Standpunkt

Gott segne die FIFA

Veröffentlicht am 12.06.2026 um 00:01 Uhr – Von Peter Otten – Lesedauer: 

Köln ‐ Korruption, Vermarktung, FIFA: Es gibt viele Gründe, dem modernen Fußball den Rücken zu kehren. Und trotzdem fasziniert das Spiel bis heute, gerade auch bei der WM. Das hat konkrete Gründe, kommentiert Peter Otten.

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Man kann heute sehr gute Gründe haben, dem Fußball den Rücken zu kehren. Und der Fußball-WM, die gestern in den USA, in Mexiko und Kanada begonnen hat erst recht. Die Milliarden. Die Korruption. Erfundene Friedenspokale, die aussehen wie das Getriebe eines gestrandeten UFOs. Die Vermarktung. Die Sponsoren. FIFA-Boss Gianni Infantino. Diese Kritik wird auch von kirchlichen Stimmen immer wieder formuliert. Vollkommen zurecht. Zugleich bleibt die Frage: Warum lieben Menschen dieses Spiel trotzdem?

Vielleicht, weil Fußball etwas lehrt, was in unserer vernünftigen, optimierten und digitalisierten Welt selten geworden ist: Hoffnung wider alle Hoffnung. Denn wer in ein Stadion geht, weiß nicht, wie es am Ende ausgeht. Algorithmen berechnen Wahrscheinlichkeiten, Navigationsgeräte kennen den Weg, Streamingdienste wissen vor uns selbst, was wir gucken wollen. Nur der Fußball besitzt die Frechheit, sich nicht berechnen zu lassen. Der Tabellenletzte schlägt den Ersten. Es gibt die Wembley-Tore. Und in der Mitte müsste Rahn schießen.

In der Bibel gibt es erstaunlich viele Geschichten dieser Art. David gegen Goliath. Mose gegen den Pharao. Die Bibel liebt Außenseiter. Der Fußball auch, immer noch. Wenn der Kleine gewinnen könnte, dann ist die Welt noch nicht vollständig den Mächtigen überlassen. Philosophen sinnieren über "kollektive Identität". Wir schreien: "Wir haben gewonnen!" Obwohl wir in Wirklichkeit mit einem Plastikbecher voll Bier auf der Tribüne gesessen haben. Unser "wir" ist eine kleine Revolte gegen den Egoismus. Für 90 Minuten gehören Menschen zusammen, die sonst nie miteinander reden würden.

Natürlich verkauft der Fußball seine Seele. Aber die Seele des Spiels sitzt ohnehin nicht in den VIP-Logen. Sie sitzt auf regennassen Sportplätzen, in überfüllten Kneipen, auf staubigen Bolzplätzen und auf den Tribünen, auf denen Menschen für einen Moment vergessen, wie kompliziert die Welt ist. Dort, wo ein Kind einem Ball hinterherläuft, ohne an Geld, Macht oder Vermarktung zu denken. Unsere Tipprunde zur WM heißt aus guten Gründen "Gott segne die FIFA". Und "Infantino" heißt auf Deutsch so etwas wie "das Kleinkind". Es ist also noch nicht alles verloren.

Von Peter Otten

Der Autor

Peter Otten ist Pastoralreferent in der Pfarrgemeinde St. Agnes in Köln. Seit einigen Jahren bloggt er unter www.theosalon.de.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.