Kriegsdienstverweigerung als Normalfall

Ökumenische Friedensschrift dringt auf Kurswechsel in Friedensethik

Veröffentlicht am 05.06.2026 um 17:56 Uhr – Lesedauer: 

Frankfurt ‐ Eine ökumenische Friedensschrift wendet sich gegen die Vorstellung, Frieden lasse sich durch militärische Gewalt erreichen – dies sei ein Mythos. Vielmehr steht das Völkerrecht im Zentrum.

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Vertreter aus der christlichen Friedensbewegung haben eine grundlegende Neuordnung der Sicherheitspolitik angemahnt. Angriffskriege wie etwa gegen den Iran dürften durch westliche Politiker nicht gerechtfertigt werden – "wie brutal und menschenrechtswidrig das dortige politische System auch ist", heißt es in der am Freitag online vorgestellten ökumenischen Friedensschrift "Wer Frieden will, muss mit dem Feind reden". Besonders wichtig für einen fairen Umgang mit dem Gegner sei es, das Völkerrecht zu stärken und dieses konsequent auch auf das eigene Handeln anzuwenden.

Es sei ein Mythos, dass Frieden "durch militärische Gewalt und Drohung zu erreichen" sei, hieß es weiter. Auch die Kirchen "werden ihrem Auftrag nur als Friedenskirchen gerecht". Statt einer militärbejahenden Ethik plädiert das Werk für Selbstkritik. Mit Blick auf das biblische Gebot, zuerst den "Balken im eigenen Auge" wahrzunehmen, fordert die Schrift eine ehrliche Analyse der westlichen Mitverantwortung an globalen Konflikten.

An der virtuellen Buchpräsentation nahmen die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, der frühere Generalsekretär des Weltkirchenrates, Konrad Raiser, sowie der mennonitische Theologe und Friedensforscher Fernando Enns teil.

Gewalt als Ultima Ratio?

Der Ansatz unterscheidet sich von der Friedens-Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) von 2025 und dem Friedenswort der Deutschen Bischöfe von 2024. Die EKD-Denkschrift ("Welt in Unordnung") betont zwar das Primat der Gewaltfreiheit, hält aber militärische Gegengewalt als "letztes Mittel" zum Schutz vor Gewalt für möglich. Das katholische Friedenswort ("Friede diesem Haus") sagt ebenfalls, militärische Gewalt beziehungsweise Gegengewalt bleibe als Ultima Ratio gerechtfertigt, wenn Menschen massiv bedroht sind.

Die Autoren fordern ein kategorisches Nein zum Besitz von Atomwaffen und mahnen den Beitritt zum UN-Atomwaffenverbotsvertrag an. Zudem solle die Verweigerung des Waffendienstes zum christlichen Normalfall erhoben werden, da ein "gerechter Krieg" unter modernen Bedingungen unmöglich sei. Die Schrift versteht sich als Impuls für eine Erneuerung der christlichen Friedensethik, die sich konsequent an der prophetisch-jesuanischen Tradition orientiert.

Die Schrift wurde von drei Autoren und einer Autorin verfasst: dem Sozialunternehmer Ralf Becker, der Pfarrerin und früheren Freiburger Friedensinstituts Leiterin Karen Hinrichs, dem emeritierten Bielefelder Theologie und Soziologieprofessor Heinrich Schäfer sowie dem Religionspädagogen Theodor Ziegler. Ziegler gehört dem Ökumenischen Institut für Friedenstheologie und der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsgegner an. (epd)