Klare Versäumnisse

Kardinal Nemet über Ära Orban: Kirchen waren zu nah an der Macht

Veröffentlicht am 25.06.2026 um 13:15 Uhr – Lesedauer: 

Wien ‐ Kirche selbstkritisch: Der ungarischstämmige Erzbischof von Belgrad sieht deutliche Versäumnisse in der Ära Orban. In einem Interview empfiehlt er, welche Lehren daraus zu ziehen sind.

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Der ungarischstämmige Belgrader Erzbischof Kardinal Ladislav Német sieht klare Versäumnisse der Kirchen in der Ära Viktor Orban. Im Interview der Wochenzeitung "Die Furche" analysiert er, welche Lehren daraus zu wären. Diese seien "zu nah an der Macht" gewesen, so Német. Es sei ihm ein Rätsel, wie es möglich war, dass die Kirchenhierarchie so lange Orbans Politik mitgetragen habe. Für die ungarische Gesellschaft sei der jüngste politische Machtwechsel ein ungeheurer Erfolg, so der Belgrader Kardinal: "Die Menschen haben realisiert, dass es möglich war, gemeinsam das System zu verändern."

Vor den Wahlen habe in Ungarn fast eine Volksdepression vorgeherrscht, so der Kardinal: "Der Staat kontrollierte alles, die Regierung hatte auch die meisten Medien in der Hand und versuchte, die Andersdenkenden stark zu beeinflussen, gar zu vernichten." Sogar die Kirchen seien in gewisser Weise kontrolliert worden, indem man sie finanziell zunehmend abhängig gemacht habe. Sein Fazit: "Sie sind der Regierung und der Macht zu nahe gekommen."

"Polarisierung der Bevölkerung"

Manche Politikbereiche müsse man freilich differenziert beurteilen, so der Kardinal weiter. Die Familienpolitik der Orban-Regierung, vor allem die Unterstützung der jungen Familien, sei von den meisten in Ungarn positiv aufgenommen worden, auch von den Jüngeren. Andererseits sei diese Politik wiederum durch Machtmissbrauch instrumentalisiert worden; so sei "eine ungeheure Polarisierung in der Bevölkerung erzeugt" worden; "auch durch Feindbilder, durch Gegenüberstellung von Lebensgeschichten", so Német.

Der Kardinal weiter: "Kritisiert wurde an Orban die Korruption, die hohe Inflation, die Widersprüchlichkeit zwischen Worten und Taten, die Darstellung der Ukraine als Feindbild und die Panikmache, dass jeder, der anders denkt und lebt, als sich die Regierung das wünscht, ein Feind ist." Dieses Spiel mit Gefühlen, die Ideologie und die Werte dahinter sowie das Christentum seien zu einem Gemenge verschmolzen und durch die öffentlichen und staatlichen Medien kommuniziert worden, sagte Nemet. Und die kirchliche Hierarchie habe versäumt, angesichts dessen eine "Unterscheidung der Geister" vorzunehmen.

"Religion kann Feindbilder verstärken"

Orban sei ein Genie, "Gelegenheiten zu nutzen, Potenziale zu erkennen, Menschen zu mobilisieren, zu begeistern, Geschehnisse zu analysieren", so Nemet; "und er ist ein genialer Redner, sonst hätte er es nicht geschafft, insgesamt 20 Jahre Ministerpräsident eines Landes zu sein". Religion könne aber auch gegen Menschen mobilisieren und Feindbilder verstärken, räumte der Kardinal ein. "Und wenn man die richtigen Themen dazu nimmt, etwa Angst oder Hoffnungslosigkeit, dann braucht man einen Erlöser, der den Menschen Kraft gibt und sie verteidigt." Das Muster der "starken, populistischen Leader" seien bekannt; wissenschaftlich-historische "sehen wir hier ziemlich klar, wohin all das führen kann".

Er könne nicht verstehen, so Nemet, warum die Kirchen, insbesondere die katholische und die reformierte, "so lange weitgehend geschwiegen haben, als die Politik sich einer religiösen Rhetorik bediente, um Menschen abzuwerten oder auszugrenzen". Der Kardinal weiter: "Wo Menschen mit religiösen Symbolen in der Hand rhetorisch entmenschlicht werden, wo sie vom Ministerpräsidenten öffentlich als 'Wanzen' oder 'Schädlinge' markiert werden, die ausgerottet gehören, entsteht ein tiefes Problem für die Glaubwürdigkeit der Kirche." Für die Kirchen in Ungarn sei es künftig eine wesentliche Aufgabe, "uns gerade daran messen zu lassen, ob wir in solchen Situationen das Evangelium klar genug gegen jede Form der Instrumentalisierung von Religion zur Sprache bringen und uns von den Opfern dieser Rhetorik den Spiegel vorhalten lassen". (KNA)