Denkzettel gegen Muster des Missbrauchs

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Neulich bin ich bei Ausführungen von Ute Leimgruber zur Frage nach verborgenen Mustern des Missbrauchs auf den mir bisher unbekannten Begriff "Agnogenesis" gestoßen. Er steht im Zusammenhang mit Aspekten wie Ignoranz und Vertuschung seitens Verantwortlicher im System der katholischen Kirche, aber er meint mehr. Es geht um Entstehung und Mechanismen absichtlich produzierten Nichtwissens. Konkret wird aufgezeigt, wie so sexueller Missbrauch an Frauen in der Kirche ermöglicht und vertuscht wurde und wird.
Absichtlich produziertes Nichtwissen ist eine Strategie, die in traditionalistischen und charismatischen Kontexten gerne missionarisch genutzt wird. Da wird die katholische Lehre als gottgewollt absolut gesetzt, ohne nüchtern den historischen Entstehungsprozess offenzulegen. Es werden Inszenierungsmöglichkeiten praktiziert, die auch bei Konzerten und Sportveranstaltungen begeisternd "wirken", um angebliche Gotteserfahrungen zu kreieren. Oder es werden von Reporterinnen eines katholischen Senders "freundlich-interessiert" Fragen gestellt, um im Nachhinein zu kommentieren, dass die Interviewten gegen die Lehre der katholischen Kirche verstoßen – so geschehen beim Katholikentag. Manch ein Bischof gibt solchen Medien gerne ein Interview oder lässt sich in dazu passende evangelisierende Aktivitäten einbeziehen. Wissen diese Bischöfe nicht um die Gefahr spiritueller Manipulation und um den Schmerz davon Betroffener, oder betrachten sie diese Richtungen gar als erstrebenswertes Modell der Mitgliedergewinnung und -bindung?
Ein Andenken an den Katholikentag hängt bei mir daheim: Das Plakat zur Aktion "Schmerzpunkt", durch die an vielen Orten in Würzburg auf Missbrauch in der Kirche aufmerksam gemacht wurde. Die Rede von Kai Christian Moritz anlässlich der Eröffnung dieser Ausstellung ist beeindruckend und man kann sie bei Feinschwarz nachlesen. Das Plakat "Schmerzpunkt" kann man bestellen und wo auch immer als "Denkzettel" aufhängen. Konkrete Assoziationen dazu können vielfältig sein. Das Erkennen und Reflektieren verborgener Muster, wie der Strategie absichtlich produzierten Nichtwissens, kann eine Variante des Betrachtens sein. Und dies in der Haltung, die K. Ch. Moritz empfiehlt: "Hier tut es weh."
Die Autorin
Regina Nagel ist Religionspädagogin, Wirtschaftspsychologin und Autorin. Sie studiert derzeit Geschichte Europas an der FernUniversität Hagen und engagiert sich bei den Omas gegen Rechts Deutschland e.V.
Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.