Burger und Welskop-Deffaa: Caritas wichtiger Akteur in Armenien

Die katholische Kirche in Armenien ist eine kleine Minderheit. Dennoch gibt es – auch mit deutscher Hilfe – seit Jahrzehnten zahlreiche Sozial- und Hilfsprojekte der Caritas Armenien. Die deutsche Caritaspräsidentin Eva Maria Welskop-Deffaa und Caritas-Bischof Stephan Burger berichten im Interview von ihren Projektbesuchen in Armenien in den vergangenen Tagen unmittelbar nach den wichtigen Parlamentswahlen. Sie waren mit einer Delegation (siehe Foto) der Kommission für caritative Fragen der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in das Land gereist.
Frage: Die katholische Kirche in Deutschland unterstützt seit genau 30 Jahren soziale und humanitäre Projekte in Armenien. Welche Initiativen haben Sie bei Ihrer Reise durchs Land jetzt als besonders erfolgreich und eindrücklich erlebt?
Burger: Wir konnten zum Beispiel sehen, wie viel die Caritas Armenien in ihrer Unterstützung für die Menschen leistet, die 2023 aus Berg-Karabach fliehen mussten, weil die ehemals armenische Region von Aserbaidschan besetzt wurde. Hier ist viel erreicht. Gleichzeitig wollen wir diese Projekte weiter unterstützen, um den Vertriebenen beim Aufbau einer dauerhaften Existenz zu helfen. Wichtig ist auch, mehr Wohnraum zu schaffen. Zu erleben, mit wie viel Engagement und Mut die Menschen ihre nicht einfache Lage meistern und für eine bessere Zukunft arbeiten, das ist beeindruckend.
Welskop-Deffaa: Zugleich haben unsere Partner deutlich gemacht, dass Programme auch für die armenische Aufnahmegesellschaft offen sind, damit nicht der Eindruck entsteht, dass Flüchtlinge gegenüber dem Rest der Bevölkerung bevorzugt werden. Diese hohe Sensibilität für Gerechtigkeit hat mir sehr imponiert.
Frage: Sie haben auch einen ambulanten Pflegedienst bei Hausbesuchen begleitet. Gibt es in Armenien ähnliche Herausforderungen wie in Deutschland?
Welskop-Deffaa: Es ist ganz klar: Der demografische Wandel mit mehr alten und weniger jungen Menschen ist nicht nur in Deutschland spürbar, es ist ein Phänomen, das viele Staaten betrifft. Überall braucht es darauf tragfähige, neue Antworten. Auch hier in Armenien habe ich gesehen, dass in der Pflege genügend finanzielle Spielräume da sein müssen, um pflegerisches Engagement auch bezahlen zu können. Wer das Thema Pflege nur mit immer neuen Sparvorgaben lösen will, der ist in Armenien genauso wie in Deutschland auf der völlig falschen Spur.
„Wer das Thema Pflege nur mit immer neuen Sparvorgaben lösen will, der ist in Armenien genauso wie in Deutschland auf der völlig falschen Spur.“
Frage: Welche Begegnungen und Erfahrungen nehmen Sie mit nach Deutschland?
Burger: Mich beeindruckt, wie sich die Sozialarbeiterinnen und Pflegehelfer und die anderen Projektarbeiter aus dem christlichen Glauben heraus mit hoher Motivation und viel Herzblut für Bedürftige engagieren. Und wie viel das wert ist. Wir haben Menschen getroffen, die sagten: "Ich kann nur deshalb gut überleben, weil es die Caritas gibt. Die konkrete Hilfe gibt mir neuen Lebensmut, weil ich weiß, dass jemand nach mir schaut. Sonst wäre ich verloren."
Welskop-Deffaa: Das ist genau ein Beispiel für den Appell von Papst Leo in seinem ersten Lehrschreiben. Er ruft am Ende der Enzyklika alle Katholiken und Katholikinnen dazu auf, "Weber der Hoffnung" zu werden. Und genau solche Weber und Weberinnen der Hoffnung haben wir in Armenien viele getroffen. Sie arbeiten gemeinsam an dem Teppich, der die Menschen trägt.
Frage: Armenien hat kurz vor ihrem Besuch ein neues Parlament gewählt. Wahlsieger ist der bisherige - und damit wohl auch künftige – Regierungschef Nikol Paschinjan. War für Sie eine politische Aufbruchstimmung spürbar, die zum Beispiel den jüngsten Krieg gegen Aserbaidschan hinter sich lassen will?
Burger: Die politische Entwicklung Armeniens als Brücke zwischen Ost und West, zwischen Russland und EU stand nicht im Zentrum unserer Gespräche. Die katholische Minderheit von rund einem Prozent der Bevölkerung und auch die Caritas betonen immer ihre politische Neutralität. Nur so können sie ihrem Auftrag nachkommen.
Welskop-Deffaa: Erstaunlich ist aber schon, wie offensiv und bestimmt Paschinjan im Wahlkampf mit dem Thema Berg-Karabach umgegangen ist. Er hat klar gemacht, den Status quo zu akzeptieren. Das Land in die Zukunft führen zu wollen, ohne durch das Festhalten an Berg-Karabach einen neuen Konflikt mit Aserbaidschan zu riskieren. Unser Eindruck ist: Viele Menschen wünschen sich, dass der Kurs des sozialen und wirtschaftlichen Ausgleichs fortgeführt wird. Zugleich ist spürbar, wie groß die Hoffnung auf Sicherheit und Frieden ist.
Frage: Wie wichtig sind für Caritas Initiativen für mehr Umwelt- und Klimaschutz?
Burger: Der Schwerpunkt der mit deutscher Hilfe in Armenien finanzierten Caritasarbeit liegt im sozialen Bereich. Wir haben aber auch ein Umweltprojekt gefördert, bei dem es darum ging, in den Unterkünften für aus Berg-Karabach Vertriebene Solarmodule bereitzustellen.
Welskop-Deffaa: Die Menschen hatten zuvor in ihren Räumen mit kleinen Herden geheizt, in denen sie Plastikmüll verbrannten. Neben der Umweltbelastung war das extrem gesundheitsschädlich. Das Projekt zeigt beispielhaft, und das gilt auch für Deutschland, dass Klimaschutz gerade für besonders verletzliche Gruppen zugleich Gesundheitsschutz und damit doppelt überlebenswichtig ist