Wie heute von Gott reden?

Nicht nur ein Leseproblem: Warum die Krise der Theologie tiefer reicht

Veröffentlicht am 22.03.2026 um 12:10 Uhr – Von Johannes W. Vutz – Lesedauer: 
Debatte

Essen ‐ Theologische Bücher finden kaum noch Leser – das ist nur ein Symptom, stellt Johannes W. Vutz fest: Es gilt, tiefer zu bohren. Die Theologie müsse neu lernen, für Menschen zu sprechen, die Gott nicht mehr vermissen.

  • Teilen:

Benjamin Dahlke beschreibt eine Entwicklung, die man schwer bestreiten kann: Der katholischen ‎Theologie gehen die Leser aus. Sinkende Studierendenzahlen, schwindende Buchauflagen und ‎eine erodierende Debattenkultur markieren für ihn eine echte Gefahr – nicht nur für die Pastoral, ‎sondern für die Theologie als Wissenschaft selbst. Seine Sorge ist berechtigt. Wenn immer mehr ‎geschrieben und immer weniger gelesen wird, verliert eine wissenschaftliche Disziplin auf Dauer ‎ihren Resonanzraum. Genau darin liegt die Stärke seines Textes: Er benennt nüchtern ein reales ‎Problem, statt es zu beschönigen.‎

Meine These: Es geht dabei im Kern nicht um eine Publikationskrise akademischer Theologie, sondern um eine tiefergehende Orts- und Plausibilitätskrise von Religion im Allgemeinen und deren kirchlicher Ausformung im Besonderen.

Porträtfoto von Johannes W. Vutz
Bild: ©Johannes Hörnemann (Archivbild)

Der Theologe Johannes W. Vutz ist Programm-Manager für "Christlich leben. Mittendrin." im Bistum Essen.

Meine Reflexion auf Benjamin Dahle schreibe ich aus der Perspektive meiner Tätigkeit in einem ‎Transformationsprogramm eines westdeutschen Bistums, das seit vielen Jahren stark von gesellschaftlichen Umwälzungsprozessen geprägt ist. Wer Veränderung in Kirche gestalten oder doch zumindest ‎ermöglichen will, lernt schnell, dass jede belastbare Zukunftsdebatte mit einem nüchternen Blick ‎auf die religiöse Gegenwart beginnen muss. Zu dieser Gegenwart gehört eben auch die ebenso ‎schlichte wie folgenreiche Feststellung, dass die religiöse Grundierung unserer Gesellschaft in ‎Erosionsprozessen begriffen ist. Die Diagnose bleibt also auf halber Strecke stehen, wenn sie vor allem als Problem ‎der Publikations- und Aufmerksamkeitskultur gelesen wird. Denn der Theologie fehlen ‎gegenwärtig nicht zuerst Leser. Ihr fehlt in wachsendem Maß der Ort, an dem sie als notwendige ‎Form der Welt- und Glaubensdeutung überhaupt noch erwartet wird.‎

"Apatheismus" als Zeichen der Zeit

Wenn Dahlke Jan Loffelds Buch "Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt" als Beispiel für eine Monografie ‎nennt, die gegen den Trend noch Debatte auszulösen vermocht hat, dann verweist er damit ‎implizit auch auf diese tiefere Ebene des Problems. Denn Loffelds zentrale Pointe lautet ja gerade ‎nicht bloß, dass sich kirchliche Milieus abschwächen oder religiöse Praxis zurückgeht. Seine ‎Diagnose reicht tiefer: In weiten Teilen der Gegenwartsgesellschaft ist Religion nicht nur ‎umstritten, sondern für viele Menschen subjektiv schlicht nicht mehr erforderlich. Die Gottesfrage ‎ist nicht mehr selbstverständlich aufgerufen. Das eigentlich Verstörende ist nicht religiöser ‎Widerspruch, sondern religiöse Indifferenz oder auch schlichtes Desinteresse – von Jan Loffeld als "Apatheismus" bezeichnet.

Wenn das stimmt, dann muss man Dahlkes Ausgangsproblem anders gewichten. Dann ist die Frage ‎nicht zuerst: Warum werden theologische Bücher immer weniger gelesen? Sondern: Warum sollte ‎Theologie in einer kulturellen Lage, in der vielen nichts zu fehlen scheint, wenn Gott fehlt, ‎überhaupt noch als notwendig erscheinen? Der Rückgang theologischer Leserschaft ist dann nicht ‎die eigentliche Ursache der Krise, sondern deren sichtbares Symptom.‎

Das mindert Dahlkes Beobachtung nicht, sondern schärft sie. Denn selbstverständlich hat er recht, ‎wenn er auf die prekäre Lage theologischer Publikationen hinweist: geringe Auflagen, schmale ‎Käuferkreise, ein akademischer Binnenmarkt, in dem vieles zirkuliert, ohne wirklich zu wirken. Auch ‎sein Wunsch, es möge wieder mehr gelesen als geschrieben werden, trifft einen wunden Punkt. ‎Aber die Hoffnung, man könne das Problem vor allem durch bessere Formate, stärkere Sichtbarkeit ‎oder eine lebendigere Debattenkultur lösen, greift vermutlich zu kurz. Sichtbarkeit ist nicht ‎dasselbe wie Plausibilität. Und eine gelungene Buchpräsentation ersetzt noch nicht die Erfahrung, ‎dass theologische Rede für das eigene Leben überhaupt etwas austrägt. ‎

Leben ohne Gott, aber nicht ohne Sinn

Gerade deshalb ist Loffelds Diagnose so hilfreich. Sie zwingt dazu, auf jene stillschweigende ‎Voraussetzung zu verzichten, von der kirchliche und theologische Selbstverständigungen lange ‎gelebt haben: dass die Gottesfrage im Innersten jedes Menschen irgendwann von selbst aufbricht ‎und die Kirche nur bereitstehen müsse, um darauf zu antworten. Wer genauer auf die religiöse ‎Gegenwart blickt, wird nüchterner feststellen müssen: Viele Menschen erleben ihr Leben als ‎sinnvoll, moralisch orientiert und subjektiv erfüllt, ohne Gott, Glaube oder Kirche als Defizit zu ‎vermissen.‎

Für die Theologie hat das weitreichende Folgen. Denn eine Disziplin, die sich über Jahrhunderte ‎weithin darauf verlassen konnte, dass ihr Gegenstand kulturell mitgeführt wird, steht nun vor der ‎Aufgabe, genau diesen Verlust der Selbstverständlichkeit mit zu reflektieren. Das heißt: Theologie ‎muss heute nicht nur inhaltlich präzise, sondern auch situationsdiagnostisch wahrhaftig sein. Sie ‎darf sich nicht damit beruhigen, dass es eben an Aufmerksamkeit, Lesedisziplin oder akademischer ‎Vermittlung fehle. Sie muss sich der unangenehmeren Einsicht stellen, dass ihr Problem tiefer liegt: ‎Ihr Gegenstand ist für viele nicht mehr dringlich.‎

Blick über das Zentrum von Berlin mit der Hedwigs-Kathedrale (M.) und dem Berliner Dom (r.).
Bild: ©katholisch.de/stz (Symbolbild)

Kirchen prägen das Stadtbild auch von Großstädten – aber sind sie mehr als schöne Landmarken? Wer sucht, wer vermisst Kirchen als Orte des Glaubens?

Paradoxerweise könnte genau darin aber auch eine Chance liegen. Denn wenn Gott nicht mehr ‎über seine soziale Selbstverständlichkeit "mitläuft", dann wird theologische Rede von falschen ‎Sicherheiten entlastet. Sie muss nicht länger so tun, als könne sie auf ein latent religiöses Bedürfnis ‎bauen, das nur noch besser angesprochen werden müsse. Sie kann nüchterner, freier und ‎vielleicht auch redlicher werden. Nicht indem sie ihren Gegenstand abschwächt, sondern indem sie ‎ihn nicht funktional auflädt. Ein Gott, der nur deshalb interessant wäre, weil er menschliche Mängel ‎behebt, wäre am Ende nur eine religiöse Hilfskonstruktion. Loffelds Hinweis auf die Nicht-‎Notwendigkeit Gottes ist deshalb nicht einfach Defätismus, sondern potenziell eine theologisch ‎heilsame Korrektur.‎
Darum ist Dahlkes Text wichtig – aber er sollte konsequenter in die Richtung weitergedacht ‎werden, die er selbst streift. Sie ist ‎Ausdruck einer tieferen Verschiebung: Theologie verliert den kulturellen Resonanzraum, in dem ‎ihre Fragen einst mitlaufend plausibel waren. Darauf kann man publizistisch reagieren; nötig ist ‎aber vor allem eine intellektuelle und geistliche Nüchternheit, die den Ernst dieser Lage anerkennt.‎

Neu lernen, theologisch zu sprechen

Dann wäre der angemessene Schluss vielleicht nicht nur: Die Theologie muss wieder mehr Leser ‎gewinnen. Sondern: Sie muss neu lernen, unter Bedingungen religiöser Indifferenz überhaupt ‎theologisch zu sprechen – so, dass ihre Rede nicht aus vergangenen Selbstverständlichkeiten lebt, ‎sondern aus der Kraft, eine Gegenwart ohne religiösen Bedarfsschein ernst zu nehmen.‎
Das allerdings hätte unmittelbare Konsequenzen – nicht nur für Pastoral, sondern auch für die Art, ‎wie akademische Theologie sich selbst versteht. In Transformationsprozessen ist eine der ersten ‎und zugleich schmerzhaftesten Lernbewegungen, dass man die Lage nicht dadurch verändert, dass ‎man sie schöner erzählt. Wer mit Teams, Gremien und lokalen Verantwortlichen arbeitet, merkt ‎schnell: Die entscheidende Reibung entsteht nicht dort, wo Menschen "eigentlich religiös" wären, ‎aber schlecht erreicht werden, sondern dort, wo Religion als Bezugsrahmen schlicht nicht mehr ‎vorausgesetzt werden kann. Das verändert alles: Ziele, Sprache, Formate, Zeitlogiken – und auch ‎die Erwartung, was "Überzeugungskraft" überhaupt bedeutet.

Vielleicht lässt sich so dennoch eine vorsichtige Perspektive skizzieren, wie akademische Theologie ‎wieder einen "Sitz im Leben" einer interessierten Öffentlichkeit gewinnen könnte – allerdings nur ‎unter einer Einschränkung: Die Frage nach "Lösungen" ist womöglich selbst schon Teil der ‎beschriebenen Symptomatik. Wo Theologie primär nach "Wirkung", Reichweite und ‎Anschlussfähigkeit fragt, droht sie sich unbemerkt einem Funktionalismus zu unterwerfen, den sie ‎eigentlich kritisch reflektieren müsste. Gerade deshalb wäre ein erster Schritt nicht eine "bessere" ‎Kommunikationsstrategie, sondern eine bewusste Selbstdisziplin: öffentliche Theologie nicht als ‎Marketing, sondern als Form intellektueller Gastfreundschaft zu betreiben – also so, dass sie echte ‎Fragen der Zeit nicht bloß kommentiert, sondern in ihrer Tiefe aufnimmt, begrifflich klärt, geistlich ‎deutet und auch die eigenen blinden Flecken offenlegt. Öffentlichkeit entsteht dann nicht durch ‎Lautstärke, sondern durch Verlässlichkeit: durch Texte und Formate, die den Eindruck vermitteln, ‎dass hier jemand nicht nur Recht behalten, sondern Wirklichkeit verstehen will.‎

Ernsthaft statt opportunistisch

Wenn es – aus Transformationsperspektive – eine praktische Spur gibt, dann vielleicht diese: Wahrnehmbarkeit von religiösen Deutungsangeboten und Theologie wird sich nur dort einstellen, wo sie mit breit wahrnehmbaren gesellschaftlichen Themen und Suchbewegungen korreliert – nicht opportunistisch, sondern ernsthaft. In der Zukunftsvision des Transformationsprogamms meines Bistums ist dies nüchtern formuliert: "Ziel ist es, in einer überwiegend säkularen Welt den christlichen Glauben als eine Option anzubieten, um in einer begrenzten und konfliktreichen Welt erfüllt, solidarisch und friedlich miteinander zu leben."

Genau diese Logik – Option statt Voraussetzung, Angebot statt kultureller Selbstverständlichkeit – markiert aus meiner Sicht die Richtung: nicht jedes Thema theologisieren, sondern dort ansetzen, wo viele Menschen ohnehin schon "metaphysisch" unterwegs sind, ohne es so zu nennen: in Fragen nach Verletzlichkeit und Schuld, nach Gerechtigkeit und Angst, nach Zugehörigkeit, nach Endlichkeit, nach Hoffnung angesichts realer Krisen. Akademische Theologie müsste dafür stärker in Übersetzungsarbeit investieren: weniger Binnenkommunikation, mehr Formen öffentlicher Argumentation (Streitgespräche, public lectures, digitale Formate), die den Anspruch wissenschaftlicher Redlichkeit bewahren und zugleich "konsumierbar" bleiben. Entscheidend ist dabei die Haltung: nicht als Instanz, die ein Defizit behebt, sondern als Gesprächspartnerin, die Deutung anbietet, ohne Bedürfnis zu behaupten. Vielleicht gewinnt Theologie so keinen alten Resonanzraum zurück – aber sie könnte einen neuen eröffnen: nicht weil "Gott fehlt", sondern weil Wirklichkeit sich nicht erschöpft in dem, was bereits funktioniert.

Von Johannes W. Vutz