Drei Kategorien "vulneranter" Theologien

Leimgruber: Auch Theologie trägt Verantwortung für Missbrauch

Veröffentlicht am 28.01.2026 um 14:07 Uhr – Lesedauer: 

Bonn ‐ Die Theologie sei nicht jenseits von Missbrauch zu verorten, sondern eng mit ihm verwoben, analysiert Pastoraltheologin Ute Leimgruber. Sie macht drei Arten von Theologie aus, die verwunden können.

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Die Regensburger Pastoraltheologin Ute Leimgruber sieht die Theologie eng mit dem Missbrauch in der katholischen Kirche verwoben. "Theologie ist nicht einfach jenseits des Missbrauchs zu verorten, als wäre sie eine reine, unberührte Sphäre, die mit dem Missbrauch nichts zu tun hätte. Im Gegenteil: Theologie ist Teil der Missbrauchstaten", schreibt Leimgruber in der "Zeitschrift für Pastoraltheologie". Die Theologie spiele "eine aktive Rolle im Missbrauchs- und Vertuschungssystem Kirche".

Aus dieser Erkenntnis müsse die Disziplin Konsequenzen ziehen – und sich neu aufstellen: "Die Theologie im Wissen um den Missbrauch wird eine andere sein müssen", fordert Leimgruber. Sie müsse das eigene missbräuchliche Potential kennen, reflektieren und verantwortungsvoll damit umgehen. Auch in der theologischen Ausbildung und der pastoralen Praxis müsse das Wissen um die potentielle Gefährlichkeit von Theologien tief verankert werden. Dazu gehöre auch eine entsprechend sensible Verkündigung. Für ihre Analyse nutzt Leimgruber den Begriff der "Vulneranz", der beschreiben soll, wie Strukturen aktiv verletzend, gefährlich oder verwundend sein können – anders als der eher passive Begriff der "Vulnerabilität" oder Verletzlichkeit. Konkret sieht die Theologin drei verschiedene Typen "vulneranter" Theologien, die in Texten, Traditionen und Motiven aktiv zu Verletzungen ihrer Rezipienten führen können.

Zum einen nennt sie die "instrumentalisierten Motive". Hierunter fasst Leimgruber theologische Inhalte zusammen, die an sich nicht verletzend sind, aber von Missbrauchstätern und -täterinnen bewusst für ihre Zwecke instrumentalisiert werden können. Als Beispiel nennt sie die Rede von Gottes Liebe und Barmherzigkeit: "Immer wieder lässt sich beobachten, wie missbrauchendes sexuelles Verhalten als Liebe deklariert und diese strategisch mit der Liebe Gottes verbunden wird", so Leimgruber. Orte des Missbrauchs seien oft Seelsorge, Geistliche Begleitung oder die Sakramentenpastoral.

Klerikalismus als verletzende Theologie

Den zweiten Bereich fasst Leimgruber als "inhärent gefährliche Theologien" zusammen. Hierunter versteht sie theologische Motive und Traditionen, bei denen es Täterinnen und Tätern leichtfalle, an bereits vorhandene vulnerante Strukturen anzuknüpfen. Ein Beispiel seien Leidens- und Sühnetheologien. Bibelstellen, an denen Gott den Menschen viel zumute, könnten als Rechtfertigung für den Missbrauch und das daraus entstehendes Leid herhalten. Abraham etwa sollte auf Gottes Befehl seinen Sohn Isaak töten, Hiob wurde buchstäblich alles genommen. "Wo Betroffene Gewalt, Leiden, Verletzungen erleben, werden die Erfahrungen als Ausdruck göttlicher 'Prüfung', 'Berufung' oder gar als 'göttliches Geschenk' theologisch umgedeutet", so Leimgruber. Solche theologischen Motive seien oft so selbstverständlich und weitverbreitet, dass es schwerfalle, ihr missbräuchliches Potential zu erkennen.

Die dritte Gruppe vulneranter Theologien fasst Leimgruber unter dem Begriff "viktimisierende Logiken" zusammen. Darunter versteht sie "Theologien, die unweigerlich verletzend sind – jenseits der Instrumentalisierung durch konkrete Personen". Beispiele sind für Leimgruber der Klerikalismus, der eine "Basisdifferenz" aufmache zwischen Laien und Geweihten, sowie die Diskriminierung von Frauen und queeren Menschen, die theologisch mit dem Willen Gottes legitimiert würde.

"Nicht jede Theologie ist aus sich heraus gefährlich – aber jede kann es unter bestimmten Umständen werden", lautet Leimgrubers Fazit ihrer Typologie. Als Konsequenz schlägt sie eine "Vulneranz-Hermeneutik" vor, einen "Ansatz zur Analyse theologischer Traditionen, der systematisch nach deren Verletzungspotenzial fragt". So könnten theologische Texte, Aussagen und Praktiken anhand bestimmter Kriterien auf ihr Verletzungspotential untersucht werden. (gho)