Friedhofsruhe statt Theologengezänk

Theologe warnt vor Funktionsverlust der akademischen Theologie

Veröffentlicht am 04.06.2026 um 13:53 Uhr – Lesedauer: 

Wien ‐ Der Münchner evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf sieht einen "drohenden Funktionsverlust akademischer Theologie". Er rät zu weniger, dafür besser aufgestellten Fakultäten – und mehr Streitbarkeit.

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Der Münchner evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf hat sich für einen Rückbau kleiner theologischer Fakultäten zugunsten einer Stärkung der großen ausgesprochen. Nur mit einer strukturellen Reform der evangelischen und katholischen Fakultäten lasse sich angesichts des demografischen Wandels und knapper Finanzen ein "drohender Funktionsverlust der akademischen Theologie" abwenden, sagte Graf laut der österreichischen Nachrichtenagentur Kathpress am Mittwochabend an der Universität Wien.

Die Fachbereiche sollten auch über stärkere Zusammenarbeit nachdenken sowie über die Bereitschaft, auf historische staatliche Privilegien zu verzichten. So sei es teils schwer zu erklären, warum Universitäten mit je einer evangelischen und katholischen theologischen Fakultät über doppelt besetzte Lehrstühle in den biblischen Fächern verfügten, sagte der emeritierte Professor für Systematische Theologie.

Friedhofsruhe statt Theologengezänk

Zugleich warb Graf dafür, einer "Enteignung klassischer theologischer Deutekompetenz" in der Öffentlichkeit entgegenzutreten. Philosophen wie Jürgen Habermas, Hans Joas oder Peter Berger hätten immer stärker diese Funktion übernommen. Hier gelte es, wieder Boden zu gewinnen. "Theologen waren immer stark in der diskursiven Aufbereitung von Differenzen. Die aktuelle Friedhofsruhe anstelle eines ergiebigen Theologengezänks ist kein Fortschritt. Es wird zu wenig gestritten in unserem Fach", sagte Graf.

Die aktuelle Ausstattung theologischer Fakultäten geht nach Grafs Darstellung auf das 19. Jahrhundert zurück, als es eine viel höhere Zahl von Theologiestudierenden gab. Der Staat habe großes Interesse an einem "staatstreuen Klerus" und einer somit kontrollierbaren, eingehegten Religion gehabt. Heute sei die theologische Landschaft zersplitterter, internationaler und nicht mehr mit dem preußischen Bildungsideal zu vergleichen. Auch sei die deutsche Theologie nicht mehr federführend. Graf sprach sich daher für die Stärkung der großen Standorte aus, um so auch Mittel für neue Fächer und Lehrstühle zu gewinnen. "Wir wissen etwa viel zu wenig über die Christentümer in anderen Regionen der Welt, über neureligiöse Bewegungen oder auch die neurechte Instrumentalisierung der Religion", sagte er.

Viele Fakultäten für weniger Studierende

Aktuell gibt es in Deutschland 18 katholisch-theologische Fakultäten an staatlichen Universitäten und 33 Institute für Katholische Theologie zur Ausbildung von Religionslehrern an staatlichen Hochschulen. Hinzu kommen 15 evangelisch-theologische Fakultäten sowie vier ehemalige evangelische Fakultäten, die auf den Status eines Fachbereichs reduziert wurden. Zudem gibt es private kirchliche Hochschulen beider Konfessionen.

In Österreich gibt es katholisch-theologische Fakultäten an den Universitäten Wien, Graz, Salzburg und Innsbruck, eine private kirchliche Hochschule in Linz sowie eine evangelisch-theologische Fakultät in Wien. Darüber hinaus bestehen kirchliche pädagogische Hochschulen und theologische Hochschulen ohne vollen Fakultätsstatus. (KNA)