Was von Blütenblättern bleibt: Das Leben ist schön
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Erst vor ein paar Tagen hatten sie wieder ihren großen Auftritt: die vielen Blütenblätter, aus denen an Fronleichnam ein großer Blumenteppich wurde. Von fleißigen Händen und Menschen, die dafür extra auf Safari durch Vorgärten und über Feldwege gingen, wurden sie stundenlang gesammelt, gepflückt, sorgfältig auseinandergeklaubt und dann wieder zu kunstvollen Motiven zusammengesetzt: all die Rosen, Pfingstrosen, Margeriten, Flieder, Grashalme und Grün aller Art und was es momentan sonst noch in Gottes großem kostenlosen Blumenladen gibt. Nach wenigen Minuten bei der Fronleichnamsprozession war das Wunderwerk dann schon am Ende, leicht zerstört und zertrampelt, das Muster aus dem Lot geraten.
Und danach? Manche Pfarreien und Gemeinschaften haben kreative Lösungen, nicht überall kehrt man alles gleich zusammen und wirft es in den Container. Mancherorts darf der Kindergarten die Blätter sorgfältig nehmen, sortieren und in den nächsten Tagen daraus etwas Kreatives gestalten, sei es Basteln, Trocknen, Pressen, damit spielen oder einfach nur fühlen, riechen und tasten.
Mir tut es fast ein bisschen weh, dass diese schöne Naturkunst nur für so kurze Zeit haltbar ist. Mehr als alles andere sind die Blütenblätter vergänglich. Zum Glück gibt es Möglichkeiten, den Blumenteppich und seine Blüten ein wenig zu konservieren – vor allem natürlich durch die vielen Bilder, die davon gemacht und auf manchen Bistums-Homepages und Accounts geteilt werden. Dann hat sich die Mühe der Sammlerinnen und Teppichlegerinnen – zumeist sind es tatsächlich Mädchen, Frauen und Ordensschwestern – noch ein bisschen mehr gelohnt.
Schweigen, ohne leer zu werden
Dass Blütenblätter zauberhaft und bewahrenswert sind, ist eine alte Klosterweisheit. Ja, das Trocknen von Blütenblättern – nicht nur von Kräutern und Pflanzen – ist eine alte Kunst, für die man einige Geduld braucht. Es gibt viele alte Handschriften, die genau beschreiben, wie das geht, auch das ist eine wahre Kunst, jedenfalls gehört einiges an Kunstfertigkeit dazu, um es richtig zu machen, sodass die Blüten nicht verfaulen: Man legt die Blütenblätter einzeln, ohne dass sie sich berühren, auf einem Tuch aus oder presst sie zwischen die Seiten eines schweren Buches. Und dann wartet man und wartet und wartet, ein paar Wochen, besser sogar länger.
Was dabei herauskommt, ist zart und fast durchsichtig, ja pergamentartig, als hätte das Blatt sein Wasser abgegeben und dabei sein Wesen konzentriert. Sogar der Duft ist ein wenig konserviert, doch viel zarter und dezenter, nur noch für sehr aufmerksame Menschen wahrnehmbar. Es ist nicht mehr der frische Duft der lebendigen Blüte, er ist stiller und auch wärmer geworden, wirkt fast ein wenig in sich gekehrt. So ein getrocknetes Blütenblatt wirkt auf mich wie jemand, der gelernt hat zu schweigen, ohne leer zu werden.
Blumenteppiche sind aufwendig – sehen aber so schön aus!
Man kann Rosenblätter einfach trocknen und daraus einen Tee machen, auch Lavendelblüten, Lindenblüten, Kamille, Holunder. All das hat in der uralten Weisheit der Klostermedizin schon lange einen festen Platz, lange bevor es in der Pharmakologie zum Stichwort wurde. Viele dieser Blüten haben noch im getrockneten Zustand eine heilende Wirkung. Dabei geht es nicht um Magie und auch nicht um naive Naturromantik. Dahinter steht vielmehr eine Haltung gegenüber der Schöpfung, die ernst nimmt, was in den Dingen steckt. Es ist die Überzeugung, dass Gott die Welt nicht leer geschaffen hat, sondern dass in jedem Kraut, jeder Blüte, jedem Blütenblatt und jeder Wurzel etwas eingeschrieben ist, das dem Leben dient – wenn man es wahrnimmt und sich die Zeit nimmt, hinzuschauen und das auf sich wirken zu lassen.
Um nochmal auf die gepressten Blüten zwischen den Buchseiten zurückzukommen: Sie haben eine andere Zukunft als die Getrockneten für den Tee. Die Blütenblätter zwischen den Büchern verwandeln sich in kleine Schönheiten ohne praktischen Zweck. Man findet sie bei uns im Kloster in alten Stundenbüchern, in Familien zwischen alten Briefen und Notizbüchern und in so manch anderen Schätzen auf dem Dachboden. Immer tragen sie eine Geschichte in sich, von der man vorher oft noch nicht wusste: Das eine Blatt hat irgendwo in der Sonne geleuchtet, es duftete, ist von jemand Unbekannten wahrgenommen und gepflückt worden, von jemandem, dem es etwas bedeutete. Jetzt, auch noch nach Jahren, ist es papierleicht und fast farblos, aber noch immer erkennbar als das, was es war.
Dass die zarten Blütenblätter so schnell welken und vergehen, ist nicht ihr Mangel. Es macht sie zu etwas ganze Besonderem und es liegt an uns, ihre Schönheit und Vergänglichkeit wahrzunehmen. So ein Blütenblatt ist in der Hand unheimlich zart, leicht und weich, es verströmt einen genauso zarten Duft – und in ein paar Tagen ist es dahin. Darin steckt viel mehr von uns Menschen selbst, als wir im Vorbeigehen übersehen: Das Leben ist schön und flüchtig und kostbar, gerade weil es nicht bleibt. Und vielleicht ist das der tiefste Grund, warum wir Blüten verschenken, warum wir es lieben, Blüten zu streuen, wenn wir feiern und Blüten auf Gräber zu legen, wenn wir trauern. Wir Menschen haben keine andere Sprache, die das alles auf einmal sagen könnte.
Die Autorin
Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen, promovierte Theologin (Kirchenrecht) und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft tätig.
