Synode tagte in Bonn

Alles noch offen: die alt-katholische Kirche vor der Bischofswahl

Veröffentlicht am 07.06.2026 um 10:00 Uhr – Von Felix Neumann – Lesedauer: 

Bonn ‐ Im Herbst wählt die Synode der alt-katholischen Kirche einen neuen Bischof. Das prägte die reguläre Synode, die am Wochenende tagte – das Wahlverfahren lässt Raum für viele Überraschungen.

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Die alt-katholische Kirche in Deutschland sucht ihren Bischof. Noch hat sie zwar einen. Doch bei der Eröffnungsmesse der Synode in der Namen-Jesu-Kirche in Bonn fehlte auch der amtierende. Statt Bischof Matthias Ring zog Generalvikarin Anja Goller in die Kathedrale des alt-katholischen Bistums ein: Ring konnte aufgrund einer kurzfristigen Erkrankung nicht an seiner letzten Synode teilnehmen, der er als Bischof vorstehen kann.

Bevor im Oktober sein Nachfolger gewählt wird, tagte die Synode, das höchste beschlussfassende Gremium der alt-katholischen Kirche in Deutschland, um neben viel Tagesgeschäft die Weichen für die Bischofswahl zu stellen. In ihrer Predigt zur Eröffnung betonte die Generalvikarin, dass die griechischen Begriffe "ekklesia", "Kirche", und Synode eigentlich das gleiche bedeuten: "Kirche ist synodal, oder sie ist nicht Kirche." Jesu Wirken sei synodale gewesen, indem er die Jüngerinnen und Jünger versammelte. Synodalität sei daher nicht nur ein Strukturprinzip der Kirche, sondern ihr Wesensmerkmal.

Die alt-katholische Generalvikarin Anja Goller feiert Messe in der Namen-Jesu-Kirche
Bild: ©Walter Jungbauer/Alt-Katholische Kirche

Die alt-katholische Generalvikarin Anja Goller feiert Messe in der Namen-Jesu-Kirche

Für die alt-katholische Kirche heißt dieses Wesensmerkmal zunächst: viel Arbeit. Als Synode, die tatsächlich und verbindlich entscheidet, muss sie viele eher bürokratische Entscheidungen treffen: Fragen zur Regelung von Brief- und Onlinewahlen, das Kilometergeld für Geistliche, der Bauerhaltungsfonds – ein prall gefülltes Antragsheft wartete auf die gut 125 Synodalen.

Strukturprozess widmet sich Professionalisierung

Inhaltliche Vergewisserungen über das Profil der Kirche, wie sie bei der vorigen Synode im Herbst 2024 in Mainz diskutiert wurden, standen nicht auf der Tagesordnung. Ein Antrag, einen Diskussionsprozess über das Wort "katholisch" im Glaubensprozess zu starten, wurde mit großer Mehrheit nicht angenommen – schließlich verwenden alle Kirchen, mit denen die alt-katholische Kirche in voller Gemeinschaft steht, bis hin zu den schwedischen Lutheranern, diese Formulierung im Credo und sprechen nicht von der "christlichen" Kirche wie in der evangelischen Kirche in Deutschland üblich.

Stattdessen berichtete die Synodalvertretung, die gemeinsam mit dem Bischof die Kirche zwischen den Synoden leitet, über den intensiven Strukturprozess der vergangenen Jahre. Drei Herausforderungen wurden zu Beginn des Prozesses ausgemacht: Ressourcen, Personalführung und Identität der Kirche. Vor allem die Ressourcen und die Personalführung waren im Fokus: Durch eine neue, zentrale Stelle für die Personalbetreuung und die Definition von Prozessen im Personalwesen will die alt-katholische Kirche künftig den Einsatz und die Begleitung ihres hauptberuflichen Personals professionalisieren. Wie andere Kirchen und die Gesellschaft insgesamt steht die alt-katholische Kirche vor großen Veränderungen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen. Mittelfristig fehlen auch in der alt-katholischen Kirche Geistliche.

Der wichtigste und kontroverseste Antrag, den die Synodalen zu beraten hatten, betraf eine Änderung der Wahlordnung: Die Gemeinde Karlsruhe hatte beantragt, die Wählbarkeitsvoraussetzungen für das Bischofsamt anzupassen. Bislang müssen Kandidatinnen und Kandidaten mindestens fünf Jahre lang in der alt-katholischen Seelsorge oder Lehre tätig sein, um zum Bischof gewählt werden zu können. Diese Voraussetzung sollte gestrichen werden. Der Antrag hatte keinen Erfolg.

Keine Änderungen bei den möglichen Bischofskandidaten

Mit der Abstimmung über die Wählbarkeitsvoraussetzungen ist damit klar, wer unter den alt-katholischen Geistlichen in Frage kommt – und wer nicht. Vor allem die beiden prominenten Übertritte der vergangenen Jahre wurden bisweilen als mögliche Bischöfe gehandelt. Mit dem Bleiben der Fünf-Jahres-Grenze kommen aber weder Andreas Sturm, der ehemalige Generalvikar des Bistums Speyer, noch Clemens Engels, ehemals Dekan im Dekanat Saarbrücken, in Frage. Ohnehin scheinen die Gedankenspiele eher theoretisch zu sein: Keiner der beiden lässt Ambitionen zur Kandidatur erkennen. Sturm wurde erst im Januar in den Gemeinden Singen und Sauldorf zum Pfarrer gewählt, Clemens Engels im Mai in Düsseldorf.

Pfarrer Walter Jungbauer in einer Kleingruppe bei der alt-katholischen Synode 2026
Pfarrer Robert Geßmann in einer Kleingruppe bei der alt-katholischen Synode 2026
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Ihren Hut in den Ring geworfen für die Ring-Nachfolge haben bislang zwei Priester: der Hamburger Pfarrer und Dekan des Nord-Dekanats Walter Jungbauer und der Dortmunder Pfarrer und kommissarischer NRW-Dekan Robert Geßmann. Beide sind Konvertiten aus der römisch-katholischen Kirche: Jungbauer lernte die alt-katholische Kirche während seines Theologie-Studiums in Bamberg kennen, Geßmann war vor seinem Übertritt Pastoralreferent im Erzbistum Freiburg. Als Pfarrer sind beide auch Mitglied der Synode.

Eine Richtungsentscheidung scheint die Wahl zwischen den beiden nicht zu werden. Konflikte über die Ausrichtung der Kirche, theologische Dissense oder persönlichen Zwist prägen das alt-katholische Bistum derzeit nicht. Anders als in den Synoden der evangelischen Kirchen gibt es in der alt-katholischen Kirche keine mehr oder weniger formellen "Gesprächskreise", in denen sich die unterschiedlichen kirchenpolitischen und spirituellen Richtungen organisieren und ihr Stimmverhalten koordinieren. Anders als in der anglikanischen Kirche gibt es keine Spaltungen innerhalb der alt-katholischen Kirche, entlang derer sich Mehrheiten auf Synoden organisieren.

Beide Kandidaten sind in ihren Pfarreien geschätzte Pfarrer. Geßmann ist über seine Pfarrei hinaus vor allen den Absolventen des alt-katholischen Seminar der Universität Bonn bekannt, wo er Kirchenrecht lehrt. Jungbauer ist für die Öffentlichkeitsarbeit und die internationalen Hilfsprojekte des Bistums zuständig. Auf den Fluren vor der Synodenaula ist kein Wahlkampf zu vernehmen, weder von den Kandidaten noch von den Synodalen. Die meisten finden wertschätzende Worte für beide. Wenn Unzufriedenheit geäußert wird, dann vor allem, dass keine der Pfarrerinnen zur Kandidatur bereit war.

Nicht für alle passt der Zeitpunkt des Bischofsrücktritt

Wie die Wahl im Oktober ausgehen wird, scheint daher völlig offen: Das scheint Konsens zu sein unter den Synodalen, die die Zukunft ihrer Kirche beim Kaffee in den Pausen besprechen. Viele rechnen auch noch mit Überraschungen: Das Wahlverfahren sieht keine Fristen für die Erklärung einer Kandidatur vor und kennt im Übrigen auch gar keine formalen Kandidaturen. Es ist möglich, dass bis zum Herbst noch weitere Kandidaten gibt. Auch während der Wahlsynode ist noch alles offen: Die Synodalen können jeden wählbaren Geistlichen auf ihren Wahlzettel schreiben. Es können sich also jederzeit Überraschungskandidaten – überraschend auch für die Kandidaten selbst – ergeben.

Mit 63 Jahren geht Bischof Ring früh in den Ruhestand; Hintergrund ist auch seine Gesundheit. Das führt zum einen dazu, dass die turnusgemäß auf dieser Synode für vier Jahre gewählte Synodalvertretung nicht weiß, mit welchem Bischof sie ab Herbst zusammenarbeiten wird. Für einige mögliche Kandidaten könnte der frühe Ruhestand auch ein Grund dafür gewesen sein, dass sie in diesem Jahr für die Nachfolge nicht zur Verfügung stehen: nicht nur einer berichtete von grundsätzlichem Interesse, aber nicht jetzt. Im Gespräch mit einigen Geistlichen, die in der alt-katholischen Kirche profiliert sind, ähneln sich die Gründe für Absagen: Ein Umzug nach Bonn, wo der Bischof seinen Amtssitz hat, passe nicht in der aktuellen Familienphase. Die Arbeit als Pfarrer, als Pfarrerin in der Seelsorge sei zu erfüllend, um sie gegen ein zum einen repräsentatives, zum anderen verwaltendes Amt einzutauschen.

Der emeritierte alt-katholische Erzbischof von Utrecht, Joris Vercammen
Bild: ©fxn/katholisch.de

Der emeritierte alt-katholische Erzbischof von Utrecht, Joris Vercammen.

Das Prozedere für die Kandidatur sieht so aus, dass in der Runde der Geistlichen die Wählbaren rechtzeitig vor der Wahl erklären, ob sie eine Wahl annehmen würden. Dem Vernehmen nach soll es bei der diesjährigen Runde eine Vielzahl von Geistlichen gegeben haben, die sich noch Bedenkzeit erbeten haben, so dass sich die Veröffentlichung der beiden Namen der zur Kandidatur bereiten Pfarrer hinausgezögert hatte.

Geistlicher Prozess bewegt die Synodalen

Neue Impulse für den Weg bis zur Wahl kamen aus den Niederlanden: Der emeritierte Utrechter Erzbischof Joris Vercammen gestaltete mit den Synodalen einen Vormittag der geistlichen Vorbereitung auf die Wahl. "Eine Wahl ist nicht nur rein ein Ergebnis der Logik der Analyse", betonte er: "Wahlen haben irrationale Komponenten: Gefühle spielen eine Rolle." Gemeinsam mit den Synodalen näherte er sich daher der Wahl als Prozess des Gebets und der Unterscheidung. Unter Rückgriff auf die benediktinische Tradition der Abtswahl und der jesuitischen Kunst der Unterscheidung stellte Vercammen fest, dass Wahlen in der Kirche weniger eine politische Entscheidungsfindung darstellten als das Finden des Heiligen Geistes. "In unserer Entscheidung entdecken wir, was der Heilige Geist vielleicht schon wusste", erklärte er. Die Kirche sei daher keine Demokratie: "Die Kirche ist Gemeinschaft, communio."

Bei der Entscheidung gehört es für den emeritierten Erzbischof daher dazu, im Gebet die Wahlmöglichkeiten zu prüfen, nicht vorschnell Kandidaten zu verwerfen und sich auf den Wahlvorgang als offenen Prozess einzulassen. In Kleingruppen tauschten sich die Synodalen darüber aus, was sie von ihrem Bischof erwarten – und welche Absichten sie mit ihren Erwartungen verbinden. Am Ende stand ein "Zuhörgespräch": Alle Synodale teilten den anderen Mitgliedern ihrer Kleingruppe mit, was sie im geistlichen Prozess gelernt hatten, ohne dass das noch einmal kommentiert wurde.

Der geistliche Prozess scheint einige Früchte getragen zu haben: Waren vorher vor allem formale Fragen auf den Fluren zu hören, wurde diskutiert, ob mit den beiden Kandidaten zwar keine Richtungsentscheidung, aber eine strategische Entscheidung getroffen werde – Jungbauer ist Jahrgang 1965, Geßmann 1975, so dass auch unterschiedlich lange Amtszeiten bis zum Ruhestand zur Wahl stehen –, änderten sich die Gespräche nach Vercammens Impulsen. Das Gebet und der geistliche Dialog scheint in einigen Synodalen etwas bewegt zu haben – die Wahl im Oktober scheint noch etwas offener als zuvor.

Von Felix Neumann

Die alt-katholische Kirche

Die Synode des Bistums der Alt-Katholiken ist das höchste beschlussfassende Gremium der alt-katholischen Kirche in Deutschland. Sie tagte von Donnerstag bis Sonntag in Bonn.

Die alt-katholische Kirche in Deutschland entstand in den 1870er-Jahren in Abgrenzung zu den Beschlüssen des Ersten Vatikanischen Konzils (1869-1870) zur Unfehlbarkeit und zum Jurisdiktionsprimat des Papstes. Zum deutschen Bistum gehören knapp 16.000 Mitglieder in 60 Pfarrgemeinden. Seit 2009 steht Matthias Ring dem Bistum als zehnter Bischof vor. Die Kirchenordnung der alt-katholischen Kirche ist bischöflich-synodal: Der von der Synode gewählte Bischof leitet gemeinsam mit einer von Geistlichen und Laien gebildeten Synodalvertretung die Kirche.