Schwester Anne Kurz über das Sonntagsevangelium

"Geht und lernt" – Eine Vision von Kirche am runden Tisch

Veröffentlicht am 06.06.2026 um 09:30 Uhr – Lesedauer: 
Ausgelegt!

Hildesheim ‐ Im Sonntagsevangelium isst Jesus mit Matthäus und anderen Zöllnern. Sitzordnungen drücken etwas aus, schreibt Schwester Anne Kurz – und denkt an die Weltsynode. Lässt sich Kirche nähren von der Vision der runden Tische?

  • Teilen:

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Am Tisch sitzend, über Münzen gebeugt und Geld zählend – so zeichnen viele Gemälde den Zöllner Matthäus im Moment seiner Berufung. Dann kommt Jesus, sieht ihn, erwählt ihn und ruft ihn, ihm zu folgen.

Die Szene kommt sofort in Bewegung. Matthäus steht auf und lässt sich ein. Kaum vorstellbar verändert sich sein Leben. Das Neue, das spürbar hereinbricht, wird ablesbar an einer neuen Vision: Kein isolierter Geldzähltisch steht mehr im Zentrum, sondern Matthäus beginnt, die Tische zu decken und Freunde zum Essen einzuladen. Andere Zöllner verlassen offensichtlich ihre Posten und nehmen die Einladung an. Die Grenzen sind nun offen und unbewacht. Niemand muss in diesem Moment Zoll zahlen. Eine große Mahlgemeinschaft beginnt. So groß und so ansteckend ist sie, dass Pharisäer und Schriftgelehrte anrücken, um nach dem Rechten zu sehen. Was sie sehen, lässt ihren Atem stocken: Jesus liegt bei Tisch mit Zöllnern und Sündern. Wie kann er nur!

Wie und mit wem Jesus Mahl hält, gibt Auskunft darüber, wer er ist. Tische, Sitzordnungen und Mahlgemeinschaft sind Ausdruck einer konkreten Vision. Schon die Propheten und Psalmisten besangen und beschrieben innere Bilder, in denen Menschen aus allen Himmelsrichtungen kommen und an dem Festmahl teilhaben, das Gott ihnen bereitet. Ich muss an die runden Tische der Weltsynode denken. Teilnehmende aus der ganzen Welt sitzen im Herbst 2023 und 2024 im Vatikan daran. Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven, kulturellen Prägungen und vielfältigen Erwartungen. Ich hatte das Glück, die Erfahrung einer Teilnehmerin hören zu dürfen. Schon durch ihre Art des Erzählens wurde das Erleben lebendig. Mir schien, dass mit ihrem Sprechen andere Teilnehmende und ihre Schicksale in unseren Raum kamen. Ost- und Westeuropa kamen mir besonders nah. Uns allen traten die Tränen in den Augen, als von einer Ordensschwester aus dem Irak erzählt wurde, die in den Tagen der Synode zum ersten Mal Frieden (im Sinne von keiner akuten Gewaltbedrohung) erlebte. Geteiltes Leben kann eine starke und heilende Resonanz hervorrufen, das hat dieser Vortrag gezeigt.

Geht der synodale Aufbruch in den Kirchen, Gemeinden und Gemeinschaften vor Ort weiter? Ich wünschte, die Vision der runden Tische würde in mir und uns stark werden: Tische, an denen man sich zuhört und zu sprechen lernt. Tische an denen wir alle zugleich Sünder und Gerechte sind, mit der Gebrochenheit und Schönheit unseres Lebens.

Wir müssen uns nähren lassen von dieser Vision, damit sie konkret wird. "Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!" ruft Jesus den Schriftgelehrten zu, die sich aus scheinbar religiösen Gründen nicht an den Tisch setzen mögen. "Geht und lernt" – die Fragen sind noch offen und die Antwort wird ein gemeinsamer Weg sein. "Geht und lernt" – das kostet Vorurteile, Sicherheiten, Zeit und Aufmerksamkeit. "Geht und lernt" – das braucht Mut und wird uns Jesus ähnlich machen.

Evangelium nach Matthäus (Mt 9,9–13)

In jener Zeit sah Jesus einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Und Matthäus stand auf und folgte ihm nach.

Und als Jesus in seinem Haus bei Tisch war, siehe, viele Zöllner und Sünder kamen und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern.

Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?

Er hörte es und sagte: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken.

Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer! Denn ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder.

Die Autorin

Anne Kurz ist Schwester der Gemeinschaft Verbum Dei. Sie ist Referentin für Liturgie im Bistum Hildesheim, Geistliche Begleiterin und Supervisorin Supervisorin (M.A.).

Ausgelegt!

Als Vorbereitung auf die Sonntagsmesse oder als anschließender Impuls: Unser Format "Ausgelegt!" versorgt Sie mit dem jeweiligen Evangelium und Denkanstößen von ausgewählten Theologen.