Lieber auf rationale Argumente setzen

Theologe beklagt "Bibelmissbrauch" in ethischen Debatten

Veröffentlicht am 06.06.2026 um 09:53 Uhr – Lesedauer: 

Mainz ‐ Bibelfeste Christen versuchen oft, ihre Position mit einem passenden Zitat aus der Heiligen Schrift zu untermauern. Für den Mainzer Theologen Michael Roth steht fest: Gerade in ethischen Debatten hat die Bibel nichts zu suchen.

  • Teilen:

Der Mainzer Theologie-Professor Michael Roth rät Christinnen und Christen dringend davon ab, sich in ethischen Debatten auf die Bibel zu berufen. "In der Ethik sollten wir mit rationalen Argumenten überzeugen, nicht mit Verweis auf die Bibel oder Glaubensinhalte", sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Glaube könne das Fundament dafür bilden, wie Menschen die Welt wahrnehmen. Er könne aber keine vernünftigen Gründe für eine ethische Position ersetzen. Umso mehr gelte das in einer Gesellschaft wie der deutschen, die zu einem großen Teil nicht mehr aus Christen bestehe.

In seinem neuen Buch "Die Bibel als Gefahr für die Ethik" warnt Roth, der an der Mainzer Universität Systematische Theologie und Sozialethik lehrt, vor einem Missbrauch der Bibel. Dieser bestehe darin, in einer ethischen Argumentation den Bezug zur Bibel an die Stelle einer rationalen Argumentation zu setzen und damit die eigene Position für sakrosankt zu erklären und der Kritik zu entziehen. Bei Tagungen kirchlicher Synoden erlebe er immer wieder, wie selbst nüchterne Verwaltungsentscheidungen mit biblischen Zitaten theologisch unterfüttert und damit religiös überhöht würden. Eine Diskussion könne aber nicht dadurch entschieden werden, dass sich die Vertreter unterschiedlicher Meinungen die passenden Bibelstellen aufsagten.

Roth erinnert daran, dass mit der Bibel sowohl Sklaverei als auch menschliche Freiheit begründet wurde, Ausbeutung der Natur und Klimaschutz, Monogamie und Polygamie, Frauenverachtung und Feminismus. So hätten auch die unterschiedlichen Konfessionen einen unterschiedlichen Zugriff auf die Bibel: "Ich glaube nicht, dass die Landeskirchen bibelgemäßer sind als Jehovas Zeugen. Vielmehr lesen sie die Bibel nur jeweils anders, betonen andere Stellen."

Naiver Umgang

Dennoch sei selbst bei Kirchenleitungen immer wieder ein naiver Umgang mit biblischen Texten zu beobachten, sagte der Theologe. Beispiel dafür sei etwa die Orientierungshilfe der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu einem modernen Familienverständnis. Darin heißt es unter Berufung auf den biblischen Stammvater Abraham, dessen zwei Frauen Sarah und Hagar und ihre gemeinsamen Kinder, bereits im Alten Testament habe es "Patchwork-Familien" gegeben. "Ein methodisch völlig unkontrollierter Bezug auf die Bibel führt zu der Absurdität, die Sklavenbeziehung von Abraham und Hagar als Vorbild einer modernen Patchwork-Familie darzustellen."

Roth betont, dass nach christlichem Verständnis Gott Mensch geworden sei, nicht Buch. "Die Bibel kommt beispielsweise im Glaubensbekenntnis als Glaubensgegenstand gar nicht vor", sagte Roth. Die Bibel sei nicht Selbstzweck, sondern Mittel, um Christus zu verstehen. Nach reformatorischem Verständnis gehe es daher nicht darum, bibelgemäß zu leben und jeden Vers als Handlungsbefehl zu verstehen, sondern "christusgemäß". (epd)