Zwischen Weihrauch und WhatsApp – Das Küsteramt heute

Gefäße, Gewänder und Messtexte für den jeweiligen Tag bereitlegen und dabei den würdevollen Umgang mit dem Allerheiligsten beachten. Das sind nur einige Punkte, die neun Teilnehmende in der Bistumsakademie Aachen lernen. Die angehenden Sakristane, Küsterinnen und Mesner – je nach Region werden in Deutschland unterschiedliche Bezeichnungen für diesen Beruf verwendet – lernen hier bei Maren Lünendonk (56) die Grundlagen für ihren Dienst.
"Welches Tuch ist das – das Lavabotuch oder das Korporale?", fragt die Ausbilderin in die Runde. Das Korporale werde nach Gebrauch zunächst von Hand ausgewaschen, damit "kein Krümel des Allerheiligsten einfach in der Kanalisation landet", erfahren die Teilnehmenden.
Migranten finden als Küster neue Heimat
Eine von ihnen ist die studierte Chemikerin Radmila Hafemann (50). Sie hatte zunächst an der Rezeption eines Altenheims gearbeitet, nachdem sie 2013 aus der Ukraine nach Deutschland gekommen war. Als sie auf die ausgeschriebene Küster-Stelle aufmerksam wurde, rechnete sich die orthodoxe Christin keine großen Chancen aus. Doch sie überzeugte im Bewerbungsgespräch – und fühlt sich als Küsterin in Teilzeit nun genau am richtigen Platz angekommen.
Die Auszubildenden sollen in der Sakristei der Bistumsakademie Aachen als Übung eine Messfeier am aktuellen Tag vorbereiten. Dazu gehört auch das Aufschlagen der passenden liturgischen Texte. Milad Ayoube Arbache (59) hatte damit zunächst Probleme, als sein Pfarrer ihn fragte, ob er nicht als Küster arbeiten wolle. Der Agraringenieur hatte in Syrien lange als Qualitätsmanager in der Lebensmittelindustrie gearbeitet. 2015 kam er aus Damaskus nach Deutschland – und konnte hier wegen gesundheitlicher Probleme zunächst nicht arbeiten. Doch der Küsterjob war für ihn eine gute Option – und die Ausbildung zeigte schnell Erfolge: Nach seinem ersten Kurstag habe der Pfarrer ihn angesprochen: "Oh, Herr Arbache, alle Texte richtig aufgeschlagen", berichtet er stolz.
Küster als greifbare Seelsorger
Die Teilnehmenden lernen nicht nur die richtige Verwendung von Büchern, Gewändern und Gegenständen. Lünendonk, die derzeit in mehreren Kursen 60 bis 80 neue Küster für das Bistum Aachen und das Erzbistum Köln ausbildet, betont: "Wir haben eine seelsorgerische Funktion". Schließlich seien die Mesner "oft das erste Gesicht, das die Leute in der Kirche sehen". In der Werktagsmesse in ihrer Heimatpfarrei sitze jeder betagte Kirchenbesucher meist auf einem angestammten Platz. Wenn da ein Platz zweimal leer bleibe, gehe sie ins Pfarrbüro, um nachzuhören, was mit der vermissten Person los ist. "Ich bin das Ohr und das Auge für die Gemeinde", definiert die Ausbilderin den Auftrag der Sakristane.
Die Teilnehmenden lernen nicht nur die richtige Verwendung von Büchern, Gewändern und Gegenständen.
Als Seelsorgerin begreift sich Natalie Goers schon lange. Die 42-Jährige studiert aus Interesse nebenberuflich Theologie und möchte gerne im Beerdigungsdienst tätig werden. Die ausgebildete Floristin hat im Kinderhospiz gearbeitet und war ehrenamtlich in der Kirche aktiv, als sie gebeten wurde, einmal im Monat als Mesnerin auszuhelfen. Nach vier Monaten war klar: Dieser Job ist mehr als eine Aushilfstätigkeit. Der Kontakt mit den Menschen in der Gemeinde begeisterte sie. Denn bei der Organisation von Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen könne sie den Menschen vermitteln, dass Gott da sei und helfe.
Sakristane als "Stehaufmännchen"
Wenn sich das kirchenferne Brautpaar nicht traut, den Pfarrer zu fragen, wann man sich bei der Trauung setzen oder hinstellen muss, sei die Hürde, mit ihr darüber zu sprechen, für viele geringer, sagt Gors. Sie will den Menschen vermitteln: Ihr müsst kein Vorwissen mitbringen – wir freuen uns einfach, dass ihr da seid.
Im Wortsinn mache sie das "Stehaufmännchen" und zeige im Gottesdienst "in einem viel zu großen Raum, der vielen fremd geworden ist", wann gerade was zu tun ist. Das vermittle Sicherheit und schaffe Beziehungen. Dass sie mit "ihren Brautpaaren" über WhatsApp und Instagram in Kontakt bleibe, trage ebenso dazu bei.
Mesner in Zivil oder Talar
Während Goers bewusst Talar und Rochette, ein weißes Leinengewand, trägt, arbeiten heute laut Lünendonk die meisten Sakristane in ziviler Kleidung. Peter Siepen (62) greift nur "zur Not" auf die traditionelle Garderobe zurück. Der frühere kaufmännische Prokurist will nach seinem Berufsleben nicht die Füße hochlegen, sondern sich in einem "sinnhaften Job" engagieren. Das bedeutet für ihn: Er möchte Menschen für die Kirche gewinnen, indem er dazu beiträgt, den Glauben mit Freude zu vermitteln.
Begeistert für ihren Glauben sind die Teilnehmer alle – und sie sind sich einig, dass sie den Beruf allein wegen des Geldes nicht machen würden. Da muss man laut Lünendonk "mit Leib und Seele dabei sein". So wie der gelernte IT-Techniker Andreas Goers (42). Er war 2021 aus seinem alten Job ausgestiegen und hatte sich auf Sinnsuche begeben. Der evangelische Christ war der katholischen Kirche als Kind im Schulgottesdienst begegnet – und empfand sie damals als dunkel und abweisend.
„Wir haben eine seelsorgerische Funktion“
Über seine Frau Natalie lernte Andreas dann aber Menschen kennen, die ihm ein persönliches, nahbares und freundliches Bild der katholischen Kirche vermittelten. Die Kinder-Emotion der dunklen Kirche kann er heute nicht mehr nachvollziehen: Er erlebe heute eine "vollkommen andere Welt, die Spaß macht", sagt Goers. Er konvertierte, wuchs weiter in den Glauben hinein und ist heute, wie seine Frau, als Küster tätig.
Küsterin nach vielen Umwegen
Auch für Vanessa Knabe (34) ist ihre berufliche Laufbahn eng mit ihrer persönlichen Geschichte verknüpft: Die ausgebildete Friseurin war zwar früher einmal Messdienerin, aber längst aus der Kirche ausgetreten, als sie ihren späteren Mann kennenlernte. Als der Atheist anfing, sich für den Glauben zu interessieren, beschloss sie, diesen Glaubensweg mit ihm zu gehen. Sie trat wieder ein, er ließ sich taufen.
Dann stand das ehemalige Küsterhaus von Vanessas Heimatgemeinde zum Verkauf. Als auch die Arbeitsstelle der Vorbesitzerin des Hauses ausgeschrieben wurde, war das für Vanessa ein Zeichen, neben dem Küsterhaus auch den Küsterjob zu übernehmen. Für sie sei es jeden Tag wieder "sehr besonders, das machen zu dürfen", sagt Knabe. Sie sei so noch weiter im Glauben gewachsen und danke Gott dafür, dass sie "über so viele Umwege" ihren Weg gefunden habe.