Filippo Sorcinelli schneidert Gewänder für Päpste
Am Ende des Treppenaufgangs strahlt ein grünes Gewand. Die gesichtslose Puppe, die es trägt, streckt die Hände einladend auf Taillenhöhe vor den Körper. Auf dem Kopf der Puppe sitzt eine weiße Mitra, eine Bischofsmütze, mit goldenen Ornamenten. "Es handelt sich um die Gewänder, die Papst Benedikt XVI. während seines Besuchs in Prag getragen hat", erklärt Filippo Sorcinelli.
Ende August 2009 war der damalige Papst in die Tschechische Republik gereist. Mit im Gepäck: die Werke aus dem Atelier Sorcinellis. Das liegt mitten in der Altstadt von Santarcangelo di Romagna, einer Kleinstadt unweit der Adriaküste. Von außen wirkt das Gebäude unscheinbar. Drinnen entstehen Gewänder für Kardinäle, Bischöfe – und eben auch für Päpste.
Benedikt XVI., Franziskus und der aktuelle Papst, Leo XIV., sie alle trugen und tragen, was Sorcinelli schneidert. Die weiße Mitra, die Papst Franziskus bei seiner Beisetzung trug, stammte zum Beispiel ebenfalls aus Sorcinellis Atelier.
Berufswunsch: Priester
Eigentlich, erzählt der 50-Jährige, habe er Priester werden wollen. Sorcinelli stammt aus Mondolfo in den Marken. Seine Mutter engagierte sich in der Kirche, er selbst war schon als Kind fasziniert von liturgischen Räumen, vom Klang der Orgeln, vom Weihrauch und den Farben der Messgewänder. Er studierte Kunst und Kirchenmusik, arbeitete als Organist und beschäftigte sich intensiv mit sakraler Ästhetik.
Am Ende wurde die Schneiderei zu seiner Form des Diensts, sagt Sorcinelli. Als 2001 ein Freund ihn bat, ein Gewand für dessen Priesterweihe zu entwerfen, entstand die Idee für das Atelier LAVS –"Laboratorio Atelier Vesti Sacre". Liest man den Firmennamen als lateinische Großbuchstaben, steht "laus" für "Lob".
Aus dem kleinen Projekt wurde innerhalb weniger Jahre eine international bekannte Werkstatt für liturgische Kleidung. Nicht nur Päpste, auch Geistliche weltweit bestellen bei Sorcinelli ihre Gewänder. Hunderte seien es pro Jahr, eine genaue Zahl kann der Schneider nicht nennen.
Ein Blick in Sorcinellis Kollektion.
An schlichten Kleiderstangen hängen im Atelier in Santarcangelo Kaseln, also liturgische Obergewänder, die Priester und Bischöfe während der Feier der heiligen Messe tragen, in Weiß, Purpur, Grün und Gold. Manche sind streng geometrisch gearbeitet, andere zieren aufwendige Ornamente. An einem Tisch mit Garnrollen, Scheren und Perlen sitzen vier Mitarbeiterinnen und nähen Verzierungen an einzelne Stücke.
"Die Liturgie besteht aus Symbolen, die sofort erkennbar sein müssen", sagt Sorcinelli. Er zieht einen Vergleich zur Krone des britischen Königshauses und dem, was der Anblick in vielen Engländern auslöst. "Das ist schwer zu erklären", sagt er. "Alles, jedes Ereignis, jeder Vertreter bestimmter Institutionen hat eine Form, muss ein Hauptmerkmal haben, denn er muss in erster Linie an der Rolle, die er innehat, erkennbar sein." Das sei das Wichtigste, ob nun beim Papst oder beim General einer Armee. Diese Gewänder, "das ist die Uniform der katholischen Kirche".
Daher, sagt Sorcinelli, könne man auch nicht vom Geschmack eines bestimmten Papstes sprechen: "Es ist der Strom der Tradition, der die Geschichte der Kirche prägt, es gibt keinen bestimmten Kleidungsstil eines Papstes." Zum aktuellen Papst Leo XIV., der seit dem 8. Mai vergangenen Jahres im Amt ist, kann der Schneider dann aber doch etwas sagen, was den gebürtigen US-Amerikaner ausmacht.
Wieder mit Wappen
Um die Weihnachtszeit herum sei sein Atelier beauftragt worden, die päpstliche Schärpe für das Alltagsgewand anzufertigen, die bei Papst Leo nun wieder, anders als bei Papst Franziskus, ganz besonders verziert ist. "Nach 13 Jahren – endlich, wage ich zu sagen – hat der Papst wieder begonnen, sein persönliches Wappen auf der Schärpe zu tragen." Das sei aber keine "persönliche Marotte" von Robert Francis Prevost, sondern schlicht Tradition.
Bei einer Schärpe dürfte es bei der Passform einfach sein, aber wie kreiert man ein Gewand für den Papst? Die Kommunikation läuft über das Amt für liturgische Feiern des Papstes im Vatikan. "Dem Heiligen Vater werden also keine Maße abgenommen, sondern das Büro gibt uns Anweisungen, auch auf der Grundlage dessen, was er zuvor getragen hat, und damit arbeiten wir", erläutert der Schneider.
Sorcinelli ist es wichtig, etwas immer wieder klarzustellen: "Die Kirche besteht aus Traditionen, sie würde ohne ihre Wurzeln nicht existieren." Bei den Gewändern, die er herstelle, handele es sich nicht um Dinge des Papstes, sondern um Dinge für den Papst. Das sei ein großer Unterschied. "Der Papst muss sich wie ein Papst kleiden." Das sei keine Frage des persönlichen Geschmacks.
