Fragen nach dem Menschsein von Anfang an mitdenken

Nass: Christliche Ethik muss bei KI Stimme erheben

Veröffentlicht am 12.05.2026 um 00:01 Uhr – Von Christoph Paul Hartmann – Lesedauer: 

Köln ‐ Christliche Ethiker müssen bei der Entwicklung und dem Ausbau von Künstlicher Intelligenz ihre Perspektive einbringen, fordert Ethiker Elmar Nass im katholisch.de-Interview. Dafür setzt er auf die Suche nach Verbündeten.

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Künstliche Intelligenz (KI) wird im Alltag immer präsenter: Menschen erzählen Sprachmodellen von ihren Seelenleiden, Tote können durch Software scheinbar weiterhin Unterhaltungen führen. Welche Rolle spielt da eine ethische Perspektive? Elmar Nass ist Professor für Christliche Sozialwissenschaften und gesellschaftlichen Dialog an der Kölner Hochschule für katholische Theologie (KHKT). Im katholisch.de-Interview spricht er über brennende Fragen – und wie sie Forschung und Entwicklung beeinflussen sollten.

Frage: Herr Nass, Sie wollen raus aus der Zwickmühle, dass die Ethik der technischen Entwicklung hinterherhinkt und dagegen ein innovatives Potenzial der Ethik in Sachen KI heben. Wie soll das gehen?

Nass: Die Ethik hat eine eigene Perspektive, die in den vielen gesellschaftlichen Diskussionen bisher zu kurz kommt. Menschen sind heute durch viele Dilemmasituationen herausgefordert und suchen Orientierung. Diese Dilemmasituationen lassen sich nicht durch einfache mathematische Gleichungen oder politische Programme lösen – das hat die Corona-Krise deutlich gezeigt, in der viele Regelungen ohne Diskussion einfach gesetzt wurden. Wir brauchen da einen sachlich begründeten ethischen Kompass. Darin liegt das innovative Moment: Fragen nach den Grenzen von KI, nach den Folgen ihrer Anwendung für unser Menschenbild, unser menschliches Zusammenleben und für Verantwortung stellen.

Frage: KI ist ein breites Feld – von Karten-Apps bis zu Sprachmodellen. Welche Fragen stellen sich da Ihrer Ansicht nach besonders?

Nass: Wir müssen darauf schauen, wo die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwimmen: etwa durch Pflegeroboter, zu denen die älteren Leute dann Vertrauensbeziehungen aufbauen. Wo ist da aber der Unterschied? Gilt die Menschenwürde auch für Roboter? Zudem geht es um Kollegen oder Vorgesetzte im beruflichen Bereich, die keine Menschen, sondern KIs sind – etwa in Krankenhäusern oder Schulen. Wer entscheidet da über wen, wer muss sich unterordnen und wer ist für Fehler verantwortlich? Dazu kommt das Thema Trauer: Denn durch KI können Verstorbene in virtuellen Realitäten scheinbar befragbar gemacht werden. Wie gehen wir also mit unserer Endlichkeit und den Sterbenden um? Kann man sich auch drei Tage nach dessen Tod noch mit einem Verwandten versöhnen? Da geht es also um Gewissen und Verantwortung im eigenen Leben.

Frage: Welche Antworten können Sie denn auf diese Fragekomplexe geben?

Nass: Zunächst generell: Es gibt gute, sogar sehr gute Einsatzmöglichkeiten für KI, sie ist nicht an sich schlecht. Es kommt darauf an, wann und wie wir sie einsetzen. In sozialen Berufen etwa kann KI menschliches Personal entlasten, aber menschliche Beziehungen nicht ersetzen. Deshalb müssen wir auch mit dem Sprachgebrauch sensibler sein: Computer sind nie "intelligent" oder "autonom". Das suggeriert, die Technik verhalte sich wie ein Mensch. Aber das tut sie nicht, sie verarbeitet lediglich Daten. Uns muss weiterhin klar sein: KI ist kein Mensch und keine Person, hat keine Seele und keine Moral. Deshalb kann Technik keine Ethik anbieten. Sie kann deshalb auch nicht urteilen. Manche Menschen erzählen einem Sprachmodell alles aus ihrem Seelenleben und vertrauen ihm blind. Dabei kann es nicht so urteilen wie ein Mensch – deshalb ist solches Verhalten gefährlich, auch für die Demokratie, wenn KI uns vermeintlich evidente politische Lösungen vorgibt. Eine KI soll kein Parlament ersetzen. All dies müssen wir uns bewusst machen.

Ein Mann hält ein Smartphone in seinen Händen und betrachtet darauf den Chatbot "ChatGPT".
Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht

Viele Menschen sprechen mit Künstlicher Intelligenz auch über ihr Seelenleben.

Frage: Sprachmodelle haben Jugendlichen schon geraten, sich umzubringen. Was muss also die Folge aus Ihren Schlüssen sein?

Nass: Solche Irrwege wurden zum Glück technisch unterbunden. Ich würde mir insgesamt wünschen, dass die Unternehmen in die Erforschung und Weiterentwicklung von KI die ethische Perspektive von Anfang an miteinbeziehen. Es sollte kein Gegenüber von technischer Entwicklung und ethischen Fragen mehr geben, in dem die Ethik immer der Miesepeter ist, der Weiterentwicklungen behindern will. Stattdessen sollten Fragen nach den Folgen für Mensch und Gesellschaft von Anfang an mitberücksichtigt werden. Es geht um eine Technik-Philosophie, die Teil des Prozesses ist. Erwarten würde ich von Unternehmen und der Politik zudem, dass wir ethisch breiter diskutieren. Es kann nicht immer nur um Datenschutz, Privatheit oder Akzeptanz von KI gehen. Das ist wichtig, reicht aber nicht aus. Wir brauchen da eine Vertiefung des Diskurses. Es geht um den Menschen als Ganzes – und manche Ängste und Vorbehalte sind ja auch berechtigt. Alles andere sind scheinethische Diskussionen, die in Wirklichkeit Marketinginstrumente generieren.

Frage: Welche Rolle spielt da eine spezifisch christliche und katholische Perspektive?

Nass: Es gibt im Bereich der Ethik ganz verschiedene Ansätze, die sich in drei Dimensionen unterscheiden: Im Bild vom Menschen, vom menschlichen Zusammenleben und der Vorstellung von Verantwortung. Da unterscheiden sich etwa utilitaristische, kantische und diskursethische Modelle – wie auch christliche. Jeder bringt da seine Antworten ein, was im Sinne eines Pluralismus zu begrüßen ist. Gerade die christliche Ethik hat da die Verantwortung, in dieser Diskussion die Frage nach dem Menschenbild in den Mittelpunkt zu stellen und einer ethischen Verflachung entgegenzuwirken. Aus dem christlichen Menschenbild ergeben sich Perspektiven auf Beziehungen und Vertrauen wie auch auf den Tod. Denn menschliche Beziehungen können nur Menschen führen, Tote sind für immer den Lebenden entzogen. Wenn eine KI versucht, diese Tatsachen zu untergraben, ist das eine gefährliche Täuschung. So ist die christliche Perspektive eine wohltuende Herausforderung und eine Belebung für den Diskurs, so lange sich die Vertreter aller dieser Strömungen gegenseitig ernst nehmen.

„Ich sehe einige Anzeichen dafür, dass das Thema KI in der Kirche ernst genommen wird.“

—  Zitat: Elmar Nass

Frage: Im Silicon Valley sind nicht wenige Akteure libertär und halten von Ethik generell wenig. Ist dem gegenseitigen Ernst nehmen dann nicht die Grundlage entzogen?

Nass: Auch eine libertäre Ethik ist eine Ethik. Denn auch dahinter stecken Bilder von Mensch, Gesellschaft und Verantwortung. Es kommt auf den Austausch an, in dem jeder, der sich an die Diskursregeln hält, zu Wort kommen darf. Spannend wird es, wenn jemand diesen Diskurs verweigert. Dann muss sich die christliche Ethik unter den anderen Akteuren Verbündete suchen, die – wenn auch aus anderen Gründen – ähnliche Werte vertreten. Gemeinsam müssen wir der Diskurs- und Ethikverweigerung etwas entgegensetzen. Wir haben die Verantwortung, da unsere Stimme zu erheben und vor den Folgen etwa des Transhumanismus, also der Sprengung menschlicher Grenzen durch Technik, oder der enthemmten Entwicklung zu warnen.

Frage: Macht die Kirche da genug? Papst Leo XIV. warnt vor den Folgen von KI für die Zwischenmenschlichkeit und will keine KI-generierten Predigten. Ist das genug?

Nass: Ich sehe einige Anzeichen dafür, dass das Thema KI in der Kirche ernst genommen wird. Es gibt da einige Forschung, das ist nicht nur der Papst. Dennoch: Das ist alles nicht konkret genug. Es reicht nicht aus, zu sagen: Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen. Das sind Allgemeinplätze. Nötig ist eine klare Positionierung, klare Orientierung, klare rote Linien. Ich wünsche mir da noch eine christlich begründete Positionierung, die Grenzen und Chancen definiert. Da sind wir noch nicht weit genug. Wir bräuchten da aber ein interdisziplinäres Team, dass da kurz und klar die Dinge beim Namen nennt. Dabei muss aber immer nochmal klar gemacht werden: Wo kommen wir als christliche Ethik her – was bestimmt unser Bild vom Menschen? Wir dürfen nicht nur Postulate in die Welt schleudern, sondern müssen unsere Argumentation transparent machen. Dann ist das anschlussfähig für den Diskurs mit anderen Perspektiven.

Von Christoph Paul Hartmann

Buchtipp

Elmar Nass: "Christliche KI-Ethik. Einführung in Grundlagen und Anwendung." Baden-Baden, 2026.