Warum die Gottesfrage anders gestellt werden muss

"Höchste Zeit, an Gott zu denken"? – Die Kardinäle Walter Kasper und Kurt Koch haben durchaus Recht: Wer heute von Kirchenreform, Synodalität und gesellschaftlicher Relevanz spricht, kommt an der Gottesfrage nicht vorbei. Nur, wer wollte dies bezweifeln? Eine Kirche, die Gott aus dem Blick verlöre, gäbe mehr preis als ein zentrales Thema. Auf dem Spiel stünde ihr Markenkern, die Botschaft Jesu vom "Reich Gottes": eine Wirklichkeit, die Menschen verwandelt und in ein neues Verhältnis führt – zu sich selbst und anderen.
Und doch reicht es nicht, die Gottesfrage einfach wieder "in die Mitte stellen" zu wollen. Genau darin liegt ja ein Teil der gegenwärtigen Schwierigkeit. Wer Gott nur erneut als Mitte behauptet, reaktiviert einen naiv verengenden metaphysischen Blick — als ob Gott eine substanzhafte, höchste Wirklichkeit "über der Welt" wäre, zu der man zentralperspektivisch zurückfinden könnte. Viele können mit einem solchen Gottesbild nichts anfangen; sie trauen religiöser Sprache ohnehin kaum mehr etwas zu. Andere indes vermissen "Gott" überhaupt nicht. Wieder andere spüren durchaus eine spirituelle Sehnsucht, meiden aber die vertrauten kirchlichen Formeln. Wer die Gottesfrage neu stellen will, muss zugleich erklären, was damit gemeint ist.
Frage nach dem Sinn
Genau hier beginnt die eigentliche Aufgabe. Denn die Frage lautet nicht zuerst: Wie bringen wir Gott zurück in eine Gesellschaft, die ihn vergessen hat? Die Frage lautet: Wie ist es, ein religiöser Mensch zu sein? Wie lebt ein Mensch, der in dem, was geschieht, mehr sieht als den bloßen Lauf der Dinge? Wie erlebt ein religiöser Mensch Liebe und Glück, Schuld und Scheitern? Worauf hofft er? Wo entdeckt er Sinn, wenn traditionelle Sinnmuster zerbrechen?
Globalisierung und Migration verändern moderne Gesellschaften tiefgreifend. Die digitale Zirkulation von Bildern, Meinungen und Weltdeutungen verändert vertraute Bindungen, verschiebt Lebensentwürfe und bringt unterschiedliche Perspektiven in neue Nähe zueinander. Daraus entsteht eine Gegenwart, in der vieles verfügbarer und zugleich unsicherer wird. Menschen begegnen einander in Nähe und Fremdheit zugleich. Religiöse Bekenntnisse und Traditionen rücken unmittelbar nebeneinander. Unterscheidungen wie "richtig" oder "falsch", "gläubig" oder "nichtgläubig", "religiös" oder "profan" greifen nicht mehr, wenn sie die komplexe Wirklichkeit heutiger Religiosität sortieren sollen. Religion kann darum kein abgeschlossenes System von Sätzen über Gott mehr sein. Sie muss nach der Tiefe fragen, die sich in diesen Realitäten zeigt — einer Tiefe, in der mehr geschieht, als sich planen, berechnen oder verfügbar machen ließe.
Ludger Verst ist katholischer Publizist und Lehrbeauftragter für Praktische Theologie an Universitäten und Hochschulen in Hessen und Rheinland-Pfalz. Er arbeitet als Personzentrierter Berater und tiefenpsychologisch orientierter Seelsorger in eigener Praxis in Wiesbaden. 2025 erschien von ihm bei Vandenhoeck & Ruprecht "Tiefentheologie. Von einem Gott, der zu Grunde geht".
Darum bleibt die Gottesfrage so wichtig. Sie schützt den Menschen vor Verflachung. Sie erinnert daran, dass wir nicht nur funktionieren, sondern immer als ganze Menschen auf dem Spiel stehen und "angesprochen" sind — selbst dort, wo uns sonst niemand mehr anspricht. Manchmal geschieht etwas, das den gewohnten Lauf des Lebens unterbricht, uns neu in Bewegung setzt: eine unerwartete Begegnung, eine Liebe, eine Diagnose, eine Hilfe, mit der niemand gerechnet hat. Solche Widerfahrnisse sind Ereignisse, die überraschend und unvorhersehbar hereinbrechen. Ihre Folgewirkungen können einschneidend und lebensverändernd sein. Sie geschehen uns, bevor wir sie herstellen oder herbeibeten könnten.
Das mag ungewohnt klingen. Gerade darin liegt eine Spur aus der religiösen Sprachlosigkeit heraus. Viele Menschen können mit einem Gott "über der Welt" nur wenig noch anfangen. Sie erwarten keinen himmlischen Eingriff von außen. Näher liegt ihnen die Frage, ob ihr Leben tatsächlich einen Grund hat, der in den Brüchen ihres Daseins verlässlich trägt; eine Gegenwart, die mehr eröffnet als Leistung, Konsum und Selbstoptimierung je eröffnen könnten.
Die Kirche muss von Gott sprechen. Darin ist den Kardinälen zuzustimmen. Doch sie wird nur dann gehört werden, wenn sie zugleich lernt, anders von Gott zu sprechen. Das betrifft auch die Strukturdebatten über pastorale Räume, Ämter, Rollen und Zuständigkeiten. In ihnen steckt die Gottesfrage immer schon mit drin. Diese Debatten liefen leer, wenn in ihnen — von Amts wegen — nichts von der Präsenz spürbar würde, aus der die Kirche lebt: jener Geistesgegenwart, die Menschen berührt und verwandelt und so auch füreinander berührbar macht.