juni 2022 wurde Hilarion – formal durch das Leitungsgremium der Kirche, den Heiligen Synod – als Außenamtschef abgesetzt. Gründe dafür wurden keine angegeben. Beobachter deuteten diesen Schritt als unehrenhafte Degradierung. Einerseits wurde in dem Beschlussdokument auf die Standardformel "mit Dank für die geleistete Arbeit" verzichtet, andererseits wurde er als Bischof nach Budapest geschickt – in eine auf dem Papier kleine und unbedeutende Diözese.

Papst Franziskus schaut skeptisch
Bild: ©KNA/Stefano Dal Pozzolo/Romano Siciliani (Archivbild)

Papst Franziskus traft zuletzt 2023 mit Metropolit Hilarion zusammen und sprach von einer guten Beziehung zu ihm.

Dennoch war die ungarische Hauptstadt gerade zu dieser Zeit kein unwichtiger Ort: Die damalige Regierung Ungarns unter Viktor Orban war diejenige, die in der EU-Sanktionen gegen Patriarch Kyril blockiert hat. Dem Vernehmen nach traf Hilarion mehrfach mit Orban zusammen und erhielt ungewöhnlich schnell die ungarische Staatsbürgerschaft. 2023 empfing Papst Franziskus ihn während seiner Ungarn-Reise zu einem Gespräch. Hilarion sagte zu dem Treffen, Franziskus und er hätten nicht über die Beziehungen zwischen der römisch-katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche, sondern wie "zwei alte Bekannte" persönlich miteinander gesprochen.

Dass er, der oft gegen einen Sittenverfall wetterte, ausgerechnet wegen eines Sexskandals endgültig in Ungnade fiel, ist eine ironische Wendung. Sein ehemaliger Assistent wandte sich 2024 an die exilrussische und kremlkritische Zeitung "Novaya Gazeta Europe" und berichtete von sexuellen Übergriffen seiens Chefs gegen ihn. Hilarion wies die Vorwürfe zurück und sprach im Gegenzug von Verleumdung und Erpressung. Es ging in dem Fall aber nicht nur um sexuelle Belästigung. Der Ex-Assistent berichtete ausführlich über das Luxusleben des Metropoliten: teure Reisen und ein neues Anwesen in der Nähe von Budapest. Zudem zeichnete er Gespräche auf, in denen Hilarion Patriarch Kyrill deutlich kritisierte: Dieser beziehe viel Geld von reichen russischen Oligarchen und stecke es willkürlich in Projekte nach seinem persönlichen Geschmack.

Das Moskauer Patriarchat suspendierte Hilarion zunächst von allen Ämtern und setzte eine Untersuchungskommission ein. Ende 2024 entscheid die Kirchenleitung schließlich, ihn wegen ungebührlichen Verhaltens seines Amtes zu entheben und in den Ruhestand zu schicken. Als Dienstort wurde ihm eine russisch-orthodoxe Kirche im tschechischen Karlsbad zugewiesen, wo viele Russen leben. In Tschechien, so heißt es, war man nicht glücklich über seine Anwesenheit. In Zeitungsberichten wurde immer wieder über mutmaßliche Kontakte zum russischen Geheimdienst spekuliert.

Intrige insinuiert?

Am vergangenen Sonntag kam es zu der Durchsuchung seines Wagens an einer Autobahntankstelle bei Karlsbad. Eine Sprecherin der tschechischen Nationalen Drogenzentrale erklärte, dass der Einsatz nach einem anonymen Hinweis erfolgt sei. Die Umstände der Kontrolle brächten "ernste Fragen" mit sich, so Hilarions Anwalt. Er insinuierte gar, sein Mandant könnte Opfer eines Komplotts geworden sein: Dem Vorfall sei nämlich eine längere Phase von Druck und Drohungen gegen den Metropoliten sowie die Gemeinde in Karlsbad vorausgegangen. Er forderte daher die Sicherung sämtlicher Videoaufnahmen der Kontrolle sowie unabhängige Gutachten zu den gefundenen Substanzen, den Behältern und möglichen Spuren. Zudem solle untersucht werden, wer vor der Kontrolle Zugang zum Fahrzeug hatte. Auch das russische Außenministerium schaltete sich ein und sprach von einer vorsätzlichen, inszenierten Provokation, die darauf abziele, sowohl den Metropoliten als auch die russische Orthodoxie zu diskreditieren.

Was auch immer hinter dem Vorfall steckt: Aus einem der bekanntesten Gesichter der russisch-orthodoxen Kirche ist binnen kurzer Zeit eine Figur geworden, um die sich Skandale, Gerüchte und politische Spekulationen ranken – und an der sich zugleich die Spannungen und Verwerfungen innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche seit Beginn des Ukraine-Kriegs ablesen lassen. Der "Fall Hilarion" erzählt damit längst nicht mehr nur von einem einzelnen Kirchenmann, sondern auch vom Zustand einer Institution zwischen Machtpolitik, Loyalitätsdruck und internationaler Isolation.

Von Matthias Altmann