Missbrauchsvorwürfe gegen Kardinal Hengsbach haben sich erhärtet
Die im September 2023 öffentlich bekanntgewordenen Missbrauchsvorwürfe gegen den früheren Essener Kardinal Franz Hengsbach (1910–1991) haben sich erhärtet. Laut einem am Donnerstag vorgestellten Zwischenbericht dreier Forschungsinstitute liegen gegen den Gründungsbischof des Bistums Essen inzwischen zwölf Vorwürfe der sexuellen Gewalt gegenüber Minderjährigen vor. Nach historischer Quellenkritik wiesen fünf dieser Vorwürfe eine hohe inhaltliche Konsistenz und biografische Kohärenz auf, teilte das Forschungsteam mit. Drei davon betreffen nach Angaben der Wissenschaftler sexuelle Übergriffe auf damals minderjährige Mädchen.
Demnach soll Hengsbach in den 1950er Jahren eine 16-Jährige mehrfach zu sexuellen Handlungen gezwungen haben. Ein weiterer Vorwurf bezieht sich auf die 1960er Jahre: Eine damals etwa 13-Jährige soll mehrfach unter der Kleidung im Brustbereich berührt worden sein. Neben diesen beiden bereits 2023 bekanntgewordenen Fällen berichten die Forschenden in ihrem Zwischenbericht auch von einem Vorwurf aus den 1980er Jahren. Dabei soll Hengsbach eine 13-jährige Firmandin nach einem Gottesdienst in der Sakristei sexuell berührt und sexualisiert angesprochen haben.
"Gut belegte und plausible" Vorwürfe
Im sozialwissenschaftlichen Teil der Untersuchung werden diese drei Vorwürfe als "gut belegt und plausibel" bewertet. Darüber hinaus liegen den Forschenden vier Vorwürfe sexualisierter Gewalt gegen Jungen vor. In drei Fällen reiche die Datenlage derzeit nicht für eine abschließende Bewertung aus. Mindestens ein Fall weise jedoch deutliche Ähnlichkeiten zu anderen Vorwürfen gegen Hengsbach auf. Sexualisierte Gewalt gegen Jungen könne daher nicht ausgeschlossen werden. Die Forschenden empfehlen, alle vier Vorwürfe ernst zu nehmen und weiterzuverfolgen.
Die Statue von Kardinal Franz Hengsbach vor dem Essener Dom wurde 2023 entfernt.
Keine Hinweise fanden die Wissenschaftler dagegen bislang darauf, dass Vorwürfe schwerster sexualisierter, physischer und psychischer Gewalt mit teilweise satanisch-rituellen Bezügen in der geschilderten Form stattgefunden haben oder dass Hengsbach daran beteiligt gewesen sei. Trotzdem sollten solche Meldungen weiterhin ernst genommen und ergebnisoffen geprüft werden, betonen die Autoren.
In dem Zwischenbericht kritisieren die Forschenden auch den Umgang des Bistums Essen mit Hinweisen auf die Vorwürfe gegen Hengsbach. Bereits in den 1980er Jahren sollen einzelne Mitarbeitende des Bistums von Vorwürfen gegen Hengsbach gewusst haben. Spätestens 2011 sei das Bistum über die Meldungen informiert gewesen, mit diesem Wissen sei aber nicht adäquat umgegangen worden. Erst nachdem sich 2022 erneut eine Betroffene gemeldet hatte, befasste sich die Bistumsleitung umfassend mit den Anschuldigungen. Im September 2023 machten das Bistum Essen und das Erzbistum Paderborn die Vorwürfe dann öffentlich. 2023 hatte Essens amtierender Bischof Franz-Josef Overbeck bereits eigene Fehler im Umgang mit den Vorwürfen gegen seinen Vorgänger eingeräumt.
Vorwürfe im Zusammenhang mit kirchlichen Machtstrukturen
Die Wissenschaftler sehen die Vorwürfe zudem im Zusammenhang mit kirchlichen Machtstrukturen. Die Konzentration von Ämtern, fehlende Kontrolle bischöflicher Macht und ein "Nimbus der Unangreifbarkeit", wie ihn Hengsbach insbesondere in den 1980er Jahren gehabt habe, hätten Verhältnisse geschaffen, die Grenzüberschreitungen ermöglicht und Aufklärung erschwert hätten.
Der jetzt vorgestellte Zwischenbericht basiert auf den bisherigen Untersuchungsergebnissen des Münchner Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), des Berliner Dissens-Instituts und der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Die drei Institute waren im Oktober 2024 damit beauftragt worden, die Vorwürfe gegen Hengsbach aus einer historisch-biografischen und einer sozialwissenschaftlichen Perspektive zu untersuchen.
Franz Hengsbach während einer Soldatenwallfahrt nach Lourdes am 12. Juni 1975.
Die Vorwürfe gegen Hengsbach werden in dem Zwischenbericht in sechs Gruppen eingeordnet. Neben den Vorwürfen sexualisierter Gewalt gegen Mädchen und Jungen listet der Bericht Vorwürfe destruktiven Machtmissbrauchs Hengsbachs gegenüber unterstellten Klerikern sowie grenzverletzende und irritierende körperliche Nähe des Geistlichen auf. Zudem wird Hengsbach als "Wissender von sexualisierter Gewalt" bezeichnet. Mehrere Personen hätten angegeben, sich dem Bischof anvertraut und ihm von erlittener sexualisierter Gewalt erzählt zu haben. Hengsbach habe auf diese Berichte abwehrend und ablehnend reagiert, Konsequenzen für die Beschuldigten seien nicht erfolgt. Eine mögliche Mitwisserschaft sei allerdings bislang nicht gut belegt, jedoch Gegenstand der zweiten Phase des Projekts.
Im Rahmen der Untersuchung werteten die Forschenden den Angaben zufolge 12 Fallakten mit rund 3.000 Seiten zu Meldungen, in denen Hengsbach als Beschuldigter im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt benannt wurde, 34 Personal- und Geheimakten von Klerikern des Bistums Essen sowie zahlreiche Archivakten unter anderem aus dem Bistum Essen und den Erzbistümern Paderborn und Köln aus. Außerdem führten sie 28 qualitative Interviews, darunter 6 mit Betroffenen und 22 mit Zeitzeugen und Verantwortlichen des Bistums Essen.
Ab 1958 der erste Bischof des Bistums Essen
Hengsbach war ab 1958 der erste Bischof des damals neu gegründeten Bistums Essen. Noch lange nach seinem Tod 1991 war er im Ruhrgebiet beliebt. Im Februar 2023 zeigte eine Aufarbeitungsstudie für das Ruhrbistum, dass Hengsbach während seiner Amtszeit als Bischof unzureichend mit Missbrauchsvorwürfen gegen Priester in der Diözese umgegangen war. Einige Monate später machten das Bistum Essen und das Erzbistum Paderborn, wo Hengsbach Weihbischof gewesen war, dann öffentlich, dass auch dem Kardinal selbst Missbrauch angelastet wurde.
Finanziert wurde die Studie vom Bistum Essen, dem Erzbistum Paderborn, dem Hilfswerk Adveniat, der Katholischen Soldatenseelsorge und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Neben seiner Tätigkeit als Bischof von Essen und Weihbischof in Paderborn war Hengsbach im Laufe seines Lebens auch Vorsitzender von Adveniat, Militärbischof für die Bundeswehr und Generalsekretär des ZdK gewesen. (stz)
Link zum Zwischenbericht
Der gesamte Zwischenbericht ist hier abrufbar.
