Theologe zum Start der WM: Der Fußball verkauft seine Seele
Gigantismus, grenzenlose Kommerzialisierung, politische Instrumentalisierung – und ein Ausrichterland, das in einem Krieg verwickelt ist. Erneut scheint die Fußballweltmeisterschaft der Männer unter keinem guten Stern zu stehen. Das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko wird mit 104 Spielen zwar so groß wie noch nie sein. Doch das und besonders die Begleiterscheinungen lassen bei vielen Fans nicht wirklich Euphorie aufkommen. Der Grazer Theologe und Professor für Ethik und Gesellschaftslehre, Thomas Gremsl, ist als Schiedsrichterbeobachter und ehemaliger Schiedsrichter ein aufmerksamer Beobachter der Fußballwelt und beschäftigt sich auch wissenschaftlich mit ihr. Vor dem Eröffnungsspiel am Donnerstag erklärt er im katholisch.de-Interview, wie er auf die WM, den Fußball-Weltverband FIFA und die Entwicklung des Geschäfts blickt. Und warum Fans, Spieler und Verbände gleichermaßen in der Pflicht stehen, wenn man Veränderungen erreichen will.
Frage: Herr Gremsl, wenn Sie persönlich auf den Beginn der WM blicken: Überwiegt bei Ihnen Vorfreude oder Skepsis?
Gremsl: Ganz klar Skepsis. Ich habe bislang auch kein wirkliches Turnier-Feeling entwickelt – obwohl es für Österreich die erste Teilnahme seit 1998 ist. Aber aufgrund von zahlreichen politischen, sozioökonomischen und ethischen Problematiken empfinde ich kaum sportliche Begeisterung.
Frage: So scheint es vielen Fußball-Fans zu gehen. Was sind Ihre Hauptkritikpunkte?
Gremsl: Wenn ich generell auf den Weltverband FIFA schaue: Die WM in Katar 2022 ist für mich nicht aufgearbeitet. Viele Versprechen – etwa zu Nachhaltigkeit und langfristiger Nutzung der Stadien – wurden nicht eingelöst. Ähnliche Versprechungen gibt es auch jetzt. Gleichzeitig werfen die nächsten Turniere – 2030 auf drei Kontinenten und 2034 in Saudi-Arabien – bereits ihre Schatten voraus. Der Fußball verkauft sich. Der "Spirit of the Game" – Fairness, Integrität, Respekt – wird hier meines Erachtens von vielen relevanten Akteuren torpediert. Diese ganze Farce zeigt sich besonders eindrücklich an der Vergabe des extra für ihn eingeführten FIFA-Friedenspreises an Donald Trump. Einerseits biedert sich die FIFA auf äußerst fragwürdige Weise an politische Verantwortungsträger an – andererseits sagt sie, sie sei politisch neutral. Das gilt offenbar nur in jenen Kontexten, in denen sie davon profitiert. Gelebte Doppelmoral, sozusagen.
Thomas Gremsl ist Professor für Ethik und Gesellschaftslehre an der Theologischen Fakultät der Universität Graz. Eines seiner Forschungsgebiete ist Sportethik – mit besonderem Augenmerk auf Fußball
Frage: Wo sehen Sie bei der anstehenden WM die größten sozialen und moralischen Problemfelder?
Gremsl: Wenn ich auf die USA blicke, frage ich mich: Wer kann sich Tickets überhaupt noch leisten? Dazu kommen die weiten Entfernungen zwischen den Spielorten. In Mexiko gibt es große Probleme mit der Wasserversorgung. Für einen Stadionbau wurde eine Wasserleitung von der lokalen Bevölkerung abgekoppelt. Der Zugang zu Wasser ist ein Menschenrecht – das wird hier mit Füßen getreten. Die FIFA hatte zudem angekündigt, private Wasserflaschen im Stadion zu verbieten, ist mittlerweile aber zurückgerudert. Das ist alles moralisch höchst verwerflich. Und das sind durchaus rote Linien, die hier überschritten wurden und werden.
Frage: Schauen wir auf die sportliche Ebene: Erstmals nehmen 48 Teams an der Weltmeisterschaft teil. Befürworter sagen: So haben kleinere Nationen bessere Chancen, dabei zu sein. Lassen Sie dieses Argument gelten?
Gremsl: Nur bedingt. Man muss sich entscheiden, was eine Weltmeisterschaft sein soll: ein globales Partizipationsfestival oder eine sportliche Bestenauslese. Wenn man Ersteres will, kann man gleich alle teilnehmen lassen. Der "Spirit of the Game" würde aber erfordern, dass eine Teilnahme sportlich erarbeitet werden muss. Selbst wenn sich die teilnehmenden Nationen ihren Platz immer noch erspielen mussten: Man macht kaum einen Hehl daraus, dass diese Aufstockung vor allem ökonomischen Interessen dient: mehr Spiele, mehr Vermarktung, mehr Einnahmen.
Frage: Viele sehen in dieser Aufstockung ein Symptom des zunehmenden Gigantismus in Fußballgeschäft. Gibt es moralische Grenzen?
Gremsl: Ich spreche hier ungern von "Grenzen", weil wir dazu neigen, diese immer weiter – nach unten – zu verschieben. Entscheidender ist die Frage nach dem rechten Maß. Was braucht der Fußball wirklich? Und was verträgt er – ökonomisch, ökologisch, sozial, sportlich? Wir erleben eine Vertauschung von Zweck und Mittel. Der Fußball sollte Selbstzweck sein: Die Freude am Spiel sollte im Vordergrund stehen. Stattdessen wird er zunehmend Mittel für wirtschaftliche und politische Interessen. Das widerspricht dem Ethos des Sports.
Der FIFA-Friedenspreis an US-Präsident Trump? "Einerseits biedert sich die FIFA auf äußerst fragwürdige Weise an politische Verantwortungsträger an – andererseits sagt sie, sie sei politisch neutral. Das gilt offenbar nur in jenen Kontexten, in denen sie davon profitiert", sagt Thomas Gremsl.
Frage: Was wäre das rechte Maß?
Gremsl: Als Sozialethiker würde ich sagen: Das müssen wir subsidiär betrachten. Im Weltfußball gibt es unterschiedliche Ebenen, auf denen die Frage nach dem rechten Maß berücksichtigt werden muss. Und dabei stellt sich immer die Frage, wie Verantwortung auf den jeweiligen Ebenen gut gelebt werden kann. Das beginnt etwa schon im Kinder- und Jugendbereich, wo es nicht nur thematisiert, sondern aktiv im Handeln berücksichtigt werden soll. Diese Frage gilt es dann auch im Amateur- und Profibereich zu stellen – und sowohl im Bereich der nationalen wie kontinentalen Verbände bis hin zur FIFA bei wichtigen Entscheidungen miteinzubeziehen.
Frage: Wenn wir über das rechte Maß sprechen, müssen wir auch die zunehmende Übersättigung thematisieren: Viele Fans haben den Eindruck, dass so eine WM heute gar nichts Besonderes mehr ist, weil es immer mehr Wettbewerbe und damit generell immer mehr Spiele gibt.
Gremsl: Früher war eine WM ein Ausnahmeereignis. Heute läuft ständig irgendwo Fußball. Das relativiert die Einzigartigkeit und raubt einem auch die Lust. Ich sehe das bei mir selbst. Man müsste vor diesem Hintergrund einmal untersuchen, welche guten Gründe für diese Entwicklung sprechen und welche dagegen. Wenn es tatsächlich um die Einzigartigkeit gehen würde, müsste man das Gut eigentlich knapp halten. Dazu kommt: Mit immer mehr fußballerischen Großevents werden auch die einzelnen Erfolge sukzessive relativiert. Sind sie dann noch etwas Besonderes, wenn ich unzählige Möglichkeiten habe, einen Titel zu erringen?
Frage: Russland 2018, Katar 2022 – und 2034 Saudi-Arabien: Für die FIFA scheinen ethische Maßstäbe bei WM-Vergaben keine Rolle mehr zu spielen. Gleichzeitig können sich demokratische Staaten kaum noch eine Austragung leisten – und die Gastgeberländer instrumentalisieren das Turnier politisch. Was macht man mit so einem Weltverband?
Gremsl: Die FIFA agiert nicht im luftleeren Raum. Sie hat sich diese Machtposition geschaffen. Die hat sie so lange, wie nationale und kontinentale Verbände diese Struktur mittragen. Jeder Nationalverband will am Turnier teilnehmen, da geht es ums Prestige. Aber man sollte sich schon fragen: Wie weit geht meine Verantwortung den Spielern gegenüber, das zu ermöglichen – und wie weit geht meine gesellschaftspolitische Verantwortung, das zu unterstützen? Da wünsche ich mir mehr Aktivität der nationalen Verbände. Reformdruck muss auch von diesen kommen. Wenn die FIFA nicht reformierbar ist, müsste man sogar über strukturelle Alternativen nachdenken. Die müssten natürlich breit mitgetragen werden. Die UEFA, der europäische Fußballverband etwa, kritisiert immer wieder den Weltverband, traut sich aber am Ende doch nicht, das System insgesamt infrage zu stellen.
Nicht nur Katar zeigt: Ethische Maßstäbe spielen bei WM-Vergaben keine Rolle mehr. "Wenn die FIFA nicht reformierbar ist, müsste man sogar über strukturelle Alternativen nachdenken", sagt Thomas Gremsl.
Frage: Sollten sich auch Spieler kritisch äußern?
Gremsl: Ja. Wer vom System Fußball profitiert, trägt auch eine gewisse Verantwortung für dessen Weiterentwicklung. Nehmen wir den Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, Joshua Kimmich, als Beispiel. Er wollte sich zu den politischen Rahmenbedingungen bei dieser WM nicht äußern. In der Corona-Debatte hat er sich als Person des öffentlichen Interesses aber zu Wort gemeldet – zu einem Feld, in dem er keine besondere fachliche Expertise hatte. Wenn es jedoch um Missstände im eigenen System geht, beruft er sich auf Nicht-Zuständigkeit. Das kann man aus meiner Sicht so nicht gelten lassen. Spieler können sich da nicht aus der Verantwortung stehlen. Gleichzeitig ist es ein Problem, wenn das nur einzelne Persönlichkeiten tun. Es muss auf allen Ebenen geschehen.
Frage: Vieles im Fußballgeschäft ist ja nur deshalb möglich, weil der Fan es irgendwie hinnimmt. Er ist am Schluss derjenige, der dennoch das Geld für die Tickets oder die Abos im Pay-TV aufbringt. Wie sähe ein verantwortungsbewusstes Fan-Sein aus?
Gremsl: Als Fan sollte ich bewusst konsumieren. Man kann durchaus einzelne Spiele verfolgen, aber zugleich eine kritische Grundhaltung zum entsprechenden Turnier einnehmen. Man identifiziert sich ja mit der Nationalmannschaft, und man soll auch Freude daran haben. Gleichzeitig ist es wichtig, in seinem persönlichen Umfeld in Interaktion mit anderen Fans zu treten. Ich kann Diskussionen führen, Druck auf Verbände ausüben oder meinen Konsum verweigern. Wir müssen weg von einem Fatalismus nach dem Motto: "Naja, das Geschäft ist halt so." Wir brauchen eine aktivere Haltung. Wir dürfen nicht nur punktuell vor Turnieren empört sein und dazwischen schweigen. Man muss informiert bleiben hinsichtlich der Dynamiken und Kante zeigen: Das Thema WM in Saudi-Arabien 2034 sollte nicht wieder ein paar Jahre liegen bleiben. Da gibt es eine Verantwortung, diesen kritischen Diskurs zu befeuern.
Frage: Der "Spirit of the Game", den sie betonen, leidet unter diesen Entwicklungen. Wie kann er erhalten werden?
Gremsl: Vielleicht müssen wir ihn weniger erhalten als neu kultivieren. Der Geist des Spiels muss auf allen Ebenen gelebt werden. Fußball verbindet Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Diese Kraft darf man nicht unterschätzen. Wenn man da in seinem Wirkungsbereich einen kleinen Beitrag leistet, beispielsweise als Verantwortlicher auf Vereinsebene im Amateurbereich, kann man vielleicht ein Umdenken bei anderen bewirken. Und letztlich darf nicht außer Acht gelassen werden, dass vor allem die nationalen und kontinentalen Verbändewie auch die Proficlubs ihrer Verantwortung zur Gestaltung des Fußballs und seiner Strukturen im Sinne des "Spirits of the Game" nachkommen müssen. Und natürlich gilt: die Freude am Spiel an sich nicht als hauptsächliches Ziel aus den Augen zu verlieren.
